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StartseiteSport am Wochenende"Ein Konflikt, der nicht schön ist für die Bewerbung"27.11.2010

"Ein Konflikt, der nicht schön ist für die Bewerbung"

Politische Aktualität und olympische Arithmetik bei der Vergabe der Winterspiele 2018

Mit der Gefahr aus dem Norden lebe man seit 60 Jahren - trotz der militärisch angespannten Lage geben sich die Südkoreaner in punkto Olympia-Bewerbung gelassen. Profitiert dennoch der Konkurrent München?

Von Jens Weinreich

München hofft auf Olympia 2018 (Bewerbungsgesellschaft München 2018 GmbH)
München hofft auf Olympia 2018 (Bewerbungsgesellschaft München 2018 GmbH)
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Die Bewerber für die Olympischen Winterspiele 2018 sind in diesen Tagen viel unterwegs, um jede Gelegenheit zu nutzen, sich vor den Mitgliedern des Internationalen Olympischen Komitees zu präsentieren, so auch auf dem europäischen Sportgipfel in Belgrad. Der Trend der Präsentationen setzte sich auch dort weiter fort – München hinterließ den besten Eindruck, Pyeongchang (Südkorea) verbesserte sich, Annecy (Frankreich) spielt keine Rolle. Mit Blick auf die Münchner Bewerbung stellen sich zwei Fragen: Erstens: Wie beeinflusst der Korea-Konflikt die Olympiabewerbung? Und zweitens: Kommen München die anderen europäischen Olympiapläne in die Quere?

Bei den Präsentationen vor der Vollversammlung der europäischen NOK wurde die Korea-Krise nicht erwähnt - weder von Pyeongchang, noch von den Vertretern aus 49 Ländern, darunter etwa 15 IOC-Mitglieder. Erst nach dem Termin im Hyatt Regency Hotel, beim Interview-Marathon, erklärten sich die Bewerber. Katarina Witt, Frontfrau der Münchener Olympia-Offerte:

"Das ist natürlich jetzt ein Konflikt, der nicht schön ist für die Bewerbung. Und man wünscht natürlich von ganzem Herzen, dass das so schnell wie möglich beigelegt wird. Weil, Krieg oder irgendwelche Attacken sind immer schlimm in der heutigen Welt, weil doch immer unschuldige Menschen dran glauben müssen."

Die Südkoreaner geben sich demonstrativ gelassen. Wie etwa Yong Sung Park, der NOK-Präsident und Chef des Doosan Konzerns. Mit der Gefahr aus dem Norden lebe man seit 60 Jahren, sagt Park, manchmal gebe es jeden Monat Zwischenfälle, mitunter jährlich oder im Zweijahresrhythmus.

Südkorea hat Olympische Spiele, eine Fußball-Weltmeisterschaft und zahlreiche andere Großereignisse wie zuletzt den G20-Gipfel ohne Zwischenfälle ausgerichtet. Darauf wies Bewerbungschef Yang Ho Cho, Chef der Fluggesellschaft Korean Air, gebetsmühlenartig hin. Das ist die Wahrheit. Dennoch ist Pyeongchangs Bewerbung gefährdet. Ähnliche Zwischenfälle im Frühjahr 2011, kurz vor der IOC-Entscheidung, könnten das Aus und damit Münchens Olympiasieg bedeuten. Das glaubt Österreichs IOC-Mitglied Leo Wallner, der langjährige Spielbank-Chef:

"Je näher die Vergabe kommt und mit so einem Ereignis vielleicht zusammenfällt, desto eher ist es eine Überlegung hier."

Wallner erinnert an die Vergabe der Sommerspiele 2012 an London. Einen Tag nach der IOC-Entscheidung wurden im Juli 2005 bei Terror-Attentaten in der Londoner Metro 52 Menschen ermordet:

"Man sagt allgemein, London hätte keine Spiele bekommen, wenn das Attentat drei Tage vorher passiert wäre."

Mit diesem Risiko muss Pyeongchang leben. Man kann es nicht ändern. Wer wüsste das besser als die Münchner, deren 72er-Spiele vom Angriff palästinensischer Terroristen überschattet wurden. IOC-Vizepräsident Thomas Bach:

"Sicherheit hat natürlich höchste Priorität. Aber es ist eben auch schwierig, die Sicherheitslage in einer Stadt, in einer Region acht Jahre vorher einzuschätzen. Das ist, glaube ich, eine Überforderung an Bewerber und auch an diejenigen, die abstimmen. Und deshalb kann man hier nicht die Maßstäbe von hier und heute anlegen."

Ein zweites brandaktuelles Thema wird zunehmend diskutiert: Vergangene Woche hat sich das Schweizer Sportparlament im Grunde für eine Olympiabewerbung 2022 ausgesprochen. Die Winterspiele 2014 finden in Europa statt, in Sotschi. Für 2018 bewirbt sich München, für 2022 die Schweiz, vielleicht auch Barcelona, für 2020 Rom, für 2024 Paris. Welches Interesse sollten also andere Europäer an Spielen in München haben, wenn sie damit ihre eigenen Chancen begraben? Zumal: Allein die Schweiz hat fünf IOC-Mitglieder, das ist eine Macht. Jörg Schild, Präsident von Swiss Olympic, hat die Kandidatur angeschoben. Er sagt:

"Die Schweiz kann solche Spiele organisieren. Wir können es nicht, wie es Herr Putin gemacht hat, von oben verordnen. Dann, ich sage es ganz offen, besteht noch die Lotterie des IOC. Diejenigen, die bestimmen, das sind über 50 Prozent der Leute, haben keinerlei Bezug zu Wintersportarten."

Schild ist gewöhnlich um klare Worte nicht verlegen. Doch darüber, inwieweit das Schweizer Projekt - es gibt fünf interessierte Regionen - Münchens Bewerbung gefährdet, will er nicht spekulieren:

"Da beginnt die IOC-Lotterie und darüber will ich mich lieber nicht äußern."

Auch sein deutscher Kollege Bach bevorzugt, wie meistens, die sportpolitisch unverfängliche Antwort:

"Ich habe hier volles Vertrauen in die IOC-Kollegen, dass sie die beste Wahl treffen und sich hier nicht von langfristigen taktischen Spielchen beherrschen lassen. Denn, das hat die Erfahrung gezeigt, das ist meist schiefgegangen. Und so hoch werden sie hoffentlich nicht pokern."

Im IOC gibt es kein Rotationssystem zwischen den Kontinenten. Es ist ein aber ungeschriebenes Gesetz, dass die Austragungsorte wechseln – zumindest bei Sommerspielen. Bei Winterspielen ist das etwas anders. Thomas Bach hat Sotschi und die Spiele 2014 schon mal Asien zugerechnet, um bessere Argumente zu haben, warum München 2018 dran sein sollte. Nun bringt er, um Ideen nicht verlegen, eine neue geografische Variante ins Spiel:

"Das ist im Winter unterschiedlich auch zum Sommer. Im Winter können sehr viel weniger Kontinente an nur sehr wenigen Stellen überhaupt Olympische Spiele organisieren. So ist dort das Maß eher die Frage der Gebirgszüge, die hier eine Rolle spielen. Und ich glaube, die IOC-Mitglieder unterscheiden durchaus zwischen dem Kaukasus und den Alpen."

München sollte darauf hoffen.

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