Mittwoch, 14.11.2018
 
Seit 21:05 Uhr Querköpfe
StartseiteCampus & KarriereEin neues Zuhause für verfolgte Werke13.11.2009

Ein neues Zuhause für verfolgte Werke

Unibibliothek Augsburg übernimmt die "Bibliothek der verbrannten Bücher"

Im Mai 1933 brannten in Deutschland Bücher: Systematisch verfolgten die Nationalsozialisten jüdische und linke Autoren. Georg Salzmann hat sich zur Lebensaufgabe gemacht, sämtliche Werke dieser Autoren in seiner "Bibliothek der verbrannten Bücher" zu versammeln. Es ist ihm fast vollständig gelungen. Seit kurzem gehört Salzmanns Sammlung nun zu den Beständen der Universitätsbibliothek Augsburg. Gerade jetzt wird sie dort zum Abschluss der bundesweiten Aktionswoche Deutschland liest zum ersten Mal öffentlich präsentiert.

Von Kilian Geiser

Umstehende betrachten einen Stapel brennender Bücher am 10. Mai 1933 auf dem Berliner Opern-Platz. (AP Archiv)
Umstehende betrachten einen Stapel brennender Bücher am 10. Mai 1933 auf dem Berliner Opern-Platz. (AP Archiv)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast

Für die Präsentation seines Lebenswerks in Augsburg hat sich Georg Salzmann eine Stelle aus Lion Feuchtwangers Buch "Jud Süß" ausgesucht. Es ist ein niederträchtiger Mord an einem Mädchen, der einem jüdischen Händler als Ritualmord angehängt wird. Für Salzmann zeigen diese Zeilen beispielhaft die Verachtung der Juden in der deutschen Geschichte.

"Und dann fand man auf dem Unrathaufen die zerschnittene Leiche. Die Schweine fraßen schon daran. Fledermausartig mit fantastischen Gräueln ausgeschmückt flog der Bericht von der Untat durch die Stadt. Zusammen liefen die Leute, alles Tagwerk im Haus hörte auf, die Tore wurden geschlossen der Rat zusammengerufen, Gräuel über Gräuel! Ein unschuldiges Christenkind scheußlich gemartert von den Juden, das Blut abgezapft für die Osterkuchen, die verstümmelte Leiche den Schweinen vorgeworfen."

Salzmann selbst stammt aus tiefbraunem Elternhaus. Sein Vater, überzeugter Nationalsozialist, nahm sich bei Kriegsende das Leben. Salzmann kam 1945 als 16-jähriger mit einem amerikanischen Offizier ins Konzentrationslager Buchenwald - ein Erlebnis, das ihn zum Umdenken brachte. Schon auf dem Nachhauseweg kaufte er das erste der Bücher, die heute mit rund 11.000 Werken eine einmalige Sammlung bilden.

"Da bin ich mit zwei oder drei anderen Jungen in Weimar rumgetigert und da bin ich durch Zufall, das war dann die spätere Volksbuchhandlung, die hatte damals im Juni 45 schon eine kleine Ecke eingerichtet und die Bücher, die sie vorher versteckt hatten, die brachten sie da zum Verkauf. Das waren vielleicht 30 bis 40 Bücher, so wie ich das heute in Erinnerung habe, und da habe ich den jüdischen Krieg von Lion Feuchtwanger gekauft."

Es war Literatur, wie sie Salzmann bis dahin nie zu lesen bekommen hatte. Sie faszinierte ihn, zog den Jungen in ihren Bann. Als Salzmann später in den 70ern beruflich alleine nach Hamburg ging, seine Familie in München nur alle 14 Tage besuchen konnte, begann er seine freie Zeit in Antiquariaten zu verbringen. 1983 zum 50. Jahrestag der Bücherverbrennung organisierte er dann seine erste Ausstellung. Zunächst enttäuscht vom schwachen Medieninteresse, entwickelte sich mit der Zeit die Idee, eine vollständige Sammlung zu bekommen.

"Es sollte den Nazis 60 Jahre nach ihrem ruhmlosen Ende nicht doch noch gelingen, das eine ganze Generation der besten deutschen Autoren vergessen wird, die gehörten zur Blüte der deutschen Literatur und sind heute weitestgehend vergessen und ich habe versucht, mit meinem kleinen Engagement dagegen anzugehen. Ich befürchte immer noch, dass es den Nazis doch noch gelingt."

Seine Sammlung dürfte weltweit einmalig sein. Salzmanns Wunsch war es, sie nicht nur in seinem Haus zu stapeln, sondern sie wirklich nutzbar zu machen. An der Universität Augsburg soll die Sammlung nun in eine Reihe von Forschungsprojekten einfließen - doch nicht nur Professoren und Studenten werden in den Werken blättern können, sagt der Leiter der Universitätsbibliothek Ulrich Hohoff:

"Also zunächst kommt es darauf an, dass wir diese Sammlung über die Bibliothek mal zugänglich machen. Das heißt, alle Werke müssen tatsächlich in einem Katalog greifbar und abfragbar sein. Dann wollen wir die Bände selber natürlich zugänglich machen, es wird eigene Räume geben, in denen wir die Sammlung präsentieren, und diese Räume werden tagsüber offen stehen, sowohl für die Mitglieder der Universität, als auch für jede Bürgerin und jeden Bürger, die sich für diese Werke interessieren."

Noch gibt es kein lückenloses Inventar der Sammlung. Fest zu stehen scheint aber, dass die Bände nicht ganz vollständig sind. In Augsburg freut man sich deshalb auch schon auf die Zusammenarbeit mit weiteren Sammlern, die noch fehlende Werke zur Bibliothek der verbrannten Bücher beisteuern können.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk