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StartseiteKalenderblattEin Preuße durch und durch28.06.2013

Ein Preuße durch und durch

Vor 200 Jahren starb der preußische General und Militärreformer Gerhard von Scharnhorst

Gerhard von Scharnhorst hatte viele Begabungen. Als Organisator der preußischen Heeresreformen bewies er militärstrategisches Geschick. In den Briefen an seine Frau zeigte er eine bewundernswerte Beobachtungsgabe. Im Juni 1813 starb er an den Folgen einer Kriegsverletzung.

Von Bernd Ulrich

Der preußische General Gerhard von Scharnhorst organisierte die militärischen Vorbereitungen des Befreiungskrieges. (picture alliance / dpa / akg-images)
Der preußische General Gerhard von Scharnhorst organisierte die militärischen Vorbereitungen des Befreiungskrieges. (picture alliance / dpa / akg-images)
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"Ich bin nicht zum Soldaten gemacht: Ohne Schwierigkeiten ertrage ich die Gefahr, aber der Anblick der unschuldigen jammernden Menschen im Blute neben mir, das Feuer der brennenden Dörfer, von Menschen zum Vergnügen angelegt, die übrigen Greuel der allgemeinen Verwüstung bringen mich in Wut und in eine mir unerträgliche Stimmung."

Das sind für einen Offizier des späten 18. Jahrhunderts bemerkenswerte Einsichten – und es werden auch nicht die letzten sein von einem, dessen ganzes militärwissenschaftliches und gesellschaftspolitisches Bestreben darauf gerichtet war, den Krieg zu einem des Volkes zu machen, vereint im Aufstand gegen die verhasste napoleonische Fremdherrschaft.
Die mitfühlenden Sätze wurden am 24. Mai 1793 von Gerhard Johann David Scharnhorst in einem Brief an seine Frau Clara formuliert, - als der 38-jährige Artillerieoffizier der Hannoverschen Armee im ersten Koalitionskrieg gegen das revolutionäre Frankreich kämpfte. In einem bald darauf publizierten Aufsatz kam er zu dem Schluss, dass es weniger das "Glück" war, das den französischen Truppen den Sieg garantierte, als vielmehr deren

"Liebe zum Kriege, die freiwillige Aufopferung, größte Strenge und Grausamkeit in allen Maßregeln, die der Krieg erfordert. Auf der anderen Seite: Abneigung gegen den Krieg, größte Gelindigkeit, Laulichkeit oder sogar Widersetzlichkeit in den Maßregeln des Krieges."

Das waren Beobachtungen, die ein Jahr später noch präzisiert wurden:

"Wir werden erst siegen können, wenn wir gelernt haben, so wie die Jakobiner den Gemeinsinn zu wecken. Wenn man mit derselben Tatkraft und Rücksichtslosigkeit alle Hilfsquellen der Nation mobil machen wird, ihre Leiber, ihr Vermögen, ihren Erfindungsgeist, ihre Hingabe zu dem Heimatboden und nicht zuletzt ihre Liebe zu den Ideen."

Womit Scharnhorst bereits das Kernprogramm der späteren preußischen Heeresreformen formuliert hatte. Im Jahr 1801 war der allseits als Kriegsschullehrer und kundiger Militärschriftsteller geschätzte Offizier in preußische Dienste getreten und zwei Jahre später auf seinen dringenden Wunsch hin durch den preußischen König Friedrich Wilhelm III. geadelt worden. Wilhelm von Humboldt, der sich 1809 mit dem mittlerweile zum Generalmajor beförderten Scharnhorst befreundete, schrieb über ihn:

"Er ist ein sehr gescheuter, origineller Mann, zugleich von liebenswürdigem und großem Charakter, der unter einem beinahe träumerischen Ansehen sehr viel verbirgt."

Was da verborgen lag, - nämlich ein durchsetzungsfähiger, analytisch geschulter Offizier mit einem ausgeprägten Organisationstalent - offenbarte sich 1806, nach der vernichtenden Niederlage Preußens in der Doppelschlacht von Jena und Auerstädt. Sie hatte das ganze Ausmaß altpreußischer Rückständigkeit in der Ausbildung der Soldaten und Offiziere verdeutlicht. Und Scharnhorst sah seine Berufung darin, dies zu ändern. So wie die Franzosen für die Verteidigung der Revolution und schließlich für die Eroberung Europas mobilisiert wurden, so sollten nun die Preußen, ja, die Deutschen, im Geiste eines patriotischen Enthusiasmus' für die Niederlage Napoleons und politische und militärische Reformen kämpfen. Nicht mehr Prügel und Drill durften den Soldatenalltag bestimmen. Der Militärhistoriker Herbert Rosinski:

"Es war unmöglich, an das Ehrgefühl und Nationalbewusstsein eines Mannes zu appellieren, dessen Rücken noch nicht sicher war vor dem Stock des Korporals."

Freilich konnten alle von Scharnhorst initiierten Reformansätze - wie die Volksbewaffnung durch die Wehrpflicht, die Schaffung eines milizartigen Landsturms oder etwa die Öffnung des Offizierskorps für das aufstrebende Bürgertum – nur in den unmittelbaren Folgejahren der Niederlage bei Jena und Auerstädt wenigstens in Ansätzen realisiert werden; danach erlahmte der Reformwillen. Zu groß war die Angst des preußischen Königs und des Adels, die schlafenden Hunde der Revolution im eigenen Land zu wecken. Nach 1815 gehörte es, so der Historiker Gerhard Ritter,

"zum System der Restauration, der Armee den als jakobinisch verschrienen Geist wieder auszutreiben und das Volksheer zu einer streng disziplinierten Leibgarde der Monarchie zu machen."

Scharnhorst sollte von dieser Entwicklung nichts mehr mitbekommen. Ohne wirklichen Einfluss auf die Ereignisse wurde er am 2. Mai 1813 im Verlaufe der ersten Schlacht der Befreiungskriege bei Groß-Görschen am Knie verwundet. Am 28. Juni starb er an der dadurch ausgelösten Wundinfektion in Prag, - wohl einer der letzten der 34.000 Verwundeten und Toten von Groß-Görschen. Dreieinhalb Monate später, am 16. Oktober 1813, begann die Völkerschlacht bei Leipzig.

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