Jahrestag in der Türkei
Ein Putschversuch, der Erdogans Macht festigte

In der Türkei jährt sich der Putschversuch heute zum zehnten Mal. Am Abend des 15. Juli 2016 hatten Teile des türkischen Militärs versucht, die Regierung von Präsident Erdogan zu stürzen.

    Türkische Polizisten nehmen auf dem Taksim-Platz in Istanbul einen mutmaßlichen Putschisten fest.
    Türkische Polizisten nehmen auf dem Taksim-Platz in Istanbul einen mutmaßlichen Putschisten fest. (Aufnahme von 2016) (pa/dpa/EPA/Sedat Suna)
    In Istanbul und der Hauptstadt Ankara gab es damals Gefechte zwischen Putschisten und regierungstreuen Sicherheitskräften. Die Putschisten feuerten mit Panzern und Kampfjets auch auf Zivilisten, die sich ihnen nach einem Aufruf Erdogans entgegenstellten. Erdogan selbst entkam nur knapp einem Attentat an seinem Urlaubsort Marmaris. Auch das Parlamentsgebäude in Ankara wurde beschossen. Bei Kämpfen wurden etwa 250 Menschen getötet und mehr als 2.000 weitere verletzt. Der Putschversuch scheiterte nach wenigen Stunden, auch durch Widerstand in der Bevölkerung.

    Putschversuch hat die türkische Gesellschaft verändert

    Erdogan machte den seinerzeit in den USA lebenden islamischen Prediger Gülen für den versuchten Umsturz verantwortlich. Gülen wies dies bis zu seinem Tod im Jahr 2024 stets zurück.
    Für die türkische Gesellschaft hatte der gescheiterte Putschversuch weitreichende Folgen. Unter dem Ausnahmezustand, den Erdogan anschließend ausrief und der erst im Juli 2018 endete, ging die Regierung gegen mutmaßliche Putschisten und Anhänger von Gülens Bewegung, aber auch gegen Oppositionelle vor. Per Dekret wurden mehr als 100.000 Staatsbedienstete entlassen, darunter Lehrer, Richter, Staatsanwälte, Ärzte, Wissenschaftler und Polizeibeamte. Zehntausende Menschen wurden verhaftet, zahlreiche Medien und Verlage geschlossen. 

    Ex-Botschafter Erdmann: Wendepunkt zur Autokratie

    Der damalige deutsche Botschafter in der Türkei, Erdmann, sieht bis heute viele Ungereimtheiten. Die Verlegung von Kampfflugzeugen und Panzern seitens der Putschisten etwa könne der Regierung und den Geheimdiensten nicht verborgen geblieben sein, sagte der Ex-Diplomat im Deutschlandfunk. Heute gelte der Tag als ein Wendepunkt in der jüngeren türkischen Geschichte hin zur Autokratie.
    Beobachter gehen davon aus, dass Erdogan durch den Ausnahmezustand nach dem Putschversuch leichter umsetzen konnte, was er schon lange plante: die Einführung eines Präsidialsystems mit weitreichenden Vollmachten für den Präsidenten. Noch im Ausnahmezustand ließ Erdogan 2017 ein Referendum über das Präsidialsystem abhalten, das ein Jahr später eingeführt wurde. Seitdem hat Erdogan so viel Macht wie nie zuvor und großen Einfluss auf die Justiz.

    15. Juli: Die einen feiern, die anderen trauern

    Der 15. Juli polarisiert die türkische Gesellschaft. Der Tag ist inzwischen ein offizieller Feiertag, doch parallel trauern Familien von Getöteten um ihre Angehörigen. Andere kämpfen weiter mit den Folgen des nach dem Putschversuch ausgehängten Ausnahmezustands. Noch immer versuchen etwa per Dekret entlassene Akademiker, ihre Wiederanstellung vor Gericht zu erstreiten.
    Diese Nachricht wurde am 15.07.2026 im Programm Deutschlandfunk gesendet.