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Ein Reader mit schmerzhaften Lücken

Als Adorno oder Orwell pessimistisch in die Zukunft blickten, wurde der 1977 in Tübingen gestorbene Ernst Bloch u.a. mit "Das Prinzip Hoffnung" berühmt. Der Suhrkamp-Verlag legt pünktlich zum 125. Geburtstag des Philosophen am 8. Juli zwei Bände "Ausgewählte Schriften" vor - zentrale und heute noch aktuelle Intentionen Blochs bleiben auf der Strecke.

Von Hans-Martin Schönherr-Mann | 07.07.2010
    Im pragmatischen Zeitalter bekennen sich nur noch wenige zu einem utopischen Denken. Obwohl der globale Kapitalismus eine Krise nach der anderen durchlebt, erregen marxistische Gegenmodelle wenig Begeisterung, schließlich ist das flächendeckende Scheitern der diversen realsozialistischen Experimente noch in guter Erinnerung.
    So verwundert es nicht, wenn Ernst Bloch als einer der großen Neomarxisten des 20. Jahrhunderts nicht mehr in aller Munde ist. Johann Kreuzer, der Herausgeber der neuen Bloch-Bände, bemerkt:

    "Dem Werk Ernst Blochs kam im philosophisch-kulturellen Diskurs der späten 50er und vor allem der 60er-Jahre des letzten Jahrhunderts herausragende Bedeutung zu. (..) 'Antizipierendes Bewusstsein' – um ein Zentrum von Blochs Denken zu benennen – wurde zum Signalgeber der epochalen Stunde. Bob Dylan etwa oder die Beatles haben ihr die Stimme gegeben. Die damit verbundene Aufbruchstimmung hat sich freilich schnell erledigt. (..) Bezogen auf Bloch hatte das zur Folge, dass, kaum war die Gesamtausgabe fertiggestellt, die Konjunkturen des Zeitgeistes seinem Werk nicht günstig waren."

    Just aus diesem Grund bringt der Suhrkamp-Verlag zwei Bände mit sogenannten "Ausgewählten Schriften" heraus, die diverse wichtige Stellen aus seinem Werk zusammentragen: ein nicht unproblematisches Verfahren! Denn hier werden nicht nur ganze einzelne Texte nachgedruckt, sondern diverse Auszüge, auch mehrere aus den selben Werken. Obgleich man den Herausgebern attestieren darf, dass sie nicht ungeschickt vorgehen, so droht am Horizont ein Moment der Willkür. Allemal handelt es sich nicht um "Ausgewählte Schriften", sondern um einen Reader. Selbst das bleibt problematisch, weil die von Bloch übernommenen Kapitelüberschriften dessen Intention suggerieren.
    Wenig überraschend handelt es sich beim ersten Bloch-Text im ersten Band um den Anfang von Blochs "Tübinger Einleitung in die Philosophie", die mit den berühmten Worten beginnt:

    "Ich bin. Aber ich habe mich nicht. Darum werden wir erst."

    Natürlich behandeln die beiden Reader Blochs utopisches Denken, nämlich das antizipierende Bewusstsein als Vorahnung dessen, dass die überall unterdrückten Menschen nur gemeinsam ihr Leben in die eigene Hand bekommen werden.

    Dass sich Bloch damit innerhalb des Marxismus eher am Rande bewegt, kommt indes zu kurz, enthalten beide Bände nur ein Kapitel aus dem zweiten Band von "Das Prinzip Hoffnung", in dem sich Bloch mit den sozialen und technischen Utopien auseinandersetzt. 1968 bemerkt Bloch im Südwestdeutschen Rundfunk:

    "Die Utopien des 16. und 17. Jahrhunderts und alle früheren haben das glückliche Reich als vorhanden betrachtet, irgendwo fern in der Südsee, man muss nur hinkommen. Mit dem Ausbruch der industriellen Revolution im 18. Jahrhundert verwandelt sich auch das in Utopien, ganz dem gesellschaftlichen Fahrplan gehorchend, indem die seligen Inseln gar keine Inseln im Raum mehr sind, sondern in der Zukunft liegen. Die Kategorie Zukunftsgesellschaft taucht auf, Gesellschaft vorbereitet durch die Industrie. L'industrie ist das Zauberwort bei Saint-Simon zu Anfang des 19. Jahrhunderts. Utopien sind also nicht nur abstraktes wishful thinking, sondern sie haben einen Fahrplan.”"

    Marx wirft den Frühsozialisten vor, dass sie Utopien nachjagen würden, anstatt sich konkret um die Grundlagen möglicher sozialer Veränderungen zu bemühen. Er will daher den Sozialismus auf wissenschaftliche Studien über Ökonomie und über die Geschichte stützen. So bemerkt Bloch:

    ""Dies änderte sich durch Marx. Und Engels in einer Schrift mit dem Titel Der Fortschritt des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft formuliert das. (..). Man hat nicht Ideale zu verwirklichen, sondern man hat dieses Wesen, womit die gegenwärtige Gesellschaft schwanger ist, in Freiheit zu setzen. Utopie ist also zwar die Geburtshelferin, aber nicht die Erzeugerin des Kindes (..) Und das Wort Utopie wird am Schluss vermieden, (..) Aber: es kommt nun das andere große Medium (..) der Vermittlung mit der gesellschaftlichen Tendenz. Wo diese fehlt, haben wir Utopie und keine Wissenschaft.”"

    Doch Bloch erkennt frühzeitig, dass sich der Marxismus zunehmend dogmatisiert, dadurch erstarrt und den lebendigen Charakter eines vorausschauenden Denkens verliert. Gerade im realexistierenden Sozialismus darf man große Visionen nicht mehr äußern, geht es nur noch um den alltäglichen Arbeitsprozess.

    ""Gibt es nicht auch einen etwas zu großen Fortschritt des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft? Sind hier nicht große emotionale Antriebe, die doch da sind, aber nicht ausgesprochen werden, bedroht, wenn alles zur Wissenschaft wird und zur Tabelle, alles ausgerechnet werden kann, wenn kein Enthusiasmus und auch kein Glaube in schwierigen Situationen mehr lebt?”"

    Im "Prinzip Hoffnung" sucht Bloch nach vielfältigen Wegen, um dem Marxismus wieder Visionen einzuhauchen, so in Tagträumen, Märchen, sozialen und technischen Utopien. Zwar gerät er dabei auch auf Abwege, preist er in den vierziger Jahren die Kernkraft als Energie einer sozialistischen Zukunft:

    ""Einige hundert Pfund Uranium und Thorium würden ausreichen, die Sahara und die Wüste Gobi verschwinden zu lassen, Sibirien und Nordkanada, Grönland und die Antarktis zur Riviera zu verwandeln."

    Doch dergleichen hat man ihm selbst im ökologischen Lager längst verziehen, inspiriert er bereits in den frühen siebziger Jahren die Vorläufer der Umweltbewegung mit seinen Ideen einer naturfreundlichen Technik, die Natur nicht beherrschen will, sondern mit ihr als einem eigenständigen Subjekt umgeht. So schreibt er:

    "Marxismus der Technik, wenn er einmal durchdacht sein wird, ist keine Philanthropie für misshandelte Metalle, wohl aber das Ende der naiven Übertragung des Ausbeuter- und Tierbändigerstandpunktes auf die Natur. (..) Naturströmung als Freund, Technik als Entbindung und Vermittlung der im Schoß der Natur schlummernden Schöpfungen, das gehört zum Konkretesten an konkreter Utopie."

    Um so mehr verwundert, dass diese heute noch aktuelle Perspektive in den beiden Suhrkamp-Readern wenig beachtet wird, schließlich könnte man durchaus eine Linie von Blochs Allianztechnik zu modernen Umwelttechnologien ziehen.

    Auch Blochs zentraler Kategorie der konkreten Utopie widmen die Reader keine allzu große Aufmerksamkeit. Mit ihr möchte Bloch dem Vorwurf aus dem marxistischen Lager entgehen, als Utopist sei er nun mal Idealist. So schränkt Bloch ein:

    ""So ist das Fernziel selbstverständlich, wenn es nicht vermittelt ist - theoretisch durch Nahziele und praktisch durch Arbeit in des Teufels Wirtshaus unserer Umgebung - null und nichtig, ein bloßer Schmarrn.”"

    Als konkret erweist sich eine Utopie, wenn sie sich zwar unter momentanen politischen Bedingungen nicht verwirklichen lässt, wenn aber die sozialen Voraussetzungen dafür im Grunde gegeben sind. Die konkrete Utopie besitzt also auch einen Fahrplan. Damit konnte Bloch zwar die kommunistische Orthodoxie nicht bezirzen, wohl aber die rebellischen Generationen rings um 1968.

    "Man kann das 'Prinzip' Hoffnung als kompensatorische Trostdimension auffassen, (..)",

    schreibt Johann Kreuzer in der Einleitung, die bis auf die letzten, auf den jeweiligen Band bezogenen Seiten in beiden Readern identisch ist.

    "Eine solche Auffassung drückt sich in der Wendung aus, dass – in welcher Angelegenheit und in welcher Hinsicht auch immer – 'nur noch das Prinzip Hoffnung bleibe'. Eine solche Auffassung widerspricht dem Blochschen Sinn des Prinzips Hoffnung diametral. Als Prinzip hat Hoffnung weder kompensatorische Beruhigungsfunktion, noch heißt Hoffnung als Prinzip zu verstehen, die Faktizität der Geschichte zu überspringen."

    Doch anstatt sich ausführlicher mit den perspektivischen bzw. konkret utopischen Gehalten von Blochs Denken zu beschäftigen, legen die Herausgeber den Schwerpunkt eher auf Themen wie Tod, die Religion und die Kunst. Wahrscheinlich hoffen sie, Bloch damit dem Zeitgeist schmackhaft machen zu können.

    Immerhin beenden sie den zweiten Band auch mit dem letzten Kapitel von "Das Prinzip Hoffnung" und daher mit den Worten:

    "Die Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch. Hat er sich erfasst und das Sein ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat."

    Mögen die Umweltfreunde lieber Sonnenkollektoren auf ihren Dächern anbringen, als Bloch zu lesen. Mag man sich vom Marxismus nicht mehr viel erwarten. Blochs Werk birgt noch viele weitere Ideen, die die beiden Reader eher stiefmütterlich behandeln, die aber eine Zivilgesellschaft dringend braucht, zum Beispiel die Ablehnung einer dominierenden Ideologie, herausragender Führer oder der Ehrfurcht vor einer festgelegten Wahrheit. Daher werden die Reader Blochs zentralen Intentionen sowenig gerecht wie seinen folgenden programmatischen Worten, die alle religiösen Implikationen in den Hintergrund drängen:

    ""Wenn wir nicht die Weichen stellen, dann wird das, was objektiv-real möglich ist und als solches utopisch vorgedacht werden kann, nie realisiert werden. (..) Auf diesen Begriff, den utopisch-prinzipiellen Begriff, kommt es an, ihn zu entwickeln ist das sogenannte Gebot der Zeit. Die Zeit ist voll davon, sie selber ist schwanger von diesem Begriff. Er ist fast mit Händen zu greifen.”"


    Ernst Bloch, Grundfragen der Philosophie – Ausgewählte Schriften Bd. 1, hg. v. Johann Kreuzer, stw. Berlin 2010, 523 S., Euro 17.
    Ders., Gesellschaft und Kultur – Ausgewählte Schriften Bd. 2, hg. v. Johann Kreuzer, Ulrich Ruschig, stw. Berlin 2010, 520 S. Euro 17.