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StartseiteCampus & KarriereEin Sarg im Senatssitzungssaal01.07.2013

Ein Sarg im Senatssitzungssaal

Studenten protestieren gegen Hochschulfusion in Brandenburg

Seit heute gibt es in Brandenburg eine neue Hochschule: die BTU Cottbus-Senftenberg. Sie ist das Ergebnis einer Fusion der Fachhochschule Senftenberg mit der Technischen Universität Cottbus. Die Studenten zeigten sich bei der Eröffnung nicht begeistert und trugen ihre Hochschule zu Grabe.

Axel Flemming im Gespräch mit Manfred Götzke

Bereits im Vorfeld gab es Proteste gegen die geplante Hochschulfusion (picture alliance / dpa / Marc Tirl)
Bereits im Vorfeld gab es Proteste gegen die geplante Hochschulfusion (picture alliance / dpa / Marc Tirl)
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Manfred Götzke: Brandenburg hat seit heute seine erste Hochschule mit Doppelnamen: die BTU Cottbus-Senftenberg. Das klingt umständlich und die meisten Betroffenen finden das auch eher umständlich. Die neue Hochschule ist nämlich Ergebnis einer Fusion der TU Cottbus, also einer Universität, mit einer FH, der FH Senftenberg. Die Wissenschaftsministerin, die hält diese Fusion für das Nonplusultra für die brandenburgische Wissenschaftslandschaft und hat sie gegen den erbitterten Widerstand der beiden Hochschulen durchgesetzt. Unser Brandenburg-Korrespondent Axel Flemming war für uns heute bei der offiziellen Eröffnung der BTU Cottbus-Senftenberg dabei, guten Tag, Herr Flemming!

Axel Flemming: Hallo!

Götzke: Herr Flemming, der Widerstand gegen die Fusion bei den Studenten und Professoren, der war ja massiv! Sind heute Farbbeutel und Tomaten geflogen?

Flemming: Nein, es war trotzdem eine gedrückte Stimmung und eine Trauerstimmung. Dazu passte, dass die Ministerin durch ein Spalier von 40, 50 Studierenden laufen musste, alle schwarz gewandet, die haben dann auch einen Sarg in den Senatssitzungssaal in den vierten Stock getragen, wo diese Übergabe stattgefunden hat, die offizielle Eröffnung also, und ein Studierender kam und schrie dann "Mord verjährt nicht", und "Wir als Christenmenschen glauben an die Wiederauferstehung", also: Die BTU ist tot, aber es lebe die neue BTU sozusagen, dieser Devise wollen sich die Studierenden zumindest noch nicht anschließen.

Götzke: Seit Mitternacht gibt es jetzt also diese neue Hochschule. Was bedeutet das denn für die Studierenden, sind FH-Studenten über Nacht zu Uni-Studenten geworden?

Flemming: Sie sind es formal, aber sie bleiben in ihren alten Studiengängen drin. Sie können ihre alten Abschlüsse machen. Offiziell ist jetzt einfach, dass die Brandenburgische Technische Universität Cottbus und die Hochschule Lausitz aufgelöst sind seit Mitternacht und im gleichen Augenblick als BTU Cottbus-Senftenberg neu gegründet wurden. Das heißt aber auch, dass Einrichtungen, Personal, Studierende, alles unter zwei Dächern jetzt stattfinden, an der jüngsten Hochschule des Landes, da lehren fast 250 Professoren und Professorinnen, sowie lernen etwa 10.000 Studierende. Aufgelöst sind auch die bestehenden Senate erst mal, und die Studierendenvertretungen, die sollen neu gewählt werden bis zum 31. Oktober.

Götzke: Die Hochschule, die hat jetzt zwei Standorte, die 40 Kilometer voneinander entfernt sind. Was heißt das denn konkret für den Uni-Betrieb, die Studenten können ja nicht unbedingt in 30 Minuten zwischen einzelnen Seminaren mal eben an den anderen Standort wechseln!

Flemming: Nein, also, es soll nicht gependelt werden. Es gibt ja ein großes Zettelkompendium, FAQ, also besondere Fragen, die immer wieder gestellt werden: Da ist eine natürlich, muss ich während meines Studiums zwischen den Campi pendeln. Und als Antwort steht eindeutig: Nein. Ausgenommen hiervon sind die Studierenden des Bauingenieurwesens, die bereits seit 2011 im Rahmen des David-Gilly-Instituts unterrichtet werden. Also, es bleibt bei den zwei Standorten.

Götzke: Da fragt man sich natürlich, welchen Mehrwert das Ganze haben soll. Wie hat das denn heute die Wissenschaftsministerin begründet?

Flemming: Sie möchte das – also, Sabine Kunst ist die Wissenschaftsministerin, ist parteilos, von der SPD nominiert –, und sie möchte die Universitäten zukunftsfest machen. Sie hat darauf verwiesen, dass es drei Punkte gibt, die ganz wichtig sind, nämlich der demografische Wandel – also, 2030 werden hier in der Region schlicht und einfach 20 Prozent weniger Leute erwartet, die in der Lausitz noch wohnen –, sie ist für eine höhere Bildungsgerechtigkeit, deswegen die Zusammenlegung von Fachhochschule und Uni eben, und sie möchte eine besser profilierte Technische Universität haben als jetzt, mit einer höheren – so hat sie es ausgedrückt – Schlagkraft. Dahinter verbirgt sich die Aufnahme in die Programme der Deutschen Forschungsgemeinschaft, da schraubt die BTU bislang vergeblich dran rum, aber es hat noch nicht geklappt.

Götzke: Die Studierenden, die Professoren, ich habe es ja gerade schon gesagt, die sind davon ja nicht so besonders überzeugt. Es laufen derzeit noch zwei Verfahren am Bundesverfassungsgericht und am Landesverfassungsgericht, da stehen die Entscheidungen noch aus. Könnte die Verbindung also noch gekappt werden zwischen Senftenberg und Cottbus?

Flemming: Das ist eine theoretische Möglichkeit. Es gab den Antrag auf eine einstweilige Verfügung, dass das also sofort in Kraft tritt, das ist von beiden Gremien, vom Landesverfassungsgericht sowie vom Bundesverfassungsgericht in allen Anträgen zurückgewiesen worden mit der Argumentation, man könnte so etwas ja hinterher auch noch rückgängig machen. Das ist also keine Entscheidung in der Sache, aber die Frage ist, ob die Argumente der Fusionsgegner tatsächlich zählen, dass nämlich Alternativen nicht ausreichend geprüft wurden zum einen, und auf der anderen, dass die bestehenden Gremien nicht ausreichend beteiligt wurden. Das weist das Bildungsministerium Brandenburg komplett zurück.

Götzke: Brandenburgs erste Bindestrichhochschule ist heute offiziell gegründet worden. Axel Flemming hat uns aus Cottbus berichtet, wie die Protestlage so war. Vielen Dank!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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