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Ein schwieriges und wagemutiges Unterfangen

"Kennst Du Friedrich Schiller? Kennst Du Rainer Maria Rilke? Kennst Du Franz Kafka?". So lauten die Titel einer Buchreihe, mit der sich der kleine Weimarer Bertuch Verlag die Aufgabe gestellt hat, jungen Lesern die großen Schriftsteller der Weltliteratur nahe zu bringen und die Lust am Lesen bedeutender Literatur zu wecken. Ein schwieriges und wagemutiges Unterfangen!

Von Karla Hielscher | 29.01.2011
    Der Herausgeber der Reihe, der emeritierte Leipziger Professor für Literaturdidaktik Wolfgang Brekle zur Konzeption:

    "Unser Ziel war, Schüler zu interessieren für gute Literatur. Unsere Bände sollten in der Schule geweckte Interessen aufgreifen und zur weiteren Freizeitlektüre anregen. Also unsere Bücher sind nicht als Schulstoff gedacht. Unsere Bücher sollten Lesebücher werden in dem Sinne, dass wir Texte großer Schriftsteller den Schülern gaben, aber eingebettet in das Leben der betreffenden Autoren."

    Das Hauptproblem bei einem solchen Vorhaben ist natürlich, wie man die Jugendlichen erreicht. Der Autor des jüngsten, gerade noch im Jubiläumsjahr seines 100. Todestages erschienenen Bandes über Tolstoi, Martin Schneider - Slawist mit langer Erfahrung im Schuldienst - über das Schreiben für junge Menschen:

    "Ja, zunächst einmal, man kann natürlich viel weniger voraussetzen, man kann weniger Wissen voraussetzen, man kann weniger an Leseerfahrung voraussetzen, und man muss sich stilistisch darauf einstellen. Aber die erste Frage ist natürlich: Was interessiert den Jugendlichen? Und den interessieren ganz andere Dinge als den Literaturwissenschaftler oder den erwachsenen Leser.
    Also einerseits natürlich Dinge, die man erwartet: das Erwachsenwerden als Thema, dann das Suchen nach einem Weg im Leben, das Suchen nach einem beruflichen Weg, die ersten Liebeserfahrungen, aber nicht nur das. Es ist durchaus so, dass sich Jugendliche auch für Tolstois Fragen interessieren, die mit dem Tod verbunden sind. Die Frage nach dem Sinn des Lebens und die Frage, was passiert, wenn wir sterben ist für Jugendliche vielleicht sogar noch akuter, interessanter als für Menschen, die sich in einer mittleren Lebensphase befinden."

    Derartige Fragen tauchen natürlich häufig gerade in den extrem spannenden Biographien der dargestellten Schriftsteller auf. Man denke nur an den zum Tode verurteilten und erst auf dem Schafott begnadigten Dostojewski, an Kleists Doppelfreitod oder Schillers ambivalente Beziehung zu Frauen, Themen die in den entsprechenden Bänden packend dargestellt werden und zeigen, dass das Konzept, die Lebenswege der Schriftsteller im Wechsel mit Ausschnitten aus ihren Werken zu bieten, geeignet ist, junge Leser zu fesseln und zum weiteren Lesen anzuregen.

    Seit den ersten Planungen für die Reihe im Jahr 2005 sind inzwischen zehn Bände erschienen: die meisten für Jugendliche von 15 oder 16 Jahren an: Das sind die großen deutschen Klassiker des 19. Jahrhunderts Schiller, Kleist und Heine; aus dem 20. Jahrhunderts Kafka und Rilke; dann – gedacht auch schon für Kinder ab zwölf - E.T.A. Hoffmann und Erich Kästner; und zuletzt die großen russischen Realisten Tolstoi und Dostojewski.
    Das durchaus lesenswerte Buch über Anna Seghers, über deren Aufnahme in die Reihe man allerdings streiten kann, fällt etwas aus dem Rahmen und gehört eigentlich in einen anderen Zusammenhang.

    Wesentlich für die Konzeption der Reihe ist der andere Zugang zur Literatur als in der Schule. Es geht also nicht um gründliche Werkanalysen oder die im Unterricht meist geforderten und von den Schülern oft gehassten Interpretationen.

    "Uns kam es darauf an, dass die Schüler selbständig sich Gedanken machen zu dem Werk. Deshalb sollten die Bände Fragen enthalten aber nicht die Antworten geben; oder es sollten Interpretationen verglichen werden können von den Schülern aber ohne festgelegtes Ziel durch uns. Die Anlage der Bände, ihr Aufbau und ihre Gestaltung sollten den Zugang zu den oft nicht leichten Werken der Weltliteratur erleichtern, aber nicht durch vorweggenommene oder nachgereichte Interpretationen. Sondern die Leser sollten nur angeregt werden, selbst darüber nachzudenken, eventuell eine Geschichte weiterzuspinnen, sie vielleicht zu illustrieren oder in manchen Fällen auch szenisch zu gestalten.
    Ein Ziel war natürlich auch, Abneigung gegenüber Schriftstellern abzubauen, die durch einen schlechten Literaturunterricht vielleicht entstanden sind. Auch das ist möglich, dass durch zuviel Interpretation in den Schulen Abneigung entsteht."

    Zunächst einmal machen die schmalen, bunten, reich illustrierten Bände mit ihren originellen Covers, die z.B. Heinrich Heine als Jugendlichen in Jeans und Sneakers oder Dostojewskis Kopf mit einer einmontierten Handschrift voller Kritzeleien zeigen, sogleich neugierig.
    Die graphische Gestaltung mit vielen Abbildungen und unterschiedlichen Schrifttypen für den Autorentext und die langen Textzitate machen die Darstellung übersichtlich und leserfreundlich, ohne dass man etwa die Typographie des Internets zu kopieren versucht.
    In den zehn bisher vorliegenden Bänden haben die Autoren – alle hoch kompetente Literaturexperten, die häufig jahrelang als Deutsch- oder Russischlehrer Erfahrungen mit jungen Menschen gesammelt haben - auf unterschiedliche Weise versucht, die Schüler anzusprechen.

    Da wird viel mit autobiographischen Zeugnissen oder Textausschnitten gearbeitet, die Probleme des angesprochenen Alters behandeln; da spielt bei Kafka natürlich der "Brief an den Vater" eine wichtige Rolle; da gestaltet der Autor des Buches über den großen Romantiker E. T. A. Hoffmann, ein Theaterpädagoge, fast das ganze Buch als fiktives Gespräch mit dem Leser.

    Oder im Band über Schiller wird unter dem Titel "Ein Missverständnis schreibt europäische Geschichte" provozierend von der zu einer Art Europahymne avancierten "Ode an die Freude" ausgegangen, die der junge Schiller an seinen Freund und Gönner gerichtet hatte und die er selbst später "fehlerhaft" und ein "schlechtes Gedicht" nannte.

    "Anlass und Zweck waren höchstpersönlich und von Europa- oder gar Weltbeglückung weit entfernt. Empfänger von Gedicht und Brief war Christian Gottfried Körner, ein hoher Kursächsischer Justizbeamter. Die Vorgeschichte liest sich heute wie der Beginn eines intensiven Verhältnisses zwischen einem Rockstar und seinem Fan. Körner war berufshalber in die Residenz übergesiedelt, hatte sein "holdes Weib" errungen – der die Ehe bislang verhindernde standesbewusste Vater war gestorben und hatte dem Sohn ein zu Wohlstand befähigendes Erbe hinterlassen. Auch für Schiller schienen neue Zeiten anzubrechen.
    Beethovens Inspiration war offenbar von Schillers Gedicht ausgegangen. Schon im Skizzenbuch des jungen Komponisten findet sich die geradezu seherische Bemerkung: "Lasst uns die Worte des unsterblichen Schiller singen!". Was Beethoven zu solcher Äußerung verführt hatte, war wohl primär jener pathetische Schiller-Sound, der auch Nachgeborene immer wieder zu enthusiastischen Wallungen oder zu grotesken Parodien reizt."

    Für den Autor des Tolstoi-Buches ist es gerade das Monumentalwerk "Krieg und Frieden", das den Zugang zu diesem genialen Schriftsteller öffnen kann, wobei er durchaus auch für den Weg über Verfilmungen plädiert.
    "Also ich hab mich in erster Linie gar nicht literaturwissenschaftlich auf den Weg gemacht, sondern ich hab mich dran erinnert, wie ich selber Tolstoi gelesen habe als Jugendlicher. Denn das war für mich damals ein wirkliches Erlebnis.
    Ich selbst hab damals begonnen mit "Krieg und Frieden". Ich denke, das ist kein schlechter Start, wenngleich das natürlich ein dicker Brocken ist. Aber ich denke, das ist den Jugendlichen auch heute nicht das große Problem – "Harry Potter" ist auch nicht dünner als "Krieg und Frieden". Also die Dicke allein schreckt nicht unbedingt ab. Sondern die Frage ist, ob die Jugendlichen einen Einstieg finden. Und den Einstieg finden sie in der Regel über die Identifikation mit einzelnen Helden. Weil Jugendliche, denk ich, sehr leicht Figuren finden im Text, mit denen sie sich auseinandersetzen, in die sie sich hineindenken können."

    Eine Frage, die sich mehrfach stellte, die auf Veranstaltungen mit jugendlichen Lesern und sogar - im Zusammenhang mit dem Band über Rilke - in einem Internetportal durchaus kontrovers diskutiert wurde, war die nach der Sprache der Darstellung: Sollte man sich nicht vielleicht doch der Gegenwartssprache oder der jugendlichen Umgangssprache mehr annähern? Sollte man nicht die Texte der Klassiker - etwa die Schillers oder Kleists - sprachlich vereinfachen usw. Man hat sich sehr bewusst – und im Sinne des pädagogischen Ziels der Reihe - dagegen entschieden.

    Obwohl die Zahl der verkauften Exemplare natürlich höher sein könnte, haben Lesungen vor Schulklassen, auf der Leipziger Buchmesse, im Kleisthaus in Berlin oder im Bamberger Gymnasium, das den Namen E. T. H. Hoffmanns trägt, demonstriert, dass die Bücher von jungen Menschen angenommen werden.

    Auch wenn es natürlich nicht allen Autoren gleich gut gelungen ist, immer die jugendlichen Leser im Blick zu haben, funktioniert die Reihe insgesamt überzeugend.
    Und auch für erwachsene Literaturliebhaber sind diese informativen, unterhaltsamen, mit biographischem Überblick und knappem Literaturverzeichnis ausgestatteten Bücher als Einführungen in Leben und Werk der Klassiker absolut empfehlenswert!
    Die Bände über Shakespeare, Saint-Exupérie, Büchner und Hölderlin sind schon in Arbeit.

    Wolfgang Brekle (Hg.): "Bertuchs Weltliteratur"
    Bertuch Verlag