Mittwoch, 28. September 2022

Archiv


"Ein sehr interessanter Bestand"

Die Kommunistische Partei der USA hat kürzlich ihre Archive der New York University überlassen. Dies sei ein wichtiger Bestand, um über den Kommunismus in den USA Informationen zu bekommen, erklärte die Wissenschaftlerin Ursula Lehmkuhl von der Freien Universität Berlin.

30.03.2007

    Bea Novy: Dies Land ist dein Land, dies Land ist mein Land. Der Song gehört zum festen Bestandteil amerikanischer Folkmusik (…). Er kann von Menschen jeglicher Denkungsart als eine Art patriotische Hymne betrachtet werden. Der ursprüngliche Text aber stammte von einem der wenigen linken amerikanischen Heroen, von John Hill, einem schwedischstämmigen Arbeiterkämpfer und Dichter, der 1915 wegen Mordes angeklagt und hingerichtet wurde.

    Da gab es in den USA noch keine kommunistische Partei, die gründete sich vier Jahre später. Aber das Testament von John Hill, auch ein berühmtes Dokument, wurde kürzlich in den Archiven dieser Partei gefunden. Sie hatte diese Dokumente der New York University überlassen, als sie aus ihrem Büro in New York ausziehen musste.

    Nun kommt einem, wenn man an die KP der USA denkt, nicht unbedingt der Marxismus-Leninismus in den Sinn, eher denkt man bruchstückhaft an die McCarthy-Ära, an die Rosenbergs oder an den Film "Reds". Deshalb die Frage an Ursula Lehmkuhl, Leiterin der Abteilung Geschichte am John-F.-Kennedy-Institut der Freien Universität Berlin: Was für eine Organisation war das eigentlich, die nun ihre Archive der New York University überlassen hat.

    Ursula Lehmkuhl: Das ist eine Gruppierung, die aus den ganz vorsichtigen, wenn man so sagen will, radikalen und sozialistischen Bewegungen, die um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert entstanden sind, auch im Zuge der damals stattfindenden Masseneinwanderung vor allem aus mitteleuropäischen und südeuropäischen Einwanderern. Nach dem Ersten Weltkrieg 1919 auf Intervention der Kommintern hat sich da die radikal linke Fraktion der damals existierenden Sozialistischen Partei abgespaltet und die Kommunistische Partei ist gegründet worden.

    Novy: Und deren Gründer, das sollten wir hier bei der Kultur nicht vergessen, war der Schriftsteller und Journalist John Reed,

    Lehmkuhl: Ja, das ist richtig, und der…

    Novy: Mitgründer zumindest.

    Lehmkuhl: Mitgründer, genau. Es war eine Gruppe von sehr Links- und Radikalorientierten aus der Arbeiterbewegung und aus einer sozusagen sozialreformerischen Bewegung kommenden Gruppierung, die sich vor allem darum bemühen wollte, die amerikanische Gesellschaftsordnung, das politische System zu reformieren, sprich, ihr Ziel war sozusagen, der entfesselte Kapitalismus, der im Zuge – und das wissen wir ja auch – der Industrialisierung Ende des 19. Jahrhunderts in den USA ganz besondere Züge annahm, im Unterschied zu Europa haben wir in den USA keine wohlfahrtstaatliche Gegenbewegung verzeichnet, und das war sozusagen der Hintergrund dieser Gruppe, zu sagen, dagegen müssen wir was machen, wir brauchen Sozialreformen, wir brauchen einen Staat, der interveniert, wir müssen sozusagen den entfesselten Kapitalismus einfangen und kontrollieren.

    Novy: Nun ist man – kommen wir mal auf das Archiv zu sprechen – jetzt zum ersten Mal ganz direkt an der Quelle. Das Archiv ist sehr umfangreich. Was erwartet man sich jetzt von diesen neuen Quellen?

    Lehmkuhl: Das muss man ein bisschen relativieren. Die Quellen waren zuvor auch schon sozusagen in den Räumen, dem Reference Center for Marxist Studies in New York, zugänglich, und zwar für die letzten 20 Jahre. Vom Bestand her muss man sagen, dass es wirklich ein sehr interessanter Bestand ist, der aus vier verschiedenen Quellengruppen besteht. Wir haben einmal einen umfangreichen Bestand von sogenannter grauer Literatur, die man sonst nicht bekommt in normalen Bibliotheken, nicht über ISBN-Nummern und so weiter, über große Verlage publiziert. Diese Literatur ist jetzt zugänglich, das sind mehrere zehntausend Bücher, die wichtig sind, um so ein bisschen Informationen über den Zeitgeist zu bekommen. Dann haben wir einen ganz großen Bestand von Zeitschriftenliteraturen aus der radikalen Presse. Auch das ist ein ganz wichtiger Bestand, um über diese 88 Jahre Geschichte des Kommunismus, wenn man so will, in den USA Informationen zu bekommen.

    Wir haben sozusagen das klassische Archivmaterial, das man sich vorstellt, Berichte, Memoranden, Aufzeichnungen über Meetings, die Themen behandeln wie den Spanischen Bürgerkrieg, (…) die Linke in Lateinamerika, aber auch sehr viel zur sowjetischen Geschichte. Der vierte – und das ist auch ganz spannend – ist diese große Sammlung von Video-, Audio- und Fotomaterial. Das ist etwas, was unter kulturgeschichtlicher Perspektive sicherlich ganz neue Blickwinkel zulässt auf zentrale Fragen der Sozialgeschichte.

    Novy: Neue Blickwinkel, kombiniert mit dem Stichwort Sowjetunion, könnte sich da auch etwas ändern im allgemeinen Blick der Amerikaner auf die Kommunistische Partei als Vollstrecker des Sowjetsystems?

    Lehmkuhl: Das glaube ich eher nicht, denn, wenn man sich die Geschichtsschreibung zur Kommunistischen Partei in den USA anschaut, so gibt es eigentlich zwei Lager und zwei wichtige Themen: Es gibt sozusagen das Lager derjenigen, die die Kommunistische Partei sozusagen als das ultimativ Böse darstellt und in diesem Zusammenhang eben auch als Vollstrecker sowjetischer Politik darlegt. Dann gibt es ein etwas moderateres Lager, das versucht, ein ausgewogeneres Bild der Kommunistischen Partei zu zeichnen, indem insbesondere die Leistungen in den dreißiger Jahren im Kontext der Bürgerrechtsbewegung zum Beispiel oder der Gewerkschaftsbewegung betont werden. Und ich denke, da wird auch nichts Neues zu erwarten sein. Ich glaube, dass mehr im Hinblick auf diese allgemeinen Aspekte amerikanischer Sozialgeschichte, also Gewerkschaftsbewegung, Arbeiterbewegung, Geschichte des amerikanischen Wohlfahrtstaates, zum Beispiel Geschichte dieser berühmten Unemployment-Councils, wo sich Arbeitslose zusammentun und versuchen, weil der Staat einfach nichts anbietet, Selbsthilfe zu organisieren, aber auch sich politisch zu organisieren. Über diese Dinge, denke ich, bekommen wir mit diesem Archiv neue Einsichten.