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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturEin tiefer Blick in die amerikanische Seele05.11.2012

Ein tiefer Blick in die amerikanische Seele

John Jeremiah Sullivan: "Pulphead. Vom Ende Amerikas". Suhrkamp

Die US-Gesellschaft ist gespalten, die wirtschaftliche Zukunft alles andere als gesichert, die Bedeutung der USA in der Welt schwindet. Der amerikanische Journalist John Jeremiah Sullivan hat mit "Pulphead. Vom Ende Amerikas" einen Essayband mit Innenansichten der amerikanischen Gesellschaft vorgelegt.

Von Katja Ridderbusch

Typischer Briefkasten in den Farben der US-Flagge bemalt (picture alliance / dpa / Fotograf  Karl-Heinz Eiferle)
Typischer Briefkasten in den Farben der US-Flagge bemalt (picture alliance / dpa / Fotograf Karl-Heinz Eiferle)

Morgen, am 6. November, wählen die US-Amerikaner ihren Präsidenten. Der Ausgang ist ungewiss, und diese Stimmungslage spiegelt die Situation des Landes wider. Die Gesellschaft ist gespalten, die wirtschaftliche Zukunft alles andere als gesichert, die Bedeutung der USA in der Welt schwindet. Der amerikanische Journalist John Jeremiah Sullivan hat mit "Pulp Head. Vom Ende Amerikas" einen Essayband mit Innenansichten der amerikanischen Gesellschaft vorgelegt. Katja Ridderbusch hat ihn gelesen und lässt zunächst den Autor zu Wort kommen.

"Als mein älterer Bruder Worth am Morgen des 21. April 1995 in einer Garage in Lexington, Kentucky, seine Lippen an ein Mikrofon hielt, traf ihn im wahrsten Sinne des Wortes der Schlag."

Das ist der Anfang der Geschichte "Die Füße im Rauch”. Darin beschreibt der Autor die seltsame Nahtod-Erfahrung seines Bruders, der nach einem Stromschlag ins Koma fällt. "Die Füße im Rauch” ist keine Kurzgeschichte, keine amerikanische Short Story, wie der dichte Einstieg nahelegen mag. "Die Füße im Rauch” ist ein Essay, eines von fünfzehn kleinen, feinen Meisterwerken, die der Journalist John Jeremiah Sullivan jetzt in dem Band "Pulphead” vorgelegt hat. "Pulphead", Papierkopf - der Titel ist Programm, wie der Autor in einem Interview mit dem US-Fernsehsender CBS erklärt:

"Das ist ein altmodisches Wort für jemanden, der von Zeitungen und Magazinen besessen ist."

Einer wie Sullivan eben. Der 38-jährige Autor hat die gesammelten Essays zwischen 1999 und 2011 geschrieben – für so edle Adressen wie das Magazin der New York Times, Harper's oder Gentlemen's Quarterly. Der Autor schreibt über Politik und über Popkultur, er schreibt über die Tea-Party-Bewegung und über den Sänger der Rockband Guns'n Roses, Axl Rose, über die Verwüstung von New Orleans durch Hurrikan Katrina und über Disney World, über einen Höhlenforscher und über einen abgehalfterten Reality-TV-Star. Gemeinsam ist allen Geschichten, dass sie tief in die amerikanische Seele blicken. Herausgekommen ist ein Potpourri amerikanischer Befindlichkeiten, eine lakonische Bestandsaufnahme einer Gesellschaft voller Widersprüche - urkomisch, todtraurig und manchmal auch bitterböse. So schreibt er über das Fernsehen in den USA:

"Bei Gott, in Realityshows sind mehr Tränen vergossen worden als von sämtlichen Kriegerwitwen dieser Erde. Sind wir so dünnhäutig, so verletzlich? Das sind wir: ein Volk gefühlsduseliger Barbaren, weinend und Gewichte stemmend."

Sullivans Essays sind nicht politisch im wörtlichen Sinn, aber durch ihre röntgenscharfen Beobachtungen entsteht eine – wenig schmeichelhafte - Momentaufnahme der amerikanischen Gesellschaft, neurotisch, selbstgerecht und frömmelnd. In seinem Essay über Realityshows führt er weiter aus:

"Die alten Fratzen Amerikas, hier sind sie alle, Retortenbabys, starre Blicke, die keine Zweifel kennen, aufgerissene Mäuler, aus denen sich spektakuläre Phrasenfontänen ergießen, undurchdringlich in Ihrer Selbstrechfertigung, dunkle, gemurmelte Gebete."

Sullivans Blickwinkel ist radikal subjektiv, er schreibt seine Texte in der "Ich”-, manchmal auch in der "Wir"-Form – nicht aus Eitelkeit wie einige seiner Kollegen, sondern weil er sich mit Haut und Haaren einlässt auf seinen Auftrag und seine Protagonisten. So nimmt er zum Beispiel an einer Demonstration der erzkonservativen Tea-Party-Bewegung in Washington teil. Die Menschen, die er dort trifft, sind verbittert, anachronistisch - und vor allem heimatlos im Amerika des 21. Jahrhunderts.

"Wenn wir bei einer Tea-Party-Veranstaltung draußen auf Feldern oder in Parks stehen und darauf warten, dass Joe der Klempner seine Ansprache hält, hören wir uns über die Lautsprecheranlage alte Reagan-Lieder an. Darin ist das eigentliche Amerika konserviert. Die Geschichte geht weiter, aber wir steigen aus."

Sullivan spürt stets dem Ungewöhnlichen nach, er beobachtet aus unkonventionellem Blickwinkel. In seinem Essay über den legendären Rocksänger Axl Rose nähert sich der Autor dem Musiker über dessen Umlaufbahn, über Freunde und Geschichten aus seiner Heimat in Indiana.

Sullivans Porträt der Rockikone ist vielleicht auch deshalb so fesselnd, weil der Autor Axl Rose nie persönlich getroffen hat:

"Während ich für das Stück recherchierte, verbrachte ich viel Zeit mit einem seiner engsten Freunde aus Kindertagen. Das war fast besser, als Axl persönlich zu interviewen. Dieser Freund erinnerte sich an Dinge, die Axl wohl schon vor langer Zeit aus seinem Hirn gebrannt hatte."

Von den Kritikern in den USA gab es einhelliges Lob für "Pulphead". Viele verglichen Sullivan mit Ikonen des New Journalism, des literarisch ambitionierten amerikanischen Magazinjournalismus, mit Autoren wie Hunter S. Thompson, Joan Didion und Tom Wolfe. Sullivan selbst schiebt derartige Vergleiche behutsam von sich:

"Ich bemühe mich, nicht darüber nachzudenken. Solche Vergleiche schaden einem als Autor. Du denkst, dass du weißt, was die Leser von dir wollen. Und es ist eine Versuchung, das Gleiche noch mal zu tun. Dabei wollen die Leser aber vielleicht etwas ganz anderes, nämlich die Überraschung."

Und die Überraschung ist Sullivan gelungen, in jedem einzelnen Essay. Das einzig Ärgerliche an "Pulphead” ist der Untertitel der deutschen Ausgabe: "Vom Ende Amerikas”. Hier hat offenbar der anti-amerikanische Reflex eines deutschen Verlagslektors zugeschnappt. Denn: Nichts liegt Sullivan ferner als billiges Amerika-Bashing. Ob er über einen evangelikalen Prediger schreibt oder über Michael Jackson: Der Autor schaut nie herab auf seine Protagonisten, er belächelt sie nicht, nur um beim Leser zu punkten. Er nimmt sie vielmehr ernst, sein Blick ist der eines Forschers, offen und kühl. So schreibt er über die Menschen, die er bei der Tea-Party-Kundgebung trifft:

"Diese Leute erinnerten mich an jene alten Russen, die jeden Winter mit pro-sowjetischen Plakaten aus ihren Löchern kriechen. Sie waren die bizarre kapitalistische Spiegelung dieser Nostalgie für den Kalten Krieg, ihre Siegerversion. Die meisten kamen aus Langeweile und Frustration."

John Jeremiah Sullivan hat einen furiosen Essayband geschrieben, der weit aus der Masse der konventionellen Amerikabücher herausragt. Einen Band, den man nicht mehr aus den Händen legen will – mit Geschichten, die unterhalten, berühren und manchmal auch verstören. Geschichten, die sich jedem Klischee widersetzen.

Katja Ridderbusch rezensierte John Jeremiah Sullivans Buch "Pulphead. Vom Ende Amerikas", bei Suhrkamp erschienen, die 416 Seiten kosten 20 Euro.

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