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StartseiteKalenderblattEin überwältigender Sieg28.12.2009

Ein überwältigender Sieg

Rajiv Gandhi gewann 1984 die indischen Parlamentswahlen

Eine Familie hat die Geschichte Indiens seit der Unabhängigkeit 1947 maßgeblich mitgeschrieben: die Dynastie Nehru-Gandhi. Staatsgründer Jawaharlal Nehru bekleidete das Amt des Ministerpräsidenten Indiens die ersten 17 Jahre. Seine Tochter Indira Gandhi regierte das Land mit Unterbrechungen insgesamt 16 Jahre. Ihr Ehemann war nicht verwandt mit dem geistigen Führer der Unabhängigkeitsbewegung Mahatma Gandhi, doch schadete es nicht, einen berühmten Namen zu tragen. Nach der Ermordung Indira Gandhis 1984 wurde ihr Sohn Rajiv in die Führungsrolle der Kongresspartei gedrängt. Die indischen Parlamentswahlen gewann er im Dezember 1984 mit großer Mehrheit.

Von Tobias Mayer

Nach dem Tod Indira Gandhis 1984 fiel Rajiv das Ministerpräsidentenamt in den Schoß.  (AP Archiv)
Nach dem Tod Indira Gandhis 1984 fiel Rajiv das Ministerpräsidentenamt in den Schoß. (AP Archiv)

Rajiv Gandhi war ein Romantiker, der Tschaikowski liebte, höflich, leise und bescheiden. Er war in England zur Schule gegangen und bei der staatlichen Fluggesellschaft Air India zum Piloten ausgebildet worden. In die Politik zog es ihn zunächst nicht. Doch nach dem Tod seines ambitionierten Bruders Sanjay im Juni 1980 rief die Mutter, Ministerpräsidentin Indira Gandhi, ihn in die Kongresspartei.

Im Oktober 1984 wurde Indira Gandhi, Tochter des Staatsgründers Nehru, von ihren eigenen Sikh-Leibwächtern, aus Rache ermordet. Wenige Monate zuvor hatte sie den von radikalen Sikhs besetzten Goldenen Tempel von Amritsar stürmen lassen, Tausende Sikhs waren dabei umgekommen. Nach dem Tod Indira Gandhis fiel Rajiv das Ministerpräsidentenamt in den Schoß. Er setzte Neuwahlen an. Am 28. Dezember 1984 stand der Erfolg der Kongresspartei fest. Rajiv Gandhi hatte fast 80 Prozent aller Sitze im indischen Unterhaus sicher, ein Erdrutschsieg.

Rajiv Gandhi galt als Hoffnungsträger mit Idealen. Er sagte der Armut den Kampf an. Vor allem jedoch das Versprechen, den Sumpf der Korruption trocken zu legen, erzeugte eine Aufbruchstimmung in ganz Indien. Ein Jahr nach seinem Amtsantritt schrieb der Spiegel über Rajiv Gandhi:

"'Er ist ein hervorragender Regierungschef', lobt ihn die eher zu bissigen Bemerkungen neigende Margaret Thatcher, (...) ‚Wir haben uns auf Anhieb gut verstanden', freute sich US-Präsident Reagan (...). Gina Lollobrigida, die den jungen Gandhi fürs italienische Fernsehen interviewte, geriet ins schiere Schwärmen: ‚So ein sanfter, entgegenkommender, gutaussehender Mann!' (...) Weltweit hat kaum ein Politiker eine bessere Presse als der Spross aus der Nehru-Gandhi-Dynastie."

Rajiv Gandhi nahm Friedensgespräche mit Pakistan auf und plädierte für nukleare Abrüstung - lange bevor auch das Nachbarland erfolgreich eine Atombombe testete.

"Unsere Regierung ist der Auffassung, dass das Prinzip der Abschreckung weder ins
20. noch ins 21. Jahrhundert passt. Die Theorie der Abschreckung führt nur zu einem verschärften Rüstungswettlauf mit immer effektiveren Waffen, komplizierteren Waffen, die immer kürzere Reaktionszeiten erfordern und die Entscheidungsmöglichkeiten massiv einschränken. Das bringt uns an den Rand des Abgrunds."

Was gut begonnen hatte, wendete sich bald gegen Rajiv Gandhi. Die Wirtschaft Indiens wuchs, doch das Geld floss in die Taschen der Reichen. Der Korruption wurde Gandhi nicht Herr. 1987 kam heraus, dass der schwedische Rüstungskonzern "Bofors" 40 Millionen Dollar Schmiergeld für den Auftrag eines Waffengeschäfts an namhafte indische Politiker gezahlt hatte. Dieser größte Korruptionsskandal der indischen Geschichte führte unmittelbar zur Wahlniederlage von Rajiv Gandhis Kongresspartei 1989. Die neue Regierung aus mehreren kleinen Parteien hielt jedoch nicht lange. Nach nur 16 Monaten wurde 1991 das Parlament aufgelöst und es gab Neuwahlen. Nach dem ersten Wahltag im Mai dann der Schock: Rajiv Gandhi tot.

" "Indien ist ohne Parlament, ohne Regierung. Die jetzige ist im Übergang und ohne Mandat. Politiker und Gesellschaft haben sich im Wahlkampf entzweit. Und nun passiert dieses, nun wird der Ex-Premier und wahrscheinliche Wahlsieger allen Voraussagen nach von einem heimtückischen Attentat ums Leben gebracht. Der Bombenanschlag hat das öffentliche Leben paralysiert", "

berichtete der Korrespondent der ARD Rainer Wolfgramm. Rajiv Gandhi hatte in seiner Regierungszeit dem Separatismus der "Tamilischen Befreiungstiger", die im Nachbarland Sri Lanka für einen eigenen Staat kämpften, den Kampf angesagt und Truppen auf die Insel geschickt, um den Bürgerkrieg dort zu beenden. Es war eine tamilische Selbstmordattentäterin, die Rajiv Gandhi in den Tod riss - ein Racheakt wie damals bei Indira Gandhi. Indien standen unruhige Jahre bevor.

Rajiv Gandhi wurde nur 46 Jahre alt, doch die Nehru-Gandhi-Familie spielt weiter auf der Bühne der indischen Politik. Seine Ehefrau Sonia Gandhi ist heute Vorsitzende der regierenden Kongresspartei, und Sohn Rahul, 39, ist bereits Abgeordneter im indischen Parlament, spätere höhere Aufgaben nicht ausgeschlossen.

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