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StartseiteHintergrundEine Dienerin des Volkes10.12.2003

Eine Dienerin des Volkes

Portrait der Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi

Dienstag, 14. Oktober 2003, der Teheraner Flughafen - vier Tage nach der Entscheidung des Nobelpreiskomitees in Stockholm. Zehntausende Menschen warten auf die Aire France-Maschine, die ihre Heldin, Shirin Ebadí, aus Paris nach Hause bringt, in den Iran. Vor allem Frauen sind zu sehen. Sie tragen weiße Kleider und haben weiße Nelken in den Händen, als Zeichen des Friedens. In der vordersten Reihe stehen Kinder mit Plakaten, auf denen nur zwei Worte zu lesen sind: Vielen Dank. Erfahren haben sie von dem Ereignis durch persisch-sprachige Sender aus dem Ausland oder aus dem Internet. Denn die offiziellen Medien des Landes haben die Rückkehr der ersten Nobelpreisträgerin aus dem Iran einfach ignoriert.

Von Ali Sadrzadeh

Schirin Ebadi, iranische Menschenrechtsaktivistin (AP)
Schirin Ebadi, iranische Menschenrechtsaktivistin (AP)
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Als Shirin Ebadi drei Tage nach ihrer Rückkehr ihre Gefühle über diesen Empfang beschreibt, gerät sie ins Schwärmen:

Als ich am Teheraner Flughafen ankam, kehrte das bekannte Gefühl wieder zurück, das ich jedes Mal habe, wenn ich von einer Reise in den Iran zurückkehre: das Gefühl eines Kindes, das in den Schoß seiner Mutter zurückkehrt, ein Tropfen Wasser, der in einem Meer verschwindet. Wissen Sie, ich habe stets die Liebe und Zuneigung vieler meiner Landsleute erlebt, oft schäme ich mich, dass ich nicht entsprechend antworten kann. Doch das, was ich an diesem Abend auf dem Teheraner Flughafen gesehen habe, hat meine Erwartung übertroffen. Ich bedanke mich von ganzem Herzen für diese unermessliche Zuneigung meiner Landsleute, denn ich bin nicht viel mehr als eine kleine Dienerin dieser Bevölkerung.

Das Wort Dienerin hat im Persischen mehrere Bedeutungen. Es kommt darauf an, wer es benutzt. Aus dem Munde einer resoluten und selbstbewussten Persönlichkeit wie Shirin Ebadi wird es keinesfalls als Zeichen der Unterwürfigkeit verstanden. Es ist auch nicht falsche Bescheidenheit, wenn sich eine Intellektuelle als Dienerin des Volkes beschreibt. Shirin Ebadi geht es um Einsatz und Opferbereitschaft.

Vor 54 Jahren kommt Shirin Ebadi in der westiranischen Stadt Hamedán, der Stadt des Philosophen und Mediziners Avecina, zur Welt. Sie wächst in einem toleranten, religiösen Elternhaus auf. Als sie Anfang der 60er Jahre nach dem Abitur nach Teheran geht, um dort Jura zu studieren, legt sie ihr Kopftuch ab. Ihre Kommilitonen und Dozenten betrachten sie als Außenseiterin, doch sie verlässt die Universität als Beste ihres Jahrganges. Ihre langjährige Freundin und spätere Kollegin Mehrangíz Kar erinnert sich:

Shirin Ebadí gehörte zu den ersten Frauen, die im Iran ein Richteramt bekleiden durften. Aber nach der Islamischen Revolution war das nicht mehr erlaubt. Ich erinnere mich, wie wütend Shirin Ebadi war, als man ihr sagte, sie müsse ihren Schreibtisch räumen, denn sie war gern Richterin. Damals wurde sie zu einer richtigen Kämpferin. Sie koordinierte Projekte für die Menschenrechte im Iran. Und sie fing an, über die Situation der Kinder zu forschen und veröffentlichte ein sehr wichtiges Buch unter dem einfachen Titel "Rechte der Kinder". Und wenn Sie meine Meinung wissen wollen: Das ist das beste und wichtigste Buch von Shirin Ebadi, obwohl sie viele Bücher geschrieben hat. Dieses Buch hat enorm zu ihrer Bekanntheit beigetragen, denn es wurde mit Hilfe von UNICEF in mehrere Sprachen übersetzt. Und so kam es, dass auch die UNO und andere Organisationen auf Shirin Ebadi und ihre Aktivitäten aufmerksam wurden.

Niemand weiß, wie viele misshandelte oder obdachlose Mädchen und Jungen von dem Kinderschutzverein tastsächlich gerettet worden sind, den Shirin Ebadi vor achtzehn Jahren gegründet hat. Doch die Tatsche, dass nach der Entscheidung des Nobelpreiskomitees für Ebadi so viele Kinder bei den persischsprachigen Sendern im Ausland anriefen, um zu gratulieren, spricht für sich.

Die 13-jährige Fáseleh zum Beispiel rief bei BBC London an und erzählte ihre Geschichte. Faseleh ist mit ihrem Vater und vier Geschwistern vor sechs Jahren aus Afghanistan in den Iran geflohen. Ihr Vater schlägt sich als Lastenträger durch, und Faseleh befindet sich inzwischen in der Obhut des Kinderschutzvereins von Shirin Ebadi:

Ich kannte diesen Kinderschutzverein vorher gar nicht, aber inzwischen bin ich seit vier Jahren dabei. Also wenn Sie mich fragen, hat man den richtigen Menschen für diesen Preis gefunden. Den Nobelpreis gibt man ja Leuten, die für gute Dinge wie Frieden und Wissenschaft arbeiten. Und Frau Ebadi hat für den Frieden viel getan, am meisten für uns Kinder, die zu Hause und auf der Straße geprügelt werden. Und ich möchte im Namen aller Kinder aus dem Stadtteil Ghar sagen: vielen Dank Frau Ebadi!

Shirin Ebadi hat selbst zwei inzwischen erwachsene und erfolgreiche Kinder. Neben ihrem Engagement für die Menschenrechte arbeitet sie als Hochschullehrerin, Buchautorin und Journalistin. Als Juristin hat sie oft mit schwierigen und spektakulären Fällen zu tun, die in den Medien zu einem Politikum werden.

Zum Beispiel als Anwältin von Parastoú Frúhar, die seit Jahren für die endgültige Aufklärung des bestialischen Mordes an ihren Eltern kämpft. Fruhars Eltern fielen 1998 mit anderen Intellektuellen und Oppositionellen einer Mordserie zum Opfer. Shirin Ebadi hat sich unermüdlich mit diesen Morden beschäftigt und bohrte immer weiter, bis es zu einem beispiellosen Eklat kam: Der Geheimdienst musste öffentlich zugeben, die Morde begangen zu haben. Doch die Hintermänner wurden bis heute nicht zur Rechenschaft gezogen.

Kein Wunder also, dass Shirin Ebadi oft den Unmut der Herrschenden zu spüren bekommt. Weil sie die öffentliche Meinung "manipuliert" habe, wurde sie vor drei Jahren zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Anlass war ein aufsehen erregendes Video, das Ebadi verbreitet hatte. Auf diesem Video erzählt ein Mitglied des berüchtigten Schlägertrupps "Ansár-e Hisbolláh" seine Lebensgeschichte und behauptet, einflussreiche Personen im iranischen Machtapparat stünden hinter dieser Gruppe. Dieser Überläufer ist inzwischen zu einer Art Kronzeuge der Reformbewegung geworden, seinen Namen, Amír Fárschad Ebrahími, kennt jeder iranische Zeitungsleser. Er musste inzwischen das Land verlassen und lebt selbst im Ausland in Anonymität. Seine Verwandlung von einem fanatischen Fundamentalisten zu einem Demokraten, sagt er, verdanke er Shirin Ebadi - und die Entscheidung des Nobelpreiskomitees kommentiert er so:

Zunächst habe ich mich persönlich sehr gefreut. Das war eine Ehre für alle Iraner, vor allem für die Iranerinnen. Frau Ebadi hat diesen Preis wahrhaftig mehr verdient als jede andere Person. Das Nobelkomitee kann sich glücklich schätzen, dass es eine solche Frau für diesen Preis nominieren konnte. Als ich mich entschied, die Brutalität und die Pläne der Hisbollah-Anhänger und der Fundamentalisten zu enthüllen, gab es im Iran keinen Rechtsanwalt, der mutig genug und bereit gewesen wäre, mich zu verteidigen. Alle Rechtsanwälte, die ich aufsuchte, haben abgelehnt. Schließlich hat jeder im Iran gesehen, wie Frau Ebadi allein, mutig und ohne Honorar meine Verteidigung übernahm.

Ebrahimi war 1998 an der Zerschlagung der Studentenproteste in Teheran beteiligt. Fundamentalistische Gruppen stürmten die Wohnheime in der Hauptstadt - zahlreiche Studenten wurden verletzt, einer kam ums Leben. Dass es eine Verbindung gab zwischen den Machtzentren im iranischen Apparat und diesen Schlägertrupps, wurde zwar immer vermutet. Als bewiesen gilt das aber erst, seit Ebrahimi sich Shirin Ebadi anvertraute:

Sie war nicht nur meine Anwältin, sondern eine Freundin. Sie nahm sich meiner Geschichte und meiner Enthüllungen solange und ernsthaft an, bis wir endlich beweisen konnten, wer die Studentenwohnheime überfiel, welche einflussreichen Personen die Befehle dazu gaben und wer den Studenten Ebrahím Nedjad tötete. Frau Ebadi hat einen sehr hohen Preis gezahlt für diesen Fall. Sie und ich wurden im Anschluss an diesem Prozess verhaftet, und jeder weiß, wie es in den iranischen Gefängnissen zugeht. Frau Ebadi hat bei der Verteidigung der Menschenrechte, vor allem der Frauen- und Kinderrechte stets mutig gehandelt und das in der Atmosphäre der Islamischen Republik. Deshalb verdient sie unsere Hochachtung.

Hochachtung verdient die Juristin nicht nur wegen solch spektakulärer Fälle, sondern vor allem wegen ihres unermüdlichen gesellschaftlichen Engagements - das Ziel stets vor Augen: Frieden.

Wissen Sie, ich denke, dass der Frieden in dieser Welt nur über einen Weg zu erreichen ist, und das ist der der Menschenrechte. Lesen Sie noch mal die Präambel der UNO- Menschrechtserklärung. Dort heißt es: Um einen neuen Krieg zu verhindern, verpflichten sich die Unterzeichner-Staaten, die Grundrechte ihrer eigenen Bürger zu achten. Die Philosophie dieser Erklärung besteht also im Grunde genommen darin, den Krieg zu verhindern. Deshalb bin ich der festen Überzeugung, dass viele Menschen inzwischen erkannt haben, dass diejenigen, die für Menschenrechte eintreten, zugleich die besten Diener des Friedens sind, denn kein Frieden ist von Dauer ohne die Achtung der Menschenrechte.

Shirin Ebadi tritt als Juristin nicht nur für die Menschenrechte ein, sondern auch für einen liberalen Islam im Iran. Und sie zieht gegen ein Rechtssystem zu Felde, das die Frauen benachteiligt.

Ein Beispiel aus dem Familienrecht: Kinder werden bei einer Trennung automatisch dem Vater zugesprochen, eine Frau kann sich nur dann scheiden lassen, wenn der Mann einwilligt oder ihr vorher in einem Ehevertrag das Recht auf Scheidung übertragen hat. Dagegen hat Shirin Ebadi in zahlreichen Prozessen gekämpft. Und sie ist stolz darauf, immerhin einige Veränderung erwirkt zu haben: So können die Männer sich inzwischen nicht scheiden lassen, ohne der Frau eine Abfindung zu zahlen. In ihrem Büro im untersten Stockwerk ihres Wohnhauses in Teheran ist sie Ansprechpartnerin für alle, die ihre Hilfe suchen oder die sich mit Menschenrechten auseinandersetzen. Wird das auch in Zukunft so bleiben, auch nach der Preisverleihung?

Ich werde meine Aktivitäten genauso wie bisher fortsetzen, denn die Verleihung des Nobelpreises bestärkt mich in meiner Gewissheit, dass der Weg, den ich eingeschlagen habe, ein richtiger ist. Dieser Weg wird also fortgesetzt, allerdings mit noch mehr Intensität und Beharrlichkeit, denn ich muss zumindest mir selbst beweisen, dass ich dieses Preises würdig bin. Um das zu beweisen, muss ich mehr tun.

In ihrem Kampf versucht Shirin Ebadi, die Machthaber des Gottesstaates mit ihren eigenen Waffen zu schlagen: Sie beruft sich auf den Islam, wenn sie sagt, nicht die Religion, sondern das Patriarchat stünde den Rechten von Frauen und Kindern im Wege. In all ihren Forderungen argumentiert sie dezidiert islamisch. Auch das Islamische Recht, so Ebadi, muss und kann sich den neuen Gegebenheiten anpassen:

Die Frage, ob sich die islamische Rechtsordnung mit den modernen Gesetzen unserer Zeit in Einklang bringen lässt, diese Frage beantworte ich immer mit ja. Ich habe immer betont: Wenn irgendwo in dieser Welt im Namen des Islam z. B. den Frauen unrecht angetan wird, dann herrscht dort ein falsches Verständnis vom Islam. Es geht nicht um Islam, sondern um eine bestimmte Lesart dieser Religion. Wir können mit einer besseren Interpretation des Islam unseren Alltag besser regeln und uns ein angenehmeres Leben verschaffen. Wir müssen uns der Welt annähern. Dafür zeichnet der Islam selbst den Weg.

Shirin Ebadi nennt ein Beispiel: Den islamischen Fastenmonat Ramadan. Der Koran verlangt von jedem Moslem, dass er im Ramadan von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang weder isst noch trinkt. Im Iran oder in Saudi Arabien ist das machbar, sagt Ebadi. Aber:

Was soll ein Moslem tun, wenn er in Nordnorwegen oder ganz am Nordpol wohnt? Soll er sechs Monate nicht trinken und nicht essen, oder soll er das Fasten sein lassen? Wenn er den Koran wortwörtlich nimmt, steht er vor der Alternative, entweder seine Pflicht zu vernachlässigen oder zu fasten bis zum Verdursten. Nicht nur für dieses Problem, sondern für alle anderen Gegebenheiten unserer Zeit gibt es in der islamischen Rechtsordnung eine Lösung: Das ist der Weg der Neuinterpretationen. Eine dieser Interpretationen sagt beispielsweise: Alle 24 Stunden muss acht Stunden gefastet werden, egal wo die Sonne steht. So hat man sich nicht nur der Umgebung angepasst, sondern ist auch seiner religiösen Pflicht nachgekommen.

Gegen Shirin Ebadis Argumentation und ihre islamische Gelehrsamkeit sind die Mullahs praktisch machtlos. Den konservativen Machthabern bleibt daher oft nur die Diffamierung: Der Friedensnobelpreis, sagen sie, sei nichts anderes als ein politisches Instrument, mit dem der Westen die Islamische Republik unter Druck setzen wolle. Doch auf solche Angriffe reagiert Shirin Ebadi gelassen. Sie greift ihre Gegner nicht verbal an, sie kehrt immer wieder zu ihrer Methode zurück, sie erklärt und sie argumentiert.

Es ist möglich, ja gewiss, dass es viele Leute auf dieser Welt gibt, die diesen Preis eher verdient hätten als ich. Was ich aber meinen Landsleuten immer wieder erklären muss, ist die Tatsache, dass das Nobelpreiskomitee völlig unabhängig ist. Ich muss immer wieder betonen, dass es sich bei den Mitgliedern dieses Komitees um freie und unabhängige Leute handelt, die zumindest bis jetzt bewusst und richtig entschieden haben. Und füge immer hinzu, mag sein, dass sich dieses Komitee in meinem Fall geirrt hat, aber beachten Sie bitte, dass sie bis jetzt keinen großen Fehler gemacht haben.

Sie sympathisiere mit der US-amerikanischen Außenpolitik - lautet ein häufiger Vorwurf in der Heimat. Doch das weist Shirin Ebadi von sich: Mit dem Nobelpreis ist für sie eine Aufforderung an die Adresse der Vereinigten Staaten verbunden, Veränderungen im Iran nicht herbeizubomben, sondern stattdessen die Reformbewegung zu unterstützen. Schon in ihrer ersten Pressekonferenz nach der Entscheidung des Nobelpreiskomitees wandte sie sich gegen die Sicht der Bush-Administration, der Iran sei ein Schurkenstaat. Und diese Position wiederholt sie bei jeder Gelegenheit.

Trotz aller Anfeindungen und Schmähungen, die gegen Shirin Ebadi in der konservativen iranischen Presse verbreitet werden: Dieser Nobelpreis ist für die Mehrheit der iranischen Bevölkerung ein Anlass zur Freude. Man hofft, ja man glaubt, dass Shirin Ebadi zur Symbolfigur einer neuen Reformbewegung wird. Denn die iranischen Reformpolitiker - allen voran Präsident Chátami - sind längst an ihre Grenzen gestoßen. Ihr Widerstand gegen die reaktionären Kräfte um Revolutionsführer Khamenéi ist praktisch gescheitert, denn die Konservativen kontrollieren den mächtigen Wächterrat, die Justiz, die Medien, die Wirtschaft und nicht zuletzt den Sicherheitsapparat.

Genau aus diesem Grund ist Shirin Ebadi für die Mehrheit der jungen Iraner, und das sind fast zwei Drittel der Bevölkerung, längst eine Symbolfigur für eine bessere Zukunft geworden. Doch niemand soll glauben, sie würde deshalb ins politische Tagesgeschäft einsteigen:

Wenn Sie meinen, ob ich irgendeine Machtposition oder einen Posten anstrebe, dann muss ich Sie enttäuschen, nein, niemals. Die Menschenrechtsaktivisten müssen immer bei und mit dem Volk leben. Ihre Gegner sind oft die Regierungen, die die Menschenrechte missachten. Die Menschenrechtsaktivisten dürfen also nicht an der Macht teilhaben.

Wie aber sollten sich Menschenrechte in einem Land durchsetzen, in dem es praktisch keine Rechtssicherheit gibt? Drei Tage nach ihrer Rückkehr in den Iran wurde Shirin Ebadi bei einer öffentlichen Veranstaltung in der Teheraner Universität von einem Studenten gefragt, wie lange man denn noch warten solle, bis sich der Iran in ein lebenswertes Land für die junge Generation verwandelt habe. Shirin Ebadi kennt diese Sorgen der jungen Leute. Sie wird von den reformorientierten Studenten aller Fakultäten oft als Rednerin eingeladen. Seit sie Nobelpreisträgerin ist, kann sie den zahlreichen Einladungen kaum nachkommen. Hinzu kommt, dass seit der Entscheidung in Stockholm jeder ihrer Auftritte zu einem politischen Ereignis wird. Am vergangenen Mittwoch sollte sie in der Teheraner Frauen-Universität As-Sáhra eine Rede über Hedjab, die islamische Kleiderordnung halten. Doch zu dieser Rede kam es nicht. Rund 50 tief verschleierte Frauen versperrten ihr den Zugang zur Universität. "Schäm Dich, Du Heuchlerin, wo bleibt Dein Hedjab, Dein Schleier, die islamische Kleiderordnung?" riefen sie ihr entgegen.

Ein Heuchler, das ist für radikale Islamisten ein ehemaliger Moslem, der sich gewandelt hat, ein Renegat, ein Verräter. Und nach islamischem Recht verdient ein Heuchler die Todesstrafe. Dass Shirin Ebadi auf ihrer Pressekonferenz in Paris unverschleiert aufgetreten war, ist für viele ein Stein des Anstoßes. Doch die Art und Weise, wie diese versierte Juristin ihren Auftritt in Paris begründet, das setzt die Fundamentalisten noch mehr in Rage.

Die Einhaltung der islamischen Kleiderordnung ist im Iran gesetzlich vorgeschrieben. Ich respektiere das Gesetz im Iran und achte hier auf Kleiderordnung, woanders aber halte ich mich an die dortigen Gesetze und Gewohnheiten. Wenn wir die Situation der Menschenrechte verbessern und vor allem die Diskriminierung der Frauen beenden wollen, müssen wir die iranische Regierung auffordern, nicht nur die eigenen Gesetze zu beachten, sondern auch die internationalen Verpflichtungen, die sie eingegangen ist. Denn dieser Regierung muss es immer wieder gesagt werden. Entweder akzeptiert man keine internationale Vereinbarung, oder aber man unterschreibt sie, und dann muss man sie einhalten.

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