Mittwoch, 08. Februar 2023

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Eine freie Stimme der freien Welt

"Luft ist mein Name, Friedrich Luft. Ich bin 1,86 groß, dunkelblond, wiege 122 Pfund, ...bin Theater-besessen und Kino-freudig und beziehe die Lebensmittel der Stufe 2."

Von Paul Stänner und Horst Wendt | 28.01.2006

    Als Friedrich Luft, der von da ab 44 Jahre lang die wöchentliche Theaterkritik des RIAS mit der ihm eigenen Atemlosigkeit in den Äther schickte, sich mit seinen mittlerweile legendären Selbstporträt seinen Hörern vorstellte, ging es dem RIAS schon gut. Er war, nach seinen Anfängen als Drahtfunk, der über die Telefonleitungen zu empfangen war, schon ein richtiger Radiosender geworden. Ein Radiosender unter der Oberaufsicht der amerikanischen Besatzungs- und Schutzmacht, aber unter deutscher Verantwortung.

    Von 1946 bis 1993 war der Rundfunk Im Amerikanischen Sektor eine bedeutende politische und kulturelle Stimme in Berlin und in weiten Teilen der DDR, resp. der neuen Bundesländer. Der RIAS begleitete die politischen Entwicklungen in West- und Ostdeutschland, berichtete über den Bau der Mauer, geriet in die Schnüffeleien der McCarthy-Ära, beobachtete die Studentenunruhen in Berlin, begleitete die neue Ost-Politik der Regierung Brandt und die Wiedervereignung. Am Ende wurde er selbst vereinigt mit dem Deutschlandsender Kultur. Mit Originaltönen, Zeitzeugen und Musik bietet diese Lange Nacht einen Rückblick auf ein ganz besonderes Kapitel deutsch-deutscher Rundfunkgeschichte.

    Homepage der RIAS Berlin Kommission /LE_27630>
    Eine RIAS Fan-Homepage, die zwar nicht mehr aktualisiert wird, aber dennoch zum Stöbern einlädt.
    Wikipedia: RIAS

    Aus einem Flugblatt-Text - Ende Januar 1946:
    "Achtung! Achtung!
    Um amerikanischen Sektor Berlins wird demnächst ein neues Funkprogramm zu hören sein. Es wird als Drahtfunk verbreitet. Es bringt:
    Nachrichten aus aller Welt
    Unser Reporter
    Die Stimme Amerikas
    Berliner Hörbildbogen
    Volksmusik, Hausmusik, Konzertmusik
    Schallplatten aus Übersee
    Literarisches Mosaik"

    "Um das – und vielerlei anderes – zu empfangen bedarf es nur geringer Vorbereitung. Ziehen Sie einen isolierten Verbindungsdraht, zum Beispiel Klingeldraht, von der Antennenbuchse Ihres Rundfunkgeräts zum Kabel des früheren Fernsprechanschlusses. (Falls der Telephonapparat noch vorhanden, zu einem seiner blanken Metallteile.) Waren Sie nicht selbst Fernsprechteilnehmer, so war es vielleicht ein anderer Hausbewohner oder ein Nachbar – dann müssen Sie den Draht mit dessen Kabel verbinden. Wenn nötig, holen Sie sich beim nächsten Funkhändler, Techniker oder Bastler Rat. "

    Aus dem Programm des 5. Sept. 1946
    "15.00 hr Eröffnungsansprache des Oberbürgermeisters von Berlin Dr. Arthur Werner... "

    Zu den markantesten Stimmen, die das akustische Erscheinungsbild des RIAS von der ersten Stunde an prägten, gehört die des Theaterkritikers Friedrich Luft. Luft hatte nach einer Hörsaalschlacht mit Nazis sein Studium aufgeben müssen und war in den Journalismus gegangen. Den Krieg hatte er in der Heeresfilmstelle überstanden, wo er epochale Werke schuf über den Einsatz von Gasmasken und Brieftauben. Nach dem Untergang des – wie er ihn einmal nannte – "großen Stinktiers" ging Luft in den Journalismus zurück, schreib für Zeitungen und vor allem für den RIAS – jede Woche eine kritische Sendung, bis zu seinem Tod Weihnachten 1990.
    Wikipedia: Friedrich Luft

    Anfang des vorigen Jahrhunderts hatte der amerikanische Schriftsteller Jacques Futrelle die Idee, den bereits berühmten Sherlock Holmes durch einen noch intelligenteren Kollegen zu übertrumpfen. Er erfand Prof. Dr. Dr. Dr. Augustus Van Dusen und dessen sidekick Hutchinson Hatch. Leider ertrank Futrelle, als die Titanic einen Eisberg rammte. Jahrzehnte später fand er in Berlin einen Nachfolger: Michael Koser, der die ersten Abenteuer Van Dusens zu Hörspielen verarbeitet hatte, setzte die Reihe mit eigenen Geschichte fort. Nach 24 Abenteuern liess er Van Dusen sterben, musste ihn aber durch die geballte Macht der Zuhörer wieder zum Leben erwecken. Erst nach 79 Folgen fand der Amateurdetektiv seine Ruhe.
    Private "Professor van Dusen"-Hörspielseiten

    31. Dezember 1993, 24:00 Uhr: Abschied vom RIAS BERLIN

    "Eine legendäre Stimme in der Berliner Rundfunklandschaft verstummt. RIAS BERLIN, gleichermaßen beliebt bei Hörern in Ost und West, wird zum DeutschlandRadio Berlin. RIAS BERLIN hatte seine Aufgabe als freie Stimme der freien Welt fast 48 Jahre lang mit Bravour erfüllt.
    Nun hat die Geschichte diesen traditionsreichen Sender, der so viele unvergessliche Talente und Sendungen hervorgebracht hatte, überlebt. Am 7. Februar 1946 unter amerikanischer Administration gegründet, bildet eine Feierstunde im Rathaus Schöneberg am 9. Februar 1994 den allerletzten offiziellen Schlusspunkt für einen Sender, dessen berühmtes Mikrofonlogo auf unzähligen historischen Fotos zu sehen ist. "

    Weiterführende Literatur:

    Herbert Kundler u.a.
    RIAS Berlin
    Eine Radio-Station in einer geteilten Stadt
    Dietrich Reimer Verlag Berlin 1994

    Regina Stürickow
    Der Insulaner verliert die Ruhe nicht.
    Günter Neumann und sein Kabarett zwischen Kaltem Krieg und Wirtschaftswunder
    Arani Verlag 1993

    Peter Schulze
    Eine freie Stimme der freien Welt
    Ein Zeitzeuge berichtet
    Westkreuz Verlag


    Todesurteil auf "Vorschlag" Walter Ulbrichts vor fünfzig Jahren
    Der DDR-Schauprozess gegen den RIAS (PDF-Dokument)
    Karl Wilhelm Fricke
    Das Deutsche Rundfunkarchivist eine gemeinnützige Stiftung bürgerlichen Rechts und eine Gemeinschaftseinrichtung der Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland (ARD).

    Gegründet 1952 als "Lautarchiv des Deutschen Rundfunks" wurden seine Aufgaben 1962 um die Dokumentation von Fernsehproduktionen und 1993 um die Verwaltung der Archivbestände des Hörfunks und des Fernsehens der DDR erweitert.

    Das Deutsche Rundfunkarchiv sammelt, archiviert, erschließt und dokumentiert Bild-, Ton- und Schriftdokumente im Dienste der Rundfunkanstalten sowie einer mit Kultur, Kunst, Wissenschaft, Forschung, Erziehung und Unterricht befaßten Öffentlichkeit.

    "Friedrich Luft" steht im Archiv der Akademie der Künste in Berlin:
    Die Akademie der Künste ist eine von der Bundesrepublik Deutschland getragene Körperschaft des öffentlichen Rechts. Sie hat die Aufgabe, die Kunst zu fördern und die Bundesländer in allen Angelegenheiten der Kunst zu beraten und zu unterstützen.
    Fahrzeugparade vor dem Funkhaus 1966
    Fahrzeugparade vor dem Funkhaus 1966 (RIAS-Schubert)
    Ü-Wagen vor dem Luftbrückendenkmal
    Ü-Wagen vor dem Luftbrückendenkmal (RIAS)
    Die RIAS-Presseabteilung ordnet und beantwortet die Vielzahl der Hörerbriefe aus der DDR. Aufnahme November 1952
    Die RIAS-Presseabteilung ordnet und beantwortet die Vielzahl der Hörerbriefe aus der DDR. Aufnahme November 1952 (RIAS-Rudolph)
    RIAS-Parade '74 in der Deutschlandhalle: Jürgen Graf am Mikrofon (Mitte) und jede Menge Stars, darunter Udo Jürgens, Ivan Rebroff, Katja Ebstein, Peter Wyngarde, Joy Fleming, Gitte, Ireen Sheer, Bernd Clüver
    RIAS-Parade '74 in der Deutschlandhalle: Jürgen Graf am Mikrofon (Mitte) und jede Menge Stars, darunter Udo Jürgens (RIAS - Uwe Rau)