Sonntag, 29. Januar 2023

Archiv


Eine Generationenfrage

Früher wurde mit dem Begriff der Generation weitaus weniger inflationär umgegangen als in den vergangenen Jahren. Alle paar Jahre entstehen neue Generationen: Generation Golf und Generation Praktikum sind nur die bekanntesten. Wieviel Bedeutung hinter den heutigen, aber ebenso hinter älteren Generationenbegriffen steckt, diskutierte ein Symposium an der Universität Göttingen.

Von Eva-Maria Götz | 20.03.2008

    "Generation hat etwas mit Identifikation zu tun. Mit Selbstzuschreibung, mit Fremdzuschreibung, also mit der Zuschreibung von dem, was andere von mir halten, was ich von mir selber halte und was der Forscher von mir hält."

    Sagt Till Manning, Soziologe und als Mitglied des DFG-Graduiertenkollegs einer der Veranstalter des dreitägigen Kongresses. Der Begriff "Generation als Konstruktion einer Gemeinschaft" hat in Historikerkreisen Konjunktur. Umso wichtiger ist es, den Begriff zu konkretisieren und ein wissenschaftliches Handwerkszeug für seine Anwendung zu erarbeiten, um Unschärfen und Verallgemeinerungen zu vermeiden. Eine Methode dazu ist die richtige Fragestellung, meint auch Mitveranstalterin Eva-Maria Silies:

    "Die W-Fragen sind: Was wird erzählt, wie wird erzählt, wer erzählt und vor allem: warum wird erzählt."

    Die W-Fragen sind ein prägnanter Einstieg bei einem so populären Thema, das nicht nur von historischen Fakten, sondern größtenteils von einem Gefühl lebt: dem "Wir"-Gefühl der Zeitzeugen.

    "Dafür ist dieser Begriff, den wir bei dieser Tagung stark gemacht haben, der ’Generationenerzählung’ ganz interessant, weil der setzt sich mit dem Phänomen auseinander: Wie wird die Generation wann, warum und von wem artikuliert. Und dann kann man sozusagen, wenn man diesen Konstruktcharakter von ’Generationen’ klar hat, dann kann man auch viel leichter mit anderen darüber reden, auch mit anderen Konzepten arbeiten, sich mit anderen Projekten, anderen Ansätzen auseinandersetzen, und das geht eben nicht, wenn man einfach sagt: die Generation."

    "Aus meinen eigenen Forschungsarbeiten kann ich sagen, Leute bezeichnen sich auch als 68er. Aber da muss man sich fragen: Tun sie das nur, weil sie von außen dieses Label bekommen haben? Ihr gehört zu dem und dem Jahrgang, deshalb seid ihr 68er? Gerade in diesen Interviewprojekten kommt dann ganz deutlich raus, dass Leute sagen, ich bin 68er, aber ich habe gar nicht die Erfahrung gemacht, die die 68er gemacht haben. Also ich kenne das zum Beispiel gar nicht, dass man jeden Tag neue Leute kennen gelernt hat und mit denen ins Bett gegangen ist, das stimmt so gar nicht. Und dann fängt innerhalb dieser Generationenbildung - hier der 68er - wieder eine Untergruppierung an und das macht es so schwer greifbar."

    Anders als in der Familie, wo die Bezeichnung "Generation" eine bestimmte Altersgruppe bezeichnet, die Großeltern, die Kinder, die Enkel, ist die historische Zuordnung differenzierter. Sie bezieht sich nicht immer auf Angehörige eines bestimmten Geburtsjahrgangs, bzw. Jahrzehnts. Einer Generation anzugehören, hat vor allem etwas mit geteilter Erfahrung zu tun. Oder mit dem dringenden Wunsch, eine Erfahrung geteilt zu haben, also: dazuzugehören. Till Manning:

    "Wenn ich mich mit den Zielen von 68 identifiziere und ich bin ungefähr in dem gleichen Alter, ich war zwar nicht dabei bei den Demos, aber ich bin ungefähr in dem gleichen Alter und ich denke, das ist richtig, was die gemacht haben, dann bin ich sehr schnell dabei und sage, ich bin 68er. Aber es gibt natürlich auch die Gegen- 68er, die eben konservativ geblieben sind, die mit dem ganzen Protest nicht viel anfangen konnten. Und die, auch wenn sie das auf der anderen Seite erlebt haben, die gleichen Ereignisse, würden sich nicht als 68er bezeichnen. 68 ist eine politische Generation, und dementsprechend hat es mit politischer Selbstverortung zu tun, ob ich dazu gehören möchte oder nicht."

    Diejenigen, die sich nicht mit der 68er Generation identifizieren möchten, fühlen sich vielleicht der "Wiederaufbau-Generation" stärker verbunden.

    "Und so benutzt möglicherweise jeder dieses Konzept der Generationen dazu, um sich irgendwie in einem Kollektiv gemeinsam zu verorten. Das ist ja dieses berühmte ’Wir’ in Erzählungen. ’Wir kannten das’ - ’Wir haben das soundso gemacht’ - ’Wir haben das nicht gemacht’. Das ist das Bedürfnis, einer Gemeinschaft zuzugehören. Und das hängt eben auch davon ab: Mit welchen Lebensentwürfen kann ich mich identifizieren."

    Kein Problem übrigens, gleichzeitig mehreren Generationen anzugehören, je nachdem welche Lebensphase untersucht wird. So sind die "68er" auch gleichzeitig die "Kriegskindergeneration". Wie wichtig der Generationenbegriff ist, um sich überhaupt zu verständigen, erläuterte Malte Thießen anhand der sogenannten Generation "Feuersturm", also der Zeitzeugen der Bombardierung Hamburgs im April 1943. Denn in die kollektive Erzählung einer Generation hält Erinnerungen wach, hier kann sich jeder einzelne mit seinen persönlichen Erlebnissen einordnen ohne nach Schuld und Unschuld, Täter- oder Opferrolle gefragt zu werden. Prägnante Stereotype helfen bei der Selbsterklärung:

    "Die Trümmerfrau ist ein tolles Beispiel, weil sich eine Art generationelle Ikone auftut, mit der man bestimmte Eigenschaften verbindet. Das heißt, wenn ich als Zeitzeuge von solchen Ikonen spreche, rufe ich sofort ein bestimmtes Setting ab: Jeder hat ein Bild von einer Trümmerfrau vor Augen. Und damit mache ich gleich deutlich, was mich als Person auszeichnet, nämlich wenn ich mich als Trümmerfrau bezeichne, selbst wenn ich gar keine Steine gekloppt habe."

    Wie sehr die Erfahrung einer Generation mit der politischen Entwicklung einer Gesellschaft verknüpft ist und wie sehr das Lebensgefühl der Einzelnen davon geprägt wird, macht der Leipziger Soziologe Thomas Ahbe an dem in jeder Hinsicht abgeschlossenen Entwicklungsprozess der DDR deutlich.

    "Unsere Idee war, die Dynamik der DDR-Geschichte, Aufbruch, "goldene Zeit" der 60er Jahre, Hoffnung auf die Liberalisierung in den 70ern, lange Stagnationsphase und Zusammenbruch, dass wir gesagt haben, diese Frage über Stabilität und Dynamik und letztendlich Aufkündigung des DDR-Projektes, lässt sich nur erklären, wenn man einmal beschreibt: Welche Generationen haben denn in diesem Land an welcher Stelle gewirkt."

    Dabei gibt es, so meint Thomas Ahbe, eine Generation, deren gesamter Lebenslauf identisch ist mit dem Schicksal der DDR: die sogenannte "Aufbaugeneration", die Ende der 20er, Anfang der 30er Jahre geboren ist.

    "Diese Aufbaugeneration hat also den hoffnungsvollen Anfang erlebt, die Gleichaltrigen aus dieser Generation, die sich mit diesem DDR-Modell nicht arrangieren wollten, sind in den Westen gegangen, insofern war das auch eine relativ homogene Gruppe, die sind altershomogen in den 50er Jahren in die entscheidenden Stellen aufgerückt und sind dort verblieben, haben also auch für andere Generationen einen Stau verursacht. Und waren, als die DDR zusammenbrach, alt. Man kann sie als eine glückliche Generation bezeichnen, sie haben gut dotierte Renten bekommen und konnten die neuen Freiheiten, die neuen Konsummöglichkeiten noch bei guter Gesundheit erleben. Danach sehen wir eine Generation, die ’Funktionierende Generation’, die kann wieder als Beispiel stehen, wie man es durch den Lauf der Geschichte schlecht treffen kann."

    Generationenerzählungen dürften mit zu den ältesten kulturellen Mustern gehören. So begründen die "Vätererzählungen" in der alttestamentarischen Genesis den jüdischen Mythos vom "Gottesvolk". Dieses Modell einer Aufbruchsgeneration ist, anders als die vergessene Aufbruchsgeneration der DDR, bis heute erfolgreich: Die Geschichten von Abraham, Isaak und Jakob mit ihrer Beschreibung einer großfamiliären Sozialstruktur im agrarwirtschaftlichen Alten Orient sind identitätsstiftend bis in unsere Tage, erläuterte die Theologin Melanie Köhlmoos. Dass allerdings der Erfolg einer Generationenzuschreibung viel mit dem Durchsetzungsvermögen und der Deutungshoheit, der in einer Gesellschaft tonangebenden Schicht, zu tun hat, meint Professor Bernd Weisbrod von der Georg-August-Universität Göttingen. Und da sind es vor allem die weißen, männlichen Eliten, die ihre Sicht auf eine bestimmte Epoche durchsetzen.

    "Ich glaube, dass die Wirksamkeit sehr viel mehr mit der Artikulationsfähigkeit und Durchsetzungsfähigkeit von Deutungen zu tun hat als mit der Eindrücklichkeit von Erfahrungen selber. Wir wissen, der erste Weltkrieg hat sehr unterschiedliche Nachkriegserzählungen hervorgebracht, obwohl die Erfahrungen sehr wahrscheinlich dieselbe war. Wir wissen auch, dass die Tatsache, dass junge Frauen plötzlich die Pille nehmen konnten, und nun über ihre Sexualität bestimmen konnten, in ihnen ein Bewusstsein geschaffen hat, dass sie die Ersten sind, die das konnten. Ihre Mütter nicht. Trotzdem ist das nur eine sozusagen ’Stille Generation’, weil es keinen hegemonialen Deutungsanspruch gab."

    Heute scheint die Suche nach Generationenzuschreibungen inflationär geworden zu sein und die Zeiträume, die mit einer Generation umrissen werden, werden immer kürzer: Generation Golf, Generation X, Generation Praktikum - ständig werden neue Etiketten erfunden. Manche verschwinden ebenso schnell in der Versenkung, andere Begriffe bleiben, meint die Bonner Germanistin Celine Kaiser, die bei ihren Studenten festgestellt hat, dass sie sich schon mit der Generation Praktikum identifizieren, obwohl sie noch lange nichts mit deren Berufserfahrung zu tun haben. Der Begriff ist empathiefähig, er bringt ein Lebensgefühl auf den Punkt:

    "Generation P ist kein kathastrophischer Diskurs und keine Tragödie, die sich abspielt, aber eine Verunsicherung, eine tiefe Unsicherheit, die sich abspielt in den materiellen und ideellen Ausrichtungen: Wo soll ein Lebensweg hingehen, wohin soll’s führen."