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Eine Genkarte von Estland

Medizin. - Schon vor rund zwei Jahren begann in Island eines der ersten Gendatenbank-Projekte. Besonders interessant sind gerade die Isländer, weil sie eine große und verwandtschaftlich enge Gruppe bilden, die Rückschlüsse auf Krankheitsgene erlauben könnte. Konkurrenz macht seit heute das baltische Estland: Eine Gesetzesänderung ermöglicht jetzt den Aufbau der weltweit größten Erbgut-Datenbank.

08.01.2001
    Estland ist kaum größer als Niedersachsen und hat gerade 1,4 Millionen Einwohner. Doch das heute in Kraft getretene Genforschungsgesetz und das damit startende Genomprojekt könnte die Esten bald zu dem wissenschaftlich bestuntersuchten Volk überhaupt machen. Schon in fünf Jahren sollen im Rahmen des Vorhabens eine Million Genproben gesammelt sein.

    "Vorrangige Ziele des Projektes sind der Aufbau der Genforschung sowie einer entsprechenden Infrastruktur für eine Hightech-Ökonomie in Estland", unterstreicht der Mitinitiator des Genom-Vorhabens und ärztlicher Direktor der Universitätsklinik von Tartu, Jaanus Pikani. Um Anschluss an die westliche Konkurrenz zu halten, musste der Gesetzentwurf in nur vier Monaten beraten und beschlossen werden. Allerdings fehlt es bislang noch an finanziellen Mitteln: Interessierte Unternehmen sollen sie in eine eigens gegründete öffentlich-rechtliche Stiftung einbringen, um später die Datenbank nutzen zu dürfen. Eine wichtige Rolle spielen dabei auch die estnischen Hausärzte, berichtet Pikani: "Sie werden die Patienten zu ihrer Krankengeschichte, Umweltbedingungen und Familiengeschichte befragen sowie fünf Milliliter Blut abnehmen, die an die Gendatenbank gehen."

    Weil die estnische Bevölkerung genetisch vielfältig ist, sei sie auch als europäisches "Modellvolk" bestens geeignet, meint der Mediziner. Überdies lägen die Kosten für die Analyse der Genfunktionen in Estland deutlich unter jenen, die in westlichen Ländern aufgebracht werden müssten. Gleichzeitig soll dabei der Datenschutz nicht zu kurz kommen: Die Teilnahme am Genomprojekt muss freiwillig und ohne Vergütung erfolgen und alle Daten sollen anonymisiert werden. Schließlich dürfen Pharmaunternehmen nur Daten von Fünfergruppen erhalten, niemals jedoch von Einzelpersonen. Eine genetische Diskriminierung soll so ausgeschlossen werden.

    [Quellen: Michael Lange, Jaanus Pikani]