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StartseiteLange Nacht"Die Luft der Freiheit weht"16.02.2019

Eine Lange Nacht über die Stanford University"Die Luft der Freiheit weht"

Stanford: Mit diesem Namen verbinden viele vor allem die Universität im Silicon Valley - jenem zwischenzeitlich beinahe mythischen Ort südlich der San Francisco Bay, an dem die großen Technologie-Firmen dieser Welt ihren Sitz haben.

Von Fabian Goppelsröder

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Die Stanford Universität in Kalifornien. (picture alliance / dpa / Udo Bernhart)
Die Stanford Universität in Kalifornien (picture alliance / dpa / Udo Bernhart)
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Geisteswissenschaften in Stanford Im Schatten der Ingenieure

Das kleine Städtchen Palo Alto, an das der Campus grenzt, kann als das geografische Eingangstor ins Tal der Halbleitertechnologie bezeichnet werden - und Stanford selbst als die wissenschaftlich-intellektuelle Quelle, ohne die die beeindruckende Entwicklung der Region über die letzten 50 Jahre in der Tat kaum möglich gewesen wäre.

Dabei entspricht der "Farm" genannte Campus mit seinen Beaux-Arts-Gebäuden, den an kalifornische Missionsstationen erinnernden Arkadengängen aus gelbem Sandstein und den roten Dächern so gar nicht dem Bild heutiger IT-Headquarter-Architektur. Auch das im Siegel Stanfords fixierte deutsche Motto der Universität "Die Luft der Freiheit weht" verweist auf die Humboldt’sche Forderung von Lehr- und Lernfreiheit, welche die Gründer Stanfords zu realisieren suchten.

Ein alteuropäischer Impuls, könnte man sagen, steht somit am Beginn derjenigen Universtät, die heute wie kaum eine zweite für das Neue der Neuen Welt steht und die doch eine Institution zwischen Humboldt und Silicon Valley bleibt.

David Starr Jordan, der erste Präsident der Universität, in einem Brief von 1913

"Diese Arkadengänge aus gelbem Sandstein ergeben zusammen mit den roten Ziegeldächern vor azurblauem Himmel ein Bild, das man nicht mehr vergisst, und das an sich schon als integraler Bestandteil des besonderen Stanford Bildungserlebnisses betrachtet werden muss."

Gemäß dem Ideal Wilhelm von Humboldts, in der Universität Forschung und Lehre zu verbinden, sollte auch Stanford kein Liberal Arts College, keine bloße akademische Schule sein, wie sie sich in den USA um 1900 etabliert hatten. Hier sollte Wissen generiert, nicht nur vermittelt werden. Ein alteuropäischer Impuls, könnte man sagen, steht somit am Beginn derjenigen Universität, die heute wie kaum eine zweite für das Neue der ‚Neuen Welt‘ steht und die doch eine Institution zwischen Humboldt und Silicon Valley bleibt. In den drei Stunden dieser Langen Nacht wollen wir Sie mitnehmen auf eine Reise in die Geschichte der Stanford University; einer Geschichte zwischen Alteuropa und Neuer Welt, zwischen Nationalbewusstsein und Weltoffenheit, humanistischem Bildungsanspruch und Start-up-Kultur des 21. Jahrhunderts.

David Starr Jordan (* 19. Januar 1851 im Wyoming County, New York; † 19. September 1931 in Stanford, Kalifornien) war ein US-amerikanischer Zoologe, Ichthyologe, Botaniker, Eugeniker und Friedensaktivist. Sein offizielles botanisches Autorenkürzel lautet "D.S.Jord.". Weiterlesen bei Wikipedia 

Die Leland Stanford Junior University (kurz Stanford University oder Stanford, Spitzname "Die Farm") ist eine private US-amerikanische Universität in Stanford, Kalifornien. Sie liegt etwa 60 Kilometer südöstlich von San Francisco in der Nähe von Palo Alto und wurde von Leland Stanford und seiner Ehefrau Jane Stanford im Jahr 1891 im Andenken an ihren früh verstorbenen, einzigen Sohn gegründet. Derzeit sind 16.122 Studenten an der Universität eingeschrieben und studieren an einer der sieben Fakultäten. Weiterlesen bei Wikipedia 

Warum das Silicon Valley konkurrenzlos bleibt und deutsche Unis Exzellenz vergessen können, erklärt Stanford-Präsident John Henness. Nachlesen in DIE ZEIT

A History of Stanford. Nachlesen (englisch)

Ende des 19. Jahrhunderts waren private Hochschulen noch kein "Business Model"

… und Stanfords Vorhaben schien ganz besonders ungeeignet, ein ökonomischer Erfolg zu werden: Lehrkräfte ließen sich nur schwer für den freiwilligen Gang ins akademische Exil am westlichsten Ende der Welt gewinnen. Für Studenten schien der Abschluss an der neuen Universität verglichen mit Diplomen aus Princeton, Yale oder gar Harvard wenig attraktiv. Zugleich verlangte der Bau des Campus massiv Investitionen. Unternehmerisch war das Projekt ein großes Risiko, um nicht zu sagen ein Himmelfahrtskommando. Hinzu kam, dass es mit der University of California, Berkeley, nur wenige Kilometer östlich von San Francisco, bereits eine etablierte Universität in dieser Wildnis gab. Und doch sollte das Projekt für Leland und Jane Stanford zu ihrem Vermächtnis werden – und zum Vermächtnis ihres Sohnes.

Hans Ulrich Gumbrecht, ein Kenner von Stanford's Geschichten und Mythen

Als gebürtiger Würzburger und Kind der bundesrepublikanischen Nachkriegszeit hat sich Hans Ulrich Gumbrecht seit seiner Berufung 1989 auf den Lehrstuhl für Komparatistik in Stanford zum bekanntesten Gesicht der Universität in Deutschland und zum Kenner ihrer Geschichten und Mythen entwickelt.

"Jane Stanford wurde das ein- und erste mal schwanger mit 43 Jahren; also im dritten Viertel des 19. Jahrhunderts und dieser Sohn wurde geboren, naja und war schon der Kronprinz auch, und war offenbar ein aufgeweckter junger Mann, man weiß es nicht, ist vielleicht Mythologie, jedenfalls als er 16 war hat man ihn, das ist typisch, auf eine Bildungsreise nach Europa geschickt. Er sollte eben Rom gesehen haben und Florenz gesehen haben und Istanbul gesehen haben, sie waren auch in Bad Kissingen in Deutschland und in Berlin, das sollte er gesehen haben. Und er hat sich in Istanbul mit Typhus infiziert und ist dann in Florenz gestorben. Und es ist tragisch und nicht tragikomisch wirklich, dass diese Bildungsprojektion – der Sohn soll sehen können und soll die Bildung haben, die wir nicht haben konnten, damit er dann das Kapital besser vermehrt – dass die zu diesem Todesfall geführt hat. Und daraufhin waren die Eltern natürlich verzweifelt und sind in Paris in spiritistische Zirkel eingetreten, um mit dem Sohn in Kontakt zu treten. Und ich sag jetzt ironisch: das ist gelungen; also der Sohn sprach aus dem Jenseits und dann haben sie gesagt: ‚Dear son, what shall we do in your memory?‘ und der Leland Stanford Junior sagte: ‚I want you to found a university for poor children.‘ Und er hat nicht gesagt ‚boys‘, vielleicht aus Zufall, also er hat natürlich sowieso nichts gesagt, aber sie haben sich genau daran gehalten: weil er gesagt hat ‚poor children’ war Stanford erstens eine der ersten Universitäten im Land, die co-ed waren, also Mädchen und Jungen aufgenommen haben, und zweitens, solange es sich die Universität leisten konnte, das war nicht sehr lang, völlig tuition free. Es gab überhaupt keine Studiengebühren, auch room and board."

Hans Ulrich Gumbrecht (* 15. Juni 1948 in Würzburg) ist ein deutsch-amerikanischer Romanist, Literaturwissenschaftler und Literaturhistoriker, Hochschullehrer und Publizist. Er ist Inhaber des Lehrstuhls Komparatistik an der Stanford University und ständiger Gastprofessor an der Université de Montréal, am Collège de France sowie an der Zeppelin Universität Friedrichshafen. Mit seinen Beiträgen in der Presse hat er zahlreiche Debatten lanciert. Weiterlesen bei Wikipedia

Hans Ulrich Gumbrecht, PhD auf der Website des Europe Center - Stanford University

Humboldtexperte Jürgen Trabant, selbst mehrfach Gastprofessor in Stanford

"Der Gelehrte oder Forscher forscht, aber zusammen mit den forschenden Studenten, die sind eben auch Forscher. Die sind eben keine Schüler, das ist ganz wichtig. Der Unterschied zwischen Schule und Universität ist ja bei Humboldt ganz stark, nicht, die Schule ist die Institution, die fertiges Wissen vermittelt; die Universität ist die Institution, in der Wissen überhaupt erst produziert wird. Also das gemeinsame Generieren von Wissen ist der Kern der Humboldt’schen Universität."

Jürgen Trabant ist Professor emeritus für Romanische Philologie. Er ist derzeit Mitglied der Forschergruppe Symbolische Artikulation. Sprache und Bild zwischen Handlung und Schema (VolkswagenStiftung) an der Humboldt-Universität zu Berlin. Mehr auf seiner Website

Gerhard Casper, in seiner Inaugurationsrede von 1992  

In seiner Inaugurationsrede von 1992 spekulierte Gerhard Casper, dass der Board of Trustees ihn lediglich deshalb zum neunten Präsidenten der Stanford University.

Der Humboldtexperte Jürgen Trabant, selbst mehrfach Gastprofessor in Stanford: "Der Gelehrte oder Forscher forscht, aber zusammen mit den forschenden Studenten, die sind eben auch Forscher. Die sind eben keine Schüler, das ist ganz wichtig. Der Unterschied zwischen Schule und Universität ist ja bei Humboldt ganz stark, nicht, die Schule ist die Institution, die fertiges Wissen vermittelt; die Universität ist die Institution, in der Wissen überhaupt erst produziert wird. Also das gemeinsame Generieren von Wissen ist der Kern der Humboldt’schen Universität" Das Problem sei allerdings, dass Hutten seine Invektiven gar nicht auf Deutsch, sondern auf Latein geschrieben habe."

Casper ging der Geschichte von Jordans Leitsatz nach und schrieb darüber 1995 einen Aufsatz, in dem er eine improvisierte Founders’ Day address des damals bereits emeritierten Jordan von 1917 zitiert:

"Im Zusammenhang einer meiner frühen Reden hatte ich die Gelegenheit, Ulrich von Hutten zu zitieren, als dieser sich für den verfolgten Luther stark machte. ‚Wissen Sie nicht, dass die Luft der Freiheit weht?‘ Dieses Zitat gefiel Mr. Stanford und es gefiel der versammelten Professorenschaft und irgendwie gelangte ‚Die Luft der Freiheit weht‘ so auf das Siegel der Universität dieser Tage."

A lifelong leader in academia and an esteemed scholar of constitutional law, Gerhard Casper served as Stanford University’s president from 1992-2000. During that time, his commitment to excellence in both undergraduate and graduate education resulted in a number of major initiatives. A decorated academic, Professor Casper holds honorary doctorates from Yale and Uppsala Universities, Bard College, and the Central European University. Weiterlesen 

Gerhard Casper (* 25. Dezember 1937 in Hamburg) ist ein deutscher Verfassungsjurist und Jura-Professor. Casper war von 1992 bis 2000 Präsident der kalifornischen Stanford University und ist seit Juli 2015 Präsident der American Academy in Berlin. Mehr bei Wikipedia

Deutsche Kultur und Humboldt’scher Bildungsgedanke

Jordans Bewunderung für die deutsche Kultur und den Humboldt’schen Bildungsgedanken ließen ihn besonders suspekt erscheinen. Tatsächlich aber war sein Pazifismus keineswegs durch eine pro-deutsche Haltung motiviert. Sein Argument gegen den Krieg fußte vielmehr auf biologistischen Überlegungen: Die Menschheit, meinte Jordan, könne es sich nicht erlauben, die stärksten und besten Männer durch Kriege aus ihrem Genpool zu entfernen. Der Ichthyologe und Darwinist hatte 1907 aus seinen wissenschaftlichen Einsichten und Überzeugungen eine Philosophie der positiven Selektion menschlichen Erbguts geformt.

David Starr Jordan: "Wie lange wird die Republik bestehen? So lange wie die Ideen ihrer Gründerväter dominieren. Wie lange werden diese Ideen dominieren? Gerade so lange wie das Blut der Gründerväter im Blut ihres Volkes dominiert. Nicht das Blut von Puritanern und Virginiern allein, den eigentlichen Gründern freier Staaten, sondern das Blut frei geborener Männer überhaupt, seien es Griechen, Römer, Franken, Sachsen, Normannen, Dänen, Kelten, Schotten, Gothen oder aber Samurai. Es ist der Vorrat an solch freiem Blut, der eine freie Nation möglich macht. Unsere Republik wird so lange bestehen wie ihre menschlich-genetische Ernte gut ist, so lange die Geschichte, der Fortschritt in den Wissenschaften und der Industrie das Beste und nicht das Schlechteste jeder einzelnen Generation zu sichern in der Lage ist."

Die Freiheit von Forschung und Lehre

Forschung und Lehre sollten frei sein – doch nur so weit als die gewonnenen Erkenntnisse dem ganz konkreten Fortschritt dienten. In dieser Hinsicht war man sich im Nachkriegsamerika weitgehend einig. Die Ansicht, dass…:

"…Wissenschaft nützlich, wenn nicht gar grundlegend für industriellen Fortschritt sei, dass aber direkte Einmischung des Staates in die Förderung und Koordination akademischer Projekte unangemessen sei, wurde die dominante Sicht nach Ende des 1. Weltkriegs. Zugleich wurden Befürworter einer aktiveren Rolle des Staates durch den konservativen ‚Backlash‘ gegen reale oder nur imaginierte Sozialisten und Radikale wirkungsvoll in die Ecke gedrängt. In diesem Klima arbeiteten die Führer der wissenschaftlichen, industriellen und philanthropischen Vereinigungen effizient daran, private Wissenschaftsförderung sowohl zu feiern als auch zu pushen."

Tatsächlich wurden auch in Stanford neben den Studiengebühren weitere Möglichkeiten zur Finanzierung des Universitätsbetriebs ausprobiert, darunter eine, die bis dato an diesem Ort keine Rolle gespielt hatte, heutzutage allerdings eine Art Markenzeichen der Hochschule geworden ist: die systematischen, auf hohe Ziele ausgerichteten Spendenkampagnen, sogenannte 'Fundraisers'.

Die Geschichte weißer Männer

Schaut man auf die Geschichte Stanfords von seinen Anfängen bis in die Jahre nach dem 2. Weltkrieg, so ist das in hohem Maße die Geschichte weißer Männer: Von Leland Stanford und David Starr Jordan zu Hoover, Wilbur, Tresidder und Terman. Die Reihe ließe sich ergänzen. Abgesehen von Jane Stanford findet sich in ihr praktisch keine Frau. Die zu Beginn durchaus spektakuläre Entscheidung, Co-ed zu unterrichten, an der neuen Universität Männern und Frauen das Studium zu ermöglichen, wurde durch die Beschränkung der Zahl weiblicher Studenten bald relativiert. Afro-amerikanische Studierende gab es in Stanford lange Zeit wenig. Erst durch den Zustrom ehemaliger Soldaten nach dem Zweiten Weltkrieg, die dank der sogenannten GI-Bill keine Studiengebühren zahlen mussten, änderte sich das. Und trotzdem führt, so scheint es, eine direkte Linie von den einflussreichen Gentlemen-Clubs Hoovers, dem "Bohemian-" und dem "Fishing Club", zum Image Stanfords als einer Hochschule für die weiße Oberschicht. Eine Universität, die sich konservativ, elitär und staatstragend gebärdet. Der von Rebecca Lowen verwendete Begriff der "Cold War University" passt da ins Schema. Stanford als die Universität der ‚Hoover Institution’, der politisch eher rechten Denker; als die Hochschule, die für den militärischen Komplex mit Einrichtungen wie dem SRI, dem "Stanford Research Institute", kriegsrelevante Forschung betreibt, wie es die ‚68er anprangerten. Doch gibt es auch eine andere Erzählung, eine andere Geschichte dieser Institution seit dem 2. Weltkrieg. Eine Geschichte, in der die relative Provinzialität der Westküste zu einer besonderen Form von Weltoffenheit führt und Alternativkultur zum Ausgangspunkt des Sneaker-Kapitalismus im Silicon Valley wird; eine Geschichte, in der der Humboldt’sche Gedanke durch die Entwicklung zur gerade in den IT-Fächern exzellierenden Eliteuniversität modifiziert und für das 21. Jahrhundert bewahrt wird.

Der erste Auslandscampus Stanfords

1958 lancierte die Universität ein in seiner Art bis heute besonderes Programm, das ihrer Ausrichtung auf nationale, patriotische Aufgaben zunächst eher entgegen zu stehen scheint: Im schwäbischen Beutelsbach, gute 20 Autominuten von der Baden-Württembergischen Landeshauptstadt Stuttgart entfernt, eröffnete der erste Auslandscampus Stanfords. Das auf einem Weinberg oberhalb des Örtchens gelegene Landgut scheint in der Rückschau eine überraschende Wahl. Die mittlerweile mehr als zehn Campi weltweit sind heute vornehmlich in Haupt- und Großstädten gelegen. Neben Madrid, Paris und Istanbul können Stanforder Studenten für zwei Auslandstrimester ihrer Wahl auch nach Hongkong, Kapstadt oder Santiago de Chile gehen. Begonnen aber hat diese Weltläufigkeit in der südwestdeutschen Provinz. Das heutige Hotel und Restaurant "Landgut Burg" erinnert mit einem ‚Haus Stanford‘ immer noch an diese Phase seiner Geschichte, in der zwischen 1958 und 1974 pro Trimester 80 amerikanische Studenten einen durchaus exotischen Akzent im beschaulichen Remstal setzten. Untergebracht in Gastfamilien im Dorf sind sie in der Erinnerung der älteren Bewohner Beutelsbachs auch heute noch präsent.

Neben den Zufälligkeiten aber scheint die Entscheidung für Beutelsbach auch ganz bewusst eine Entscheidung für die Provinz gewesen zu sein. Tours und Florenz, die Auslandscampi zwei und drei, waren ebenfalls keine Großstädte. Die erste österreichische Zweigstelle fand sich in Semmering, um 1900 Sommerfrische der betuchten Wiener, und die Studenten wohnten hier, fernab jeglicher Urbanität, im insolventen Grand Hotel Panhans. 

Frühe 1950er Jahre: Studenten der Stanford University geben Bücherspenden an die Bibliothek der gerade gegründeten Freien Universität Berlin. Stanford etabliert als erste Universität ein Direktaustausch-Stipendium an der F.U.  Die Freie Universität bleibt ein wichtiger Partner.
1958: Stanford eröffnet den ersten Campus in Übersee in Beutelsbach/Baden Württemberg. Dies wird der Eckstein eines im Verlauf der folgenden Jahrzehnte immer weiter  ausgebauten Netzes von Studienzentren der Stanford University ausserhalb der USA, dem Stanford Overseas Studies Program. Weiterlesen

Berlin

Karen Kramer, Direktorin des 1975 schließlich doch nach Berlin umgezogenen  deutschen Campus setzt die anfängliche Entscheidung für die Provinz durchaus in Beziehung zu Stanfords besonderem Charakter:

"Ja, warum ist das? Also, ich glaube, es passt zum Teil zu dem Bild, das Stanford von sich hatte. Stanford ist auch‚'ländlich' ist das falsche Wort, aber, jetzt gibt es das ganze Valley, das gab’s nicht immer. Stanford war eine Pferdefarm die Städte sind vielleicht, ich weiß es nicht, sind vielleicht ein bisschen suspekt gewesen, vielleicht hätten Eltern Angst gehabt, ihre Kinder in Städte zu schicken, ich nehme an, es war einfach so ein Bild von Old Europe, ja, Old Germany". Es ist ein ziemlich ausgefallenes Programm, ich kenne natürlich nicht alle Programme von allen Universitäten, aber diese, ich hasse dieses Wort eigentlich ‚Eliteuniversität‘, das ist ständig, in Deutschland sprechen alle von Eliteuniversitäten, in den USA spricht man nicht von Eliteuniversitäten, sondern große Forschungsuniversitäten, private Universitäten, also: eine solche Universität hat in der Regel nicht ein solches Programm von diesem Ausmaß und in dieser Art. Es gibt viele gute Programme und die sind meistens, nicht immer, meistens eingebettet in ‚area studies‘, Abteilungen von ausländischen Universitäten. Die Romanisten gehen dann nach Italien oder nach Paris oder was immer. Und Stanford hat das immer anders gemacht."

Dr. Karen Ruoff Kramer, Director: I've been the Director here since 1980 and teach "Contemporary Theater", "Culture and Politics in Modern Germany", "Split Images: A Century of Cinema". Weiterlesen

2000: Stanford erwirbt Haus Cramer vom Senat von Berlin. Ermöglicht wird dies durch die Großzügigkeit und das zukunftsgerichtete Denken eines Berliner Alumnus der Stanford University,  Hans George Will. Die Berliner Senatsverwaltung für Wissenschaft, Forschung und Kultur und das Berliner Abgeordnetenhaus geben dem Erwerb ihre Zustimmung und Unterstützung, und der Präsident  der Stanford University, Prof. Gerhard Casper,  der Direktor von Stanford Overseas Studies, Prof. Russell Berman, und die Direktorin von Stanford in Berlin, Dr. Karen Kramer, bereiten den Weg und engagieren sich ebenfalls dafür. Weiterlesen

Vertiefung der Studienaufenthalte in Berlin 

Wolf-Dietrich Junghanns: "Na wir haben jetzt inzwischen 1280 Studenten im Programm gehabt, die ungefähr 1330 Praktika absolviert haben. Der Unterschied kommt dadurch zustande, dass manche Studenten ein zweites Praktikum absolviert haben, also denen gefällt es so gut, dass sie dann nochmal zurückkommen, ein Jahr später, oder sie machen gleich zwei Praktika hintereinander."

Wolf-Dietrich Junghanns, verantwortlich für die Vermittlung und Organisation der "Internships" beschreibt das Programm als Vertiefung der Studienaufenthalte in Berlin: "Das Ziel ist ein tieferes Eindringen in die deutsche Sprache und Kultur. Also wir haben sehr gute Sprachkurse, aber im wirklichen Leben ne Sprache zu lernen und anzuwenden, das ist noch was ganz anderes. Das Studienprogramm muss akademisch anspruchsvoll sein und lässt jetzt nicht so sehr viel Zeit für das individuelle Kennenlernen. Also da ist schon Zeit, wir versuchen das auch durch Kurse zu unterstützen, also Theaterkurse, Filmkurse, Sportkulturkurse und Ähnliches. Aber im Praktikum oder als Praktikant in Deutschland leben, also in einem andern Land, ist schon noch was anderes. Also ich weiß, wir hatten mal einen Studenten, der war auf der Laufbahn ‚diplomatischer Dienst‘ und der wollte nichts verkehrt machen und hat mehrere Bücher gelesen, wie vermeide ich Kulturschock. Das wäre jetzt nicht meine Empfehlung, sondern man soll sich schon selber auch nen Kulturschock verschaffen, um selber ne Erfahrung zu machen, also ne tiefe Erfahrung."

In den 1960ern durchlebte das Programm eine Hochzeit

Die Rückkehrer brachten aus dem Ausland nicht allein vertieftes Wissen alteuropäischer Geschichte und Kultur mit in die "Bay Area". Was die Studierenden während ihrer zwei Trimester an den Dependencen in Italien, Frankreich oder Deutschland erfahren hatten, führte auch zu Veränderungen des Alltags in der Heimat. Karen Kramer erinnert sich, wie sie nach zwei Jahren Absenz 1969 für ein Quartal zurück auf den Campus kam:

"Es hat sich alles verändert. In den kleinsten banalsten Weisen. Als ich an der Uni anfing - die Frauen und Männer lebten völlig getrennt in anderen Wohnhäusern. Das ist nicht mehr der Fall. Und wir mussten jeden Abend, nach dem Abendessen, wenn wir irgendwo in die Bibliothek gehen wollten oder so, mussten wir einschreiben, wo wir hingehen. Und wir mussten um zehn Uhr wieder da sein. Und es war alles unglaublich geordnet. Und streng geordnet. Im zweiten Jahr war das ein bisschen lockerer, im dritten noch n bisschen lockerer, aber  wirklich locker wäre es nicht geworden, wäre es nicht für diese Studentenbewegung. Und auf einmal, im dritten oder vierten Jahr von meinem Lehrgang haben die einfach alle Regeln aufgegeben. Ja, wir waren dann auf einmal auch freie Menschen und konnten alles machen, was wir wollten. Ist auch bestimmt sehr wild geworden, zum Teil, nach meiner Zeit. Inzwischen engt sich das, glaube ich, wieder ein, weil die Zeiten sich einfach wirklich ändern."

Ist Stanford heute eine Lifestyle Universität?

Die Literaturkritikerin Mara Delius hat Mitte der Nullerjahre unseres Jahrhunderts in Stanford studiert und die Veränderung der ‚Farm‘ hin zu einer Art Robinson Club für Intellektuelle miterlebt:

"Also so lifestylemäßig fand ich’s dann nicht, wobei das Bild schon irgendwie stimmt. Ich weiß noch, ne Bekannte von mir guckte sich Bilder von Stanford an und meinte: ‚Ach, interessant, fühlst du dich da denn wohl, das wirkt doch so wie’n…‘, wie hat sie’s formuliert, ‚wie so’n Golfclub für rich kids, so n bisschen.‘ Auch dass man da manchmal rumfuhr mit diesen Golfcarts. Aber für mich war Stanford auch allein diese wunderbare Bibliothek, die Möglichkeit, sich so total zurückzuziehen in dieser extrem eigentlich paradox, ja, Rückzug, aber ne extrem konzentrierte Atmosphäre. Auch dass du wusstest, dass auch nachts um 2 in der Bibliothek irgendwelche emsigen Undergraduates da sitzen und lesen und lernen."

Trotz der Veränderungen wie wie der enormen Beschleunigung des Lebens auf dem Campus bleibt Stanford eine sich ihrer Tradition bewusste Universität.

Hans-Ulrich Gumbrecht: "Man kann das gut oder schlecht finden, aber das Zentrum der industriellen und technologischen Kreativität ist in Silicon Valley und es ist in Silicon Valley, weil Stanford in Silicon Valley ist. Ja, also Silicon Valley ist aus Stanford entstanden und lebt bis heute in einer Osmose mit Stanford. Aber jetzt, also zum Trost für die Geisteswissenschaftler erzähl ich Ihnen und ende mit der folgenden Anekdote: Vor etwas weniger als zehn Jahren, wie meine Schwiegermutter gesagt hätte, die hat den Ausdruck ‚trat heran‘ sehr gern gehabt, trat das Computer Science Department in Stanford an die Literature Departments heran; wir fühlten uns also ganz geehrt, die wollten was von uns, und haben gefragt, ob wir einen gemeinsamen major/minor machen können. Also die Leute, die im College Schwerpunkt Computer Science wählen, machen als zweiten Schwerpunkt eine Literatur. Deutsche Literatur, italienische Literatur, afrikanische Literatur oder Comparative Literatur, was mein Fach ist. Ja und, wir haben dann darüber abgestimmt und meine Kollegen fühlten sich also ungeheuer geehrt über diesen Antrag des Computer Science Departments und ich war der einzige Skeptiker, ich hab mich enthalten, weil ich gedacht habe, das wird uns jetzt in den schönen kleinen Vorgarten von Computer Science verweisen, zur Entspannung lesen die dann auch mal einen literarischen Text. So ‚here I stand corrected‘, wie man in Englisch sagt, das ist sehr, sehr erfolgreich, das Programm, und hat uns eine neue Art von Intelligenz und produktiver Intelligenz in unsere Seminare gebracht. Unsere Kollegen von Computer Science sind begeistert darüber, sagen, das sind nicht die höchsten Enrollments, also viele Studenten machen das, aber sie sagen die Elite, die besten in Computer Science, Electrical Engineering oder Symbolic Systems, das sind die drei Majors, die mit Computer zu tun haben, die machen dieses Programm mit euch. Und wenn man jetzt diese Studenten fragt, die ja jetzt plötzlich auch meine Studenten geworden sind, in meinen Seminaren waren, und fragt die, warum macht ihr das, dann sagen die, weil es uns zu besseren Programmierern macht, also auf Englisch gesagt: ‚it helps us writing code better.‘ Aus einzelnen Fällen, wo ich independent reading mit den Studenten gemacht habe, ist mir das sehr plausibel geworden, dass es sie wirklich zu besseren Computer Scientists macht und Programmers macht, und es hat uns und mir ne ganz neue Art von Intelligenz, die Konfrontation mit einer ganz neuen Art von Intelligenz eingebracht und hat vielleicht in einer Weise, die eigentlich heute nur in Silicon Valley oder in Stanford denkbar ist, nämlich eben nicht in Berkeley oder in Harvard oder in Yale, den Humboldt’schen Gedanken ins 21. Jahrhundert gebracht. Nicht, das sind heute vielleicht gar nicht mehr die Naturwissenschaftler, sondern die Leute, die Artificial Intelligence produzieren, und wenn die Hegel lesen wollen oder Nietzsche oder god forbid Heidegger oder Rorty, das hat Konsequenzen heute."

Stanford, eine Vorzeigeinstitution des amerikanischen Wissenschaftssystems

Die kalifornische Stanford Universität hat sich das akademische Reformprojekt und Mausoleum zur Vorzeigeinstitution des amerikanischen Wissenschaftssystems gewandelt. Leland Stanfords Farm wurde zur mit staatlichen Einrichtungen eng verknüpften "Cold War University" und nicht zuletzt deswegen 68 zum Schauplatz heftiger studentischer Proteste; aus der lokalen Mischung von akademischer Elite, Unternehmergeist und hippieeskem Nonkonformismus entwickelte sich so die start-up-Kultur unserer Zeit. Als intellektuelles Zentrum des Silicon Valley ist Stanford Motor jener Industrie, welche den Alltag von Milliarden Menschen heute wie keine andere verändert: der IT-Industrie mit ihren wichtigsten Vertretern Apple, Google oder Facebook.

Wie geht diese Geschichte weiter? Kann Stanford Beispiel sein, für eine zeitgemäße Aktualisierung der Humboldt’schen Universität? Oder weist es eher auf deren endgültiges Ende?

Wahrscheinlich braucht es zur Beantwortung der Fragen noch ein paar Jahre Zeit.

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