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StartseiteUmwelt und Verbraucher"Eine ziemlich bange Situation"11.04.2011

"Eine ziemlich bange Situation"

Wissenschaftsjournalist zur Lage in Fukushima

Nach dem erneuten Beben in Japan fiel zeitweise die Kühlung der Reaktoren im havarierten Kernkraftwerk Fukushima aus. Problematisch sei weiterhin der Umgang mit dem hoch radioaktiv verseuchten Wasser in den Kellergewölben des AKWs, sagt Sönke Gäthke.

Sönke Gäthke im Gespräch mit Susanne Kuhlmann

Arbeiter im Kontrollraum des Kernkraftwerks Fukushima 1 (picture alliance / dpa)
Arbeiter im Kontrollraum des Kernkraftwerks Fukushima 1 (picture alliance / dpa)

Susanne Kuhlmann: Heute vor einem Monat bebte in Japan die Erde, so heftig wie nie und mit einem verheerenden Tsunami als Folge. Viele Nachbeben erschreckten die Menschen, auch heute Nachmittag japanischer Zeit, als die Erde in der Unglücksregion wieder erschüttert wurde. Von Normalität ist das Land so weit entfernt wie vor einem Monat, auch wegen des havarierten Kernkraftwerks von Fukushima. – Sönke Gäthke ist ins Studio gekommen, der Kollege aus der Forschungsredaktion. Herr Gäthke, was wissen Sie über die Lage in Fukushima heute nach dem erneuten Beben?

Sönke Gäthke: Das hat erst einmal die Arbeiter vor Ort in einen großen Schrecken versetzt, denn es ist wieder einmal die Stromversorgung in dem Atomkraftwerk ausgefallen, nur in diesem einen. Es gibt ja in der Region noch vier weitere. Die anderen haben ihre Stromversorgung behalten. Nur bei diesem einen, bei dem, das für drei Reaktoren die Stromversorgung sicherstellt, diese Leitung ist ausgefallen, und zwar für 50 Minuten. Das ist natürlich ein riesengroßer Schreck, denn die Pumpen, die jetzt diese Not-Notkühlung in Gang halten, sprich immer so ein bisschen Wasser in die Reaktoren einsprühen, damit die nicht völlig überhitzen, fielen damit natürlich aus und man stellte sich jetzt die Frage, müssen wir wieder zurück zu den Feuerwehrpumpen, müssen wir jetzt wirklich wieder die Feuerwehrleute anheuern, dass die das machen, oder nicht. Das hätte auch noch gar nicht geklappt, weil die erst einmal das Gelände räumen mussten. Es gibt eine Tsunami-Warnung für die Region. Der wird zwar um Längen nicht so hoch ausfallen wie der Tsunami von vor vier Wochen, aber es war erst einmal eine ziemlich bange Situation, bis dann schließlich vor ungefähr einer halben Stunde der Sprecher der japanischen Atomaufsichtsbehörde sagen konnte, der Strom ist wieder da, die Pumpen gehen wieder.

Kuhlmann: 12.000 Tonnen gering radioaktiv belastetes Wasser sind ja in der vorigen Woche, in den letzten Tagen in den Pazifik gepumpt worden. Mit welchen Folgen?

Gäthke: Das Wasser ist jetzt erst einmal im Pazifik und wird von dort aus von einer großen Hauptströmung sehr weit weg von der japanischen und der asiatischen Küste bis tief in den Pazifik hineingetrieben, und man hofft dann, dass es sich dort schlicht und ergreifend verteilen wird, sodass die Folgen verschwindend gering sein werden.

Kuhlmann: Diese Aktion sollte ja gemacht werden, um Platz zu schaffen für die 60.000 Tonnen hoch radioaktiv belasteten Wassers, die noch in den drei Reaktoren stehen. Gibt es Pläne, was mit diesem Wasser geschehen soll, mit dem hoch radioaktiv belasteten?

Gäthke: Zunächst einmal ist klar: Es muss raus aus den Kellergewölben des Reaktorgebäudes, schlicht und ergreifend, weil dort, wo das Wasser jetzt drinsteht, die Stromleitung langlaufen soll, mit der man die großen Hauptpumpen für die Kühlung wieder in Gang setzen soll. Das heißt, man will jetzt anfangen – man wollte eigentlich heute damit anfangen; ob das nach dem Erdbeben geht, ist noch offen -, die ersten 700 Tonnen leicht radioaktiv verseuchten Wassers, die noch drinstehen, rauszupumpen, um danach endlich an diese ungefähr 60.000 Tonnen hoch radioaktiv verseuchten Wassers ranzukommen, die dann erst einmal in ein großes Auffangbecken auf dem Gelände selbst gepumpt werden sollen. Das kann die Hälfte etwa aufnehmen. Was aber mit der anderen Hälfte des Wassers passieren soll, ist völlig unklar. Wenn man das einmal raus hat, gibt es verschiedene Techniken, wie man dann die Radionuklide, die das Wasser verstrahlen, wieder rausholen kann.

Kuhlmann: Jetzt heißt es ja, die Evakuierungszone rund um das Atomkraftwerk Fukushima solle um einige Orte erweitert werden. Wie ist das zu deuten?

Gäthke: Das ist ja eine Forderung, die schon vor zwei Wochen gestellt wurde, und das ist eigentlich lange, lange überfällig. Das Problem ist, dass in einigen Orten um Fukushima herum, die auch in größerer Entfernung als 20, 30, bis zu 40 Kilometer entfernt liegen, eine ungefähr zehnfach erhöhte Radioaktivität, gemessen am Jahresmittel, registriert wurde, und zwar im Boden. Die japanische Regierung fürchtet jetzt, endlich, muss man beinahe sagen, dass das dazu führen kann, dass die Menschen gesundheitliche Schäden davontragen werden über ein halbes oder ein Jahr lang. Deswegen hat sie ins Auge gefasst, bestimmte Orte zu evakuieren. Das wird nicht einfach so im Radius von 30 Kilometern sein, das wird wahrscheinlich vor allen Dingen in einer Art Nord-West-Korridor laufen, wo wir schon wissen, dass dort die Strahlung erhöht ist.

Kuhlmann: Die Situation in Fukushima ist auch einen Monat nach dem Erdbeben nach wie vor sehr ernst. Vielen Dank an Sönke Gäthke.


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