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StartseiteCorsoEiner, der nur dazugehören will26.10.2013

Einer, der nur dazugehören will

Die Autobiografie des Popsängers Morrissey

Es gibt wichtigeres als Bücher, sang einst Steven Patrick Morrissey, Lead-Sänger der Indiepop-Band "The Smiths". Jetzt hat er eine Autobiografie geschrieben. Für die gab es viel Kritik und Hohn, was die wahren Fans aber nicht zu stören braucht.

Von Louise Brown

Morrissey bei einem Auftritt im Jahr 2006 (AP Archiv)
Morrissey bei einem Auftritt im Jahr 2006 (AP Archiv)

Auch wenn er für das Selbstidolisieren bekannt ist: It’s a joke! Es sollte ein Witz sein, Morrisseys Idee, seine Autobiografie als Penguin Classics erscheinen zu lassen. Tatsächlich hätten einige Autoren aus der Classics-Reihe - ob James Joyce oder DH Lawrence - an der Aktion vermutlich ihre Freude gehabt.

"Dinge, die wir über Morrissey gelernt haben: Er hat Humor!"

Ja, der angry young man kann, wie seine Autobiografie beweist, erstaunlich unterhaltsam sein. Vor allem, wenn es darum geht, sich selbst lächerlich zu machen.
"T. Rex war mein erstes Konzert. Mein Vater und meine Schwester ... beobachteten mich, wie ich in meiner lilafarbenen Seidenjacke losstiefelte - ein Anblick - reif für eine nähere psychiatrische Untersuchung."

Das Buch hat einiges von James Joyce an sich:

"Den Anfang Lesen, kurz stehen lassen, ausblenden ..."

Der erste Absatz erstreckt sich über zehn Seiten. Morrissey beschreibt seine ersten Jahre in Manchesters Arbeiterklasseviertel Stretford: Wie von einem Sog wird man in die dunklen, nassen Straßen Manchesters der 60er Jahren katapultiert. Seine Schreibe ist mutig, poetisch, gewaltig. Viel mehr als man von einer Prominentenbiografie erwartet. Man vergisst, wie irisch die Stimme des Steven Patrick Morrissey ist, ob im Text oder in seiner Musik; es ist die Stimme der Unterdrückung und Opposition, in einem England, in dem

"... man nahm, was ausgeteilt wurde, ob Essen oder Gewalt."

"Dinge, die wir über Morrissey gelernt haben: Als Schüler gewann er bei Laufwettkämpfen mehrere Medaillen."

Irgendwie erstaunlich, wenn man bedenkt, dass der junge Morrissey sich jahrelang allein von Pommes und Toast ernährt hat. Überlebt hat er ohnehin wegen etwas anderem:

"Laut und wild spielte die Musik, die immer zum Licht zeigte."


Im nassgrauen Manchester ist der Fernseher, auf dem die Live-Musiksendung "Top of the Pops" flackert, der Altar, vor dem Morrissey hockt. Die erste Scheibe, erstanden mit sechs Jahren von Marinne Faithful ...

"”... eased my soul like god could only know.”"

"Dinge, die wir über Morrissey gelernt haben: Er wurde misshandelt."

Schläge mit dem Ledergürtel, die er und seine Mit-Grundschüler täglich und ohne Grund erdulden mussten. Eine gewisse Miss Dudley, Sportlehrerin, die zuschaute, wie er im Schwimmbad von einem anderen Schüler ins Wasser geworfen wurde, obwohl er nicht schwimmen konnte. Die ständigen Demütigungen an der Oberschule vom verhassten Schulleiter, verewigt in frühen Smiths Klassikern wie "The Headmaster Ritual".

So furios Morrissey sein Buch beginnt, so ermüdend wird es allerdings mit der Zeit. Zehn Seiten widmet er seinem Lieblingsthema, der Band The New York Dolls. Den Aufstieg der Smiths schildert er skizzenhaft und pedantisch zugleich. Seine berühmte Gereiztheit kulminiert in 50 Seiten über eine Gerichtsverhandlung, in der Morrissey auf die Rückzahlung von Tantiemen verklagt wurde.

Alle kriegen im Buch ihr Fett weg; Morrissey ist so politisch unkorrekt wie es nur geht. Die Autorin Julie Burchill, eine der berüchtigtsten Popschreiberinnen Englands in den Achtzigern und Neunzigern, heißt es

"... würde nackt sogar Plankton in der Nordsee umbringen."

"Dinge, die wir über Morrissey gelernt haben: Der von Fans aller sexuellen Orientierungen verehrte Sänger führte seine erste ernsthafte Beziehung mit 35 Jahren mit dem Fotografen Jake Wilson."

Auch das steht in seiner Autobiografie: Ein Ereignis für seine Fans, schwieg er bislang doch beharrlich über sein Intimleben. Das ist Morrissey: charmant aber schwierig. Und das macht das Buch großartig. Die seitenlangen Tiraden - wer will schon einen Popstar, der nur bequem und nett ist, einen Star aus der Konserve, wie sie derzeit über die Fernsehbildschirme tänzeln.

Ist es deshalb ein Classic? Eher nicht: Die Grammatik torkelt zwischen Vergangenheit und Gegenwart; trotz Kürzung um zweihundert Seiten hätte es einen mutigeren Lektor gebraucht.

Was durchschimmert aber ist die Verzweiflung jenes jungen Morrissey, der nie vergessen hat, wie er, sanft um ein Autogramm bittend, vom Sänger Marc Bolan abgeschmettert wurde. Der, wie wir alle, dazugehören will. Der in seiner Unausgeglichenheit eben immer noch der ewige Fan geblieben ist.

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