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Einigung in Sicht
Russisches Gas für China?

Über zehn Jahre lang hatten Moskau und Peking erfolglos miteinander über eine Pipeline verhandelt. Jetzt soll plötzlich alles ganz schnell gehen. Beim Putin-Besuch in China könnte ein milliardenschweres Gasabkommen unterzeichnet werden. Eine Einigung hätte wegen der Ukraine-Krise eine noch weitreichendere Bedeutung.

Von Markus Rimmele | 17.05.2014

    Russlands Präsident Wladimir Putin mit Chinas Staatschef Xi Jinping bei einem Treffen 2013.
    Russlands Präsident Wladimir Putin mit Chinas Staatschef Xi Jinping bei einem Treffen 2013. (picture alliance / EPA/ Mikhail Klimentyev)
    Die Gas-Pipeline von Russland nach China - jahrelang war sie so eine Art "unendliche Geschichte". Immer wieder die gleichen Vertröstungen und Beteuerungen aus Moskau:
    "Wir haben den Vertrag noch nicht unterschrieben, weil wir uns noch auf keinen Preis einigen konnten. Aber das Problem wird schon noch gelöst werden."
    So Russlands Ministerpräsident Dmitri Medwedjew noch im vergangenen Jahr. China wiederum zierte und zierte sich:
    "Wir haben noch kein Ergebnis beim Preis", so Pekings Unterhändler Pang Changwei zur selben Zeit. "Wir erhöhen unser Angebot und gehen auf Russland zu. Aber der Preis kann nicht höher liegen als der für unser Gas aus Zentralasien."
    Jetzt stehen die Zeichen offenbar auf Einigung. Beide Seiten beteuerten, die Verhandlungen rechtzeitig bis zu Wladimir Putins Besuch in China (20. Mai) abschließen zu wollen. Die Gespräche befänden sich in der Endphase, so ist aus Russlands Gaskonzern Gazprom zu hören.
    Geplant ist eine Pipeline, mit der ab 2018 pro Jahr 38 Milliarden Kubikmeter Gas aus Sibirien nach China fließen sollen. Das Abkommen ist auf 30 Jahre angelegt. Das schnell wachsende China benötigt dringend Energie. Außerdem will das Land seine Abhängigkeit von der schmutzigen Kohle verringern. Der Nachbar Russland mit seinen großen Gasvorkommen ist daher auf den ersten Blick ein fast natürlicher Lieferant. Und doch ist es bis heute zu keinem Liefervertrag gekommen. Da war immer das Preisproblem. Doch auch alte tief sitzende Ressentiments hielten beide Seiten auf Abstand. Historische Konflikte und ein Konkurrenzkampf um Einfluss und Macht in Zentral- und Ostasien. In Moskau wird der kometenhafte Aufstieg Chinas mit seiner Milliardenbevölkerung gleich hinter der eigenen Grenze durchaus mit Sorge beobachtet. Wie kommt es also zu der plötzlichen Annäherung beim Gas?
    "China und Russland sprechen schon seit 1997 über die Gaspipeline", sagt Jeffrey Wu vom Hongkonger Think Tank Tianda. "Und immer gab es Hindernisse. Jetzt ist da die Ukraine-Krise und in der Folge ein Konflikt zwischen Russland und den USA. Seither überdenken viele Russen ihr Verhältnis zu China. Die Ukraine hat quasi dabei geholfen, dieses Gas-Abkommen zu schmieden."
    Der Westen hat in der Krise mit Sanktionen gegen Russland reagiert. Die Europäische Zentralbank schätzt, dass schon 160 Milliarden Euro aus Russland abgeflossen sind. Europa will sich zudem mittelfristig vom russischen Öl und Gas unabhängiger machen. China ist in dieser Situation für Russland fast der einzige wirtschaftliche Lichtblick. Beobachter erwarten daher, dass Moskau in den Gasverhandlungen Zugeständnisse machen und Preisabschläge hinnehmen wird - aus einer Position der Schwäche heraus.
    Machtbalance hat sich verschoben
    Die Machtbalance zwischen den beiden Staaten hat sich seit Beginn der Ukraine-Krise weiter zugunsten Pekings verschoben. Während Russland in der Welt derzeit isoliert dasteht, nimmt Chinas Vernetzung immer weiter zu. Selbst beim Gas haben sich die Chinesen längst Alternativen geschaffen und sind nicht auf Russland angewiesen. Peking bezieht über eine eigene Pipeline Gas aus der früheren Sowjetrepublik Turkmenistan. Im vergangenen Jahr wurde zudem eine weitere Gasverbindung vom Golf von Bengalen durch Myanmar bis nach China fertiggestellt.
    "China wird seine Energiequellen weiter diversifizieren und nicht alles auf eine Karte setzen", sagt Jeffrey Wu. "Außerdem hat China einen solch riesigen Energiehunger. Russland allein könnte den sowieso nicht stillen."
    Wladimir Putin wird in China vermutlich einen großen Bahnhof bekommen. Von einer engen Partnerschaft wird die Rede sein. Doch Peking hat mittlerweile die Oberhand und wird sich auch im Ukraine-Konflikt bestimmt nicht von Moskau vereinnahmen lassen, glaubt Arne Westad von der London School of Economics:
    "Aus wirtschaftlicher Sicht zählt für China vor allem Washington. Peking wird also keine Politik unterstützen, die in den Augen der Amerikaner und der wirtschaftlich ebenso wichtigen Europäer skandalös ist."
    Wie es um das wirtschaftliche Kräfteverhältnis zwischen China und Russland bestellt ist, weiß Margarita Lukawenko zu berichten. Die 25-jährige Russin lebt in Schanghai und importiert LED-Bildschirme nach Russland. Sie stammt von der Insel Sachalin nördlich von Japan.
    "Auf Sachalin kommen 80 bis 90 Prozent der Waren in den Geschäften aus China", erzählt sie. "Das gilt für alles, was man so zum Leben braucht. Das ist ein großes Thema in Russland. Die Leute sind da nicht glücklich drüber. Aber so ist es."
    Russland, sagt Lukawenko, brauche China mehr als China Russland brauche. Wegen der Ukraine-Krise rechnet sie damit, dass sich ihr Land wirtschaftlich nun noch mehr an China bindet. Wirklich gut findet sie das nicht. Doch:
    "Es ist Russlands beste Option."