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Einmal im Jahr wird aufgeräumt

Was Münster für Nordrhein-Westfalen, ist College Station für Texas: eine Stadt, die fast zur Hälfte aus Studenten besteht. Und das kann schon mal an den Nerven der anderen Hälfte zehren. Einmal im Jahr fangen die Studis deshalb vor lauter Dankbarkeit an zu arbeiten: 'The Big Event', also 'Das Große Ereignis'; heißt die Dankeschön-Aktion für die Nachbarschaft.

    Ein Beitrag von Anette Kiefer

    Wir reißen hier den alten, verrotteten Zaun ab und bauen einen neuen, etwa 30 Meter lang. Und dann kommen noch eine paar neue Büsche in den Garten.

    Wir sind mit 75 Litern weißer Farbe hier angerückt und haben das Haus neu gestrichen. Sieht viel besser aus als vorher.

    So wie Jacob Shelly und Ryan Petry sind an diesem Morgen fast 7.000 Studenten in der kleinen texanischen Unistadt College Station auf den Beinen. Sie streichen Häuser, putzen die Fenster, pflanzen Bäume, räumen Gärten und Spielplätze auf und reißen alte Zäune und Schuppen ab. Und das alles kostenlos – wer Hilfe von einem der Studententrupps haben will, braucht nur anzurufen, erzählt die Englischstudentin Lori McLain, die das Big Event in diesem Jahr leitet:

    Die Idee ist, dass wir Studenten uns bei der ganzen Gemeinde bedanken wollen, weil sie uns das ganze Jahr über so geduldig ertragen. Wir sorgen überall für Staus und lange Schlangen, und wir wollen den Leuten ein bisschen etwas zurückgeben für ihre ganze Unterstützung.

    In den ersten 20 Jahren hat sich das Big Event sogar bis zum Biggest Event gemausert: nämlich von einer kleinen Aufräumaktion auf dem Dorf-Friedhof zum größten eintägigen studentenorganisierten Hilfsprojekt der USA, an dem sich fast jeder sechste Student der A&M-Uni tatkräftig beteiligt. Die 50.000 Dollar Kosten werden durch Spenden finanziert, zum Beispiel von Univereinen, der Lokalzeitung und Eltern. In diesem Jahr arbeiten die Hilfstrupps überall in der Stadt an insgesamt fast 700 Projekten. Und nicht alle davon sind harte Arbeit: Craig Thompson ist zum Beispiel zum Dominospielen in ein Altenheim bestellt worden.

    Eigentlich sollten wir hier Rosenbüsche verpflanzen, aber das hatten die Gärtner schon erledigt. Statt dessen bekommen wir jetzt von den Ladies Nachhilfe beim Domino.

    Sie sind extra gekommen, um uns zu besuchen und zu spielen. Dabei zocken wir sie ganz schön ab! Zuerst hatten wir ein schlechtes Gewissen, aber jetzt haben sie langsam den Dreh raus. Mir macht’s viel Spaß, mit ihnen zu spielen. Vor allem wenn wir gewinnen.

    Auch die Studenten sind am Ende des Tages erschöpft, aber zufrieden. Viele von ihnen sind schon zum zweiten oder dritten Mal beim Big Event dabei – trotz der schweren Arbeit und obwohl sie dafür ausgerechnet am Wochenende in aller Frühe aus dem Bett mussten.

    Hierfür lohnt es sich früh aufzustehen.

    Wir haben vier Stunden lang für eine Dame den Garten aufgeräumt, und am Ende konnte man an ihrem Gesicht ablesen, wie viel ihr das bedeutet hat, weil sie sich keinen Gärtner leisten konnte. Es ist riesig, was wir hier als Studenten bewirken können.