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Einst groß und reich

Abends zieht der Nachtwächter durch die Straßen, in historischer Uniform, bewaffnet mit einem Morgenstern. Singt seine Lieder und zeigt Besuchern seine Stadt. In den engen Gassen scheint die Zeit stehen geblieben.

Von Eva Firzlaff |
    Um 1600. Lange vorher war Ribe die größte und reichste Stadt Dänemarks. Der Handel brachte Geld, Ribe war Bischofssitz und eine Königsstadt. Erzählt Stadtführer Richard.

    "Wir hatten keine Hauptstadt in Dänemark. Wir hatten aber eine Reihe von Königsstädten, wo der König ein Schloss hatte und dort wohnte für drei, vier bis fünf Wochen. Und dann ist er in eine andere Königsstadt umgezogen, nachdem er die Steuern aufgegessen hatte, denn das war ja alles in Naturalien bezahlt worden."

    Doch dann wurde Kopenhagen zur Hauptstadt, die größer gewordenen Schiffe kamen nicht mehr rein in den Hafen, sechs Kilometer von der Küste entfernt. Und eine große Sturmflut verwüstete das Land ringsum. Ribe verarmte, hatte kein Geld für Neubauten. Noch vor 1900 bildete sich eine Art Tourismusverein.

    "Mit dem Ziel, Ribe gegen Zerstörung zu bewahren. Denn man hat schon damals gesehen, dass so viele Städte zerstört wurden. Man hat es Fortschritt genannt. Doch das wollten diese Bürger nicht. Die Ribenser sind stolz auf ihre Häuser, auf ihre Stadt und sie bewahren es wirklich. "

    Und mitten zwischen den Fachwerkhäusern steht der riesige Dom. Romanisch angefangen, gotisch vollendet. Es sollte der größte und schönste von ganz Dänemark werden. Innen erkennt man deutlich die Einflüsse von weither.

    "Wenn man hier ins Hauptschiff schaut – ist es Spanien, in den Seitenschiffen ist es ganz deutlich Italien."

    Farbenfrohe ganz moderne Fresken schmücken die ehemals weißen Wände des Chores. Das wurde schwer diskutiert. Doch Richard findet nichts dabei, denn man hat ja auch früher den Zeitgeschmack festgehalten. Im Dom sehen wir auch eine Sturmflutmarke. In 1,70 m Höhe. Von 1634. Ribe liegt 6 Km weg von der Küste und davor ist das weite Wattenmeer. Schwer vorstellbar, dass hier Wasser war.

    "Das war, was man hier genannt die zweite Grote Manntränk. Die erste 1362, da haben wir keine Marke, wir wissen nicht, wie hoch es war. 1634 kennen wir, denn hier in der Kirche hat man eine Marke eingeschnitten. Und man muss sich vorstellen: hier in Ribe waren die Häuser große und stark und nur 9 oder 10 Personen sind ums Leben gekommen. Aber auf der Strecke von hier bis Holland bis Den Helder sind 22.000 Menschen ertrunken."

    Ribes Geschichte beginnt um 700. Unter der jetzigen Nikolaistraße auf der anderen Seite des Flusses wurde ein Zaunpfosten ausgegraben. Dort war die Wikingersiedlung und der Pfosten wurde eben zwischen 704 und 710 gesetzt. Das reicht als Geburtsurkunde. Im Wikingerzentrum am Stadtrand lässt Bjarne diese Zeit lebendig werden.

    "Wenn Leute über Wikinger sprechen, dann immer über die Krieger. Sie waren so gefährlich, mit Hörnerhelmen und so. Aber das passt überhaupt nicht. 95 Prozent der Wikinger waren Handwerker, Händler und Bauern. Aber Waffen und Kämpfen das steht doch so stark, deswegen haben auch diese Anlage gemacht."

    Und vor allem Kinder haben ihren Spaß an den Kämpfen. Wir sehen kleine zottelige Kühe, Island-Pferde mit kurzen Beinen. Hühner und Schafe sind auch kleiner als heute. Auf einem Hügel stehen geräumige Blockhäuser.

    "Solche hat man südlich vom Bahnhof gefunden. Und diese 8 Häuser sind hier die Stadt von 825. Natürlich gab es mehr Häuser, vielleicht gab es 150 Häuser in der Wikingerstadt Ribe."

    So ein Holzbohlenweg wurde unter der Nikolaistraße gefunden, zu beiden Seiten sind Grundstücke abgetrennt, auf denen Hobby-Wikinger ihre Zelte aufstellen und für ein paar Tage oder Wochen in ein grobes Sackkleid schlüpfen und eine andere Zeit. So wie Sabine, die auch im zivilen Leben Keramikerin ist. In Ribe wurde zwar keine Töpferscheibe gefunden, aber Keramik-Töpfe von 720, die auf einer schnell drehenden Töpferscheibe hergestellt wurden mit Ton aus der Region. 300 Jahre früher als ursprünglich vermutet. Sabine zeigt, wie so eine Wikinger-Töpferscheibe funktioniert.

    "Es ist ein Schwungrad aus einem Wagenrad von einem Ackerwagen und ein aus Holz gearbeiteter Scheibenkopf auf den der Tonbatzen aufgelegt wird. Und die Scheibe wird mit den Füßen angetreten."

    Die Wikinger schlafen in Zelten aus schwerem Stoff oder im Holz-Haus auf Pritschen und Fellen. "Gejagt" allerdings wird im Supermarkt, doch gekocht über´m Lagerfeuer.

    Kirche und Mittelalterstadt wurden nicht auf die alte Wikingersiedlung oben drauf gebaut, sondern auf der anderen Seite des Flusses. Das erfahren wir im Museum Wikinger und Mittelalter in Ribe.

    "Wenn man eine Kirche gebaut hat und es mehr und mehr Christen gibt, dann wollen die unbedingt dicht an der Kirche bauen. Und als das Christentum stärker wurde, haben die Wikinger ihre Stadt aufgegeben, denn um 1000 waren alle Christen geworden."

    Immer wieder hören wir: die Wikingerhelme hatten gar keine Hörner. Erst seit Richard Wagners "Walküre".

    "Das ist von Wagner erfunden. Dann ist es in Hollywood weiterentwickelt worden. Aber wir wissen, dass kein Wiking ein Horn auf seinem Helm hatte. Natürlich, was soll ein Helm? Er soll den Kopf schützen. Wenn einer mit einem Schwert gegen den Kopf schlug, sollte es "weg biegen". Aber wenn man Hörner am Helm hat, dann geht das nicht. Das ist nicht klug."

    Von Ribe sind es nur 10 Km bis zum Wattenmeerzentrum am Deich. Von dort fährt der hochbeinige Traktorbus durch das Watt auf die Insel Mandö.

    "Die Insel Mandö ist etwa 10 Km rund, wenn man mit Fahrrad fährt. Eine kleine Insel. Mit 40 Einwohnern."

    Dafür tausenden Gänsen im Frühling und Herbst. Viele Austernfischer brüten hier. Etwa so groß wie eine Teichente, schwarzer Rücken, weißer Bauch, schlanke rote Beine und ein langer roter Schnabel. Klaus, der Leiter des Wattenmeerzentrums, zeigt ein Nest mit ziemlich großen gefleckten Eiern. Die Vogelmutter ist kurz beiseite gegangen.

    "So nahe am Weg ist das Nest des Austernfischers. Die Eier sind ganz groß, ja. Wenn die Jungen schlüpfen, können sie sofort laufen, deshalb sind die Eier groß."

    Für die Austerfischer ist das Watt ein Schlaraffenland. Wir stehen nicht weit von einem großen Priel, einem tiefen Wasserlauf im Wattboden.

    "Das ist Flut jetzt, das Wasser kommt. Draußen an der Kante des Priels steht eine Gruppe Austernfischer, weil in dem Wasser sind viele Garnelen. Die Vögel sind immer in der Nähe des Wassers, um die Garnelen zu fressen, wenn das Wasser kommt. "

    Von Mandö aus wurden tausende dänische Rinder exportiert. Die wurden von ganz Jütland nach Mandö getrieben. Und vor der Insel lagen hunderte Schiffe, holländische, britische. Zu Zeiten des Nachtwächters.

    Alle Informationen rund um die 1300-Jahr-Feier finden Sie unter www.ribe1300.dk
    Infos zum Wikingererlebnis finden Sie unter www.ribevikingecenter.dk
    Zum Wattenmeerzentrum geht es unter www.vadehavscentret.dk