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Eintauchen in die Wasserwelt von Nova Scotia

Überaus vielseitig und lebendig stellt sich die Tier- und Pflanzenwelt in einem Land dar, das mehr Nationalparks als die meisten anderen Staaten der Erde besitzt. Zu den touristischen Highlights Kanadas zählt Nova Scotia mit seinem "Fundy Nationalpark", seinen Flüssen und seinem allgegenwärtigen Grün und Blau rund um das Städtchen St. Andrews.

Von Antje Zimmermann |
    Was bei uns als Delikatesse gilt, ist in Nova Scotia das traditionelle Arme-Leute-Essen: Lobster. Jeden Tag wandern die Tiere zu Hunderten in die Kochtöpfe entlang der Küste. Couragierte Urlauber suchen sich ihre Mahlzeiten im Restaurant selbst aus; empfindliche Seelen überlassen das lieber dem Personal. Dass Harry nicht das Schicksal seiner Artgenossen teilt, verdankt er seinem Alter. Harry ist 100 - plus minus ein paar Jahren. Und da Lobster pro Jahr einen Zentimeter wachsen, ist er ein kapitaler Bursche. Mit seinen mächtigen Scheren knackt er Muscheln wie nichts. Diese Kunststückchen sichern Harry das Überleben. Denn den Touristen aus aller Welt gefällt die Darbietung genauso gut wie mir. Harrys Bühnenpartner ist Mike Jumelet. Der Fischereiexperte gibt gerne Anekdoten rund um die Tiere zum Besten. Wie die der Lobster Demokratie:

    "Das ist eine komplizierte Geschichte. Sie hat mit dem Sex der Lobster zu tun. Die Natur hat es so eingerichtet, dass die Weibchen vor den Männchen ihre alten Panzer verlieren. Das ist ihre Art zu wachsen, indem sie ihre Panzer abwerfen und erneuern. Wenn die schutzlosen Weibchen sich dann unter einem Stein verstecken, werden sie häufig von einem Männchen gefunden, dass nach ihnen Ausschau hält. Wenn ein Männchen sie entdeckt, haben die Weibchen zwei Möglichkeiten: entweder gefressen zu werden oder Sex zu haben und kleine Lobster zu machen...,"

    erklärt Mike Jumelet. Durch die schaurig-schöne Geschichte wäre mir beinahe der Appetit auf den selbst ausgesuchten Lobster vergangen. Aber auch nur beinahe. Nach dem Lobster-Essen mit reichlich Eiweiß gestärkt, wagen wir uns dann an die nächste kanadische Herausforderung: das Wildwasser-Rafting. Wer das nasse Vergnügen nicht kennt, sollte sich einfach einen Bullenritt vorstellen. Genau genommen einen Bullenritt unter laufender Dusche - genauso fühlt sich Rafting an. Eingepackt in wasserdichte Klamotten sitze ich in dem Schlauchboot. Vorne soll's heftig werden, hat man uns beim Einsteigen erzählt. Je weiter hinten, desto harmloser. Ich bestehe auf dem hintersten Platz. Aber auch der wird zur Gefahrenzone als wir in die "Waschmaschine" kommen. Als "Waschmaschine" bezeichnet man Wasserstellen, an denen viele Wellen in kurzem Abstand hintereinander kommen.

    Selbst auf meinem Hinterbänkchen fühle ich mich wie im Schleudergang. Versuche, meiner Mitfahrenden die Plätze vorm nächsten Waschgang zu tauschen, wehre ich energisch ab. Denn auch so schlucke ich schon massenhaft Wasser und Sand. Letzterer wird durch die Wellen vom Grund aufgewirbelt und mir in Augen, Ohren und Mund gespült. Nach zwei Stunden haben wir wieder festen Boden unter den Füßen. Ein deutscher Urlauber berichtet schon beim Aussteigen den am Ufer Zurückgebliebenen:

    "Zunächst habe ich gedacht, wie langweilig. Und dann sind wir auf die Wellen zugekommen. Die Wellen sahen von außen auch ein bisschen läppisch aus - wie so ein Baggersee oder so was. Und als wir dann mitten rein gekommen sind, da habe ich gebetet, weil ich Angst gekriegt habe. Ich habe gedacht, ich bin hier in so einem Film. Aber als ich mich dann daran gewöhnt habe, an das ganze Nasse, und an das ganze Wilde, und an das Ganze Auf und Ab wie in einer Achterbahn, da hat es mir Spaß gemacht. Und eigentlich habe ich mich geärgert, dass es schon zu Ende war."

    Zum Abschied erklärt unser Bootsführer noch, dass es heute eher harmlos gewesen sei. Bei hohem Wellengang könne es auch schon mal vorkommen, dass man für wenige Sekunden ganz unter Wasser gerät. Das sei dann wie auf der Titanic, witzelt der junge Mann. Womit wir schon beim nächsten touristischen Highlight Nova Scotias sind: In der Provinzhauptstadt Halifax erinnert ein Museum an den Untergang der Titanic, der 700 Meilen entfernt, vor der Küste Neufundlands stattgefunden hat. Neben allerlei Einrichtungsgegenständen hat auch ein hölzerner Liegestuhl aus der ersten Klasse die Katastrophe überdauert, wie Museumsdirektor Richard MacMichael berichtet:

    "Von allen Stücken, die nach dem Untergang der Titanic geborgen und nach Halifax gebracht wurden, ist dieser Deckstuhl der berühmteste. Eines der Schiffe, das ausgesandt wurde, um die Leichen zu bergen, hat ihn mitgebracht. Auf den Schiffen befanden sich Seeleute, die normalerweise die transatlantischen Telegrafenkabel verlegten. Es waren ganze einfache Menschen, die auf einmal die Leichen von Frauen und Kindern bergen mussten. Deshalb waren auch einige Geistliche an Bord, damit die Seeleute jemand hatten, mit dem sie sprechen konnten. Ein Priester, Vater Cunningham, machte das sehr, sehr gut. Deshalb schenkten sie ihm den Deckstuhl, als das Schiff zurück nach Halifax kam. Und Jahre später übergab sein Enkel ihn dann dem Museum."

    121 Opfer der Titanic sind auf dem Fairview Friedhof in Halifax begraben. Das sind mehr als in jedem anderen Ort der Welt. Auch heute noch liegen vor den grauen Grabsteinen vereinzelt Blumen und kleine Plüschtiere. Durch den berühmten Film mit Leonardo di Caprio ist der Friedhof zum beliebten Ausflugsort für Fans aus aller Welt geworden. Wer sich für den Mythos Titanic interessiert, kann in Halifax auch gleich ein Pauschalarrangement buchen: Friedhofs- und Museumsführung sowie ein stilechtes Candle-Light-Dinner à la Titanic.

    Außerhalb der Städte scheint es in Atlantikkanada nur zwei Farben zu geben: Grün und blau. Alle paar Hundert Meter wechselt sich das Grün der Wälder mit dem Blau der Seen ab. Erst bei genauerem Hinsehen erkennt man Nuancen. Das dunkle Grün der Fichten, das helle Grün der Birken und das satte Grün der Wiesen. Und auch die Seen sind nicht einfach nur blau. Vielmehr schimmern sie in allen Farbtönen zwischen Türkis und Schwarz. Das Schwarze entpuppt sich gelegentlich auch als Elch, der durch die Wasserstellen watet. Wir sind mittlerweile in Neubraunschweig, der Nachbarprovinz von Nova Scotia. Irgendwann führt der Highway heraus aus dem allgegenwärtigen Grün und Blau und das Städtchen St. Andrews liegt vor uns. Bunte Holzhäuschen, vor denen die kanadische Flagge weht, gepflegte Vorgärten mit blühenden Bäumen und Bewohner, die freundlich grüßen. St. Andrews ist ein Ressorttown - ein Erholungsort - genau genommen der erste des Landes, wie mir ein Einheimischer stolz erzählt:

    "St. Andrews entwickelte sich bereits Ende des 19. Jahrhunderts zu einem Erholungsort. Die Menschen wollten der Verschmutzung in den großen Städten wie Boston, New York, Montreal und Toronto entkommen. Sie kamen zu den Erholungsorten entlang der Küste wegen der frischen Luft. Wer es sich erlauben konnte, verbrachte im Sommer ganze zwei Monate in St. Andrews."

    Etwas oberhalb des Städtchens erhebt sich ein auffälliges Gebäude. Mit seinen unzähligen Erkern und Türmen sieht es aus wie ein überdimensionales Puppenhaus.

    1889 erbaut, ist das "Algonquin" das traditionsreichste Hotel im Ort. Endlos lange Gänge führen zu den Zimmern und Suiten des Hauses. Mein Zimmer ist das letzte am Ende eines nicht enden wollenden Flures. Irgendwie kommt mir das Haus vage vertraut vor. Als ich am nächsten Tag mit einer Hotelmitarbeiterin ins Gespräch komme, wird aus meiner Ahnung Gewissheit:

    "Es ist tatsächlich wahr, dass Stephan King, er lebt im benachbarten US-Staat Maine, nur zwanzig Minuten von hier entfernt, das Algonquin besucht hat und von dem Hotel inspiriert wurde. Das Hotel war damals nur in den Sommermonaten von Juni bis Oktober geöffnet. Das inspirierte ihn dazu den Roman ‚Shining' zu schreiben. Wie Sie wissen, handelt das Buch - und später auch der Film - von unheimlichen Dingen, die in einem Hotel passieren, das den Winter über geschlossen ist."

    Shining mit Jack Nicholson gehört für mich zum Unheimlichsten, was Hollywood jemals verfilmt hat. Deshalb bin ich nicht allzu unglücklich, dass wir in dem schönen "Algonquin" nur eine Nacht verbringen. Unmittelbar neben dem Hotel liegt ein wunderschöner Garten, der die Erinnerung an den meisterlichen Horror sofort vertreibt. Zwischen alten Nadelbäumen wächst hier dickblättriger, roter Mohn. Ein großer Kräutergarten enthält gleich Dutzende Tafeln mit Rezeptvorschlägen und überall zwischen den Pflanzen stehen metallene Skulpturen und kleine Kunstwerke. Verantwortlich für den Kingsbrae Garden ist ein deutscher Auswanderer: Andreas Haun aus Hannover. Er hat den ungewöhnlichen Garten aufgebaut und räumt gerne mit Vorurteilen in Bezug auf seine neue Heimat auf:

    "Jeder denkt, es ist kalt, aber im Frühling, Sommer, Herbst - ist es herrlich. Wir haben nur so drei, vier Monate, wo es wirklich kalt ist. Ende Mai bis durch in den Oktober ist es ein Blütenfest. Viele Sachen, die man in Deutschland auch sehen kann - Forzizien, Magnolien - und dann viele kanadische Pflanzen auch, natürlich die Lupine. Die blühen ja hier in Atlantikkanada so schön und frei und so hübsch. Da sieht man am meisten die Blauen mit ein bisschen Lila darin und Rose. Aber es gibt auch herrliche Rote."

    Wer sich an der Natur erfreut, findet in Neubraunschweig überall geschützte Biotope. Kanada hat mehr Nationalparks als die meisten Länder der Erde. Mit seinen zerklüfteten Küsten und dicht bewaldeten Bergen gehört der "Fundy Nationalpark" zum schönsten, was die kanadische Ostküste zu bieten hat. Murmelnde Bäche fließen in den Tälern. Weicher, hellgrüner Moos überzieht Steine und Hölzer und rötliche Pilze wachsen senkrecht aus den Bäumen. Trotzdem trifft man hier kaum Touristen. Mit dem "Fundy Trail", einem Panoramawanderweg unmittelbar entlang der imposanten Steilküste, wollen die örtlichen Tourismusämter jetzt Urlauber anlocken, wie Brian Clark, der Leiter des Projekts erzählt:

    "Der 'Fundy-Trail' bietet vier Dinge: er bietet Abenteuer, er bietet Einblicke in die Geschichte und Kultur der Region, etwa in den Bootsbau und die Lachsfischerei, er bietet auch spektakuläre Ausblicke auf die Bay of Fundy. Wir haben definitiv den schönsten Blick auf die Küste vor New Brunswick. Und nicht zuletzt bietet er unvergessliche Begegnungen mit der einmaligen Natur Kanadas."

    Der Abschluss unserer Reise ist zugleich der Höhepunkt: die Hopewell Rocks sind das Wahrzeichen der Provinz und der einzige Ort, wo man in Neubraunschweig garantiert andere Urlauber trifft. Wie steinerne Riesen ragen die uralten Klippen aus dem Meeresboden. Ihre bizarre Form verdanken sie der Macht der Gezeiten. Ebbe und Flut sind in diesem Teil Kanadas so extrem wie nirgendwo sonst auf der Welt. 16 Meter steigt und fällt das Wasser. Wo wir eben noch im feucht-warmen Strand zwischen den Kolossen spazieren gingen, erheben sich wenige Stunden später nur noch die Spitzen der Felsen aus dem Wasser.