Sonntag, 05. Dezember 2021

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Einweihung der ElbphilharmonieAlle und alles ist in Bewegung

Die Choreografin Sasha Waltz und ihr Ensemble aus Tänzern und Musikern haben die neue Elbphilharmonie - elf Tage vor der eigentlichen Eröffnung - eingeweiht. Dezentral platzierte Künstler, die wie ihr Publikum unablässig in Bewegung sind - passend für einen Raum, der nicht zum Verharren, sondern zum Flanieren gedacht ist.

Von Elisabeth Nehring | 02.01.2017

Tänzer von Sasha Waltz proben in der Elbphilharmonie in Hamburg.
Tänzer von Sasha Waltz proben in der Elbphilharmonie in Hamburg. (dpa picture alliance/ Axel Heimken)
Das Foyer der Elbphilharmonie ist hell, licht, luftig und schnörkellos. Zugleich aber auch verwirrend verzweigt, verwinkelt und unübersichtlich. Es ist nicht leicht, sich zu orientieren in diesen aufgebrochenen, geschwungenen Räumlichkeiten mit den kreuz und quer verlaufenden Treppen und ineinanderfließenden Geschossen. Wer zu Klaustrophobie oder Schwindel neigt, wird hier schnell die ersten Symptome merken. Tritt man aber an eine der riesigen Panoramafensterfronten, ändert sich das Gefühl. Dann sind auf einmal das Wasser und der Hafen, die Stadt und ihre Lichter auch im Inneren ganz präsent.
Auf raffinierte Weise hat das Architektenteam Herzog und de Meuron in den Foyers der Elbphilharmonie gegensätzliche Raumeindrücke zusammengebracht. Sasha Waltz, Choreografin und erfahrene Raumerkunderin, reagiert auf diese Unterschiede. Ihre insgesamt über 80 Tänzer, Musiker und Sänger lenken den Blick in verschiedene Richtungen: Auf quer durch den Raum verlaufende Treppen sowie Durchblicke auf untere oder obere Geschossebenen; auf asymmetrische Blickachsen oder feine Details wie elegant gebogene Treppengeländer und –Absätze, die dem Blick vielleicht sonst verborgen geblieben wären.
Sänger und Musiker sind dezentral platziert
Dabei mischen sich die Künstler von Anfang an unter das Publikum. Dicht gedrängt stehen zu Beginn alle Zuschauer auf der untersten Ebene des Foyers; plötzlich huscht eine erste Tänzergruppe vorbei, eine andere zieht gemessenen Schrittes ihre Bahnen durch die träge Platz machende Menge. Wenn es schließlich langsam hinauf in die oberen Ebenen des Foyers geht, kann man sich einzelnen oder Gruppen von Tänzern anschließen und weiterziehen oder bei Musikern und Sängern verharren. Alle und alles ist in Bewegung – das passt zu einem Raum, der nicht zum Verharren, sondern eben genau für so einen flanierenden Strom der Menge gemacht ist.
Den Ursprung der Musik zu orten ist häufig gar nicht einfach; auch die Sänger und Musiker sind dezentral platziert und wechseln häufig den Ort. Auszüge aus Werken von so unterschiedlichen Komponisten wie Hildegard von Bingen, Johann Sebastian Bach, Karlheinz Stockhausen und Wolfgang Rihm erklingen von rechts und links, oben und unten – allerdings stets diszipliniert voneinander abgesetzt. Erst ganz zum Schluss kommt das Vocalconsort Berlin zusammen und singt die a capella Kantate "Figure Humaine", die Francis Poulenc 1943 unter dem Eindruck der deutschen Besatzung Frankreichs schrieb.
Paul Eluards Gedichte, die die Textgrundlage bilden, rufen auf versteckte Weise darin zum Widerstand auf. Dass Sasha Waltz gerade dieses Werk zum musikalischen Herzstück ihrer Rauminszenierung macht, kann symbolisch aufgefasst werden – als Mahnung, bei aller Freude an der Kunst (und einem neuen fantastischen Raum für die Kunst) die problematische Wirklichkeit nicht zu vergessen.
Der Höhepunkt des Abends
Der Höhepunkt des Abends fand allerdings ganz in der Stille statt: Angeführt von den Künstlern durften sich die Zuschauer bereits an diesem Abend einen Moment im großen Konzertsaal niederlassen. Doch die Musiker, die die Bühne betraten, verharrten – ohne einen einzigen Ton von sich zu geben. Nur die Tänzer klapperten mit den Stuhllehnen, scharrten mit den Füßen oder atmeten schwer in den Raum, der zwar aussieht wie das Innere eines Raumschiffs mit Reptilienhaut, aber klingen soll wie der Himmel.
Auf die angekündigte sensationelle Superakustik muss noch bis zum 11. Januar – dem Tag der eigentlichen Eröffnung – gewartet werden. Doch Sasha Waltz und ihr Team haben die Elbphilharmonie bereits jetzt schon auf würdige, weil eben nicht würdevolle, sondern freie Weise angemessen eingeweiht.