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StartseiteKalenderblattEinzigartige Kathedrale des Verkehrs02.02.2013

Einzigartige Kathedrale des Verkehrs

Vor 100 Jahren eröffnete in New York der Grand Central Terminal

Zehn Jahre dauerte der Bau, 220 Gebäude wurden abgerissen, 18.000 Tonnen Stahl verarbeitet und 25 Kilometer Eisenbahnschienen verlegt, bevor am 2. Februar 1913 der damals modernste Passagierbahnhof der Welt eröffnet wurde: New Yorks Grand Central Terminal an der Park Avenue in Manhattan.

Von Regina Kusch

Blick in die Haupthalle des Grand Central Terminal (picture alliance/dpa/Justin Lane)
Blick in die Haupthalle des Grand Central Terminal (picture alliance/dpa/Justin Lane)

150.000 neugierige New Yorker waren gekommen, um dabei zu sein, als am 2. Februar 1913 um null Uhr der neue Bahnhof an der Park Avenue in Manhattan seine Tore öffnete.

"Der Grand Central Terminal ist nicht nur ein Bahnhof, er ist ein Baudenkmal, ein Zentrum des öffentlichen Lebens, oder, wenn man es so will, eine Stadt in der Stadt. Er ist nicht nur der größte Bahnhof in den Vereinigten Staaten, sondern in der ganzen Welt."

Die "New York Times" überschlug sich geradezu im patriotischem Stolz auf den modernen Bahnhof, nachdem sie seinen Vorgänger noch als grauenhaften Schandfleck bezeichnet hatte. Der war 1900 vom Eisenbahnmagnaten Cornelius Vanderbilt gebaut worden und vereinte mehrere Nahverkehrslinien. Die fuhren damals noch mit Dampfloks und wurden bald zum stinkenden Ärgernis. Damit sie aus dem Stadtbild verschwanden, hatte die Eisenbahngesellschaft Tunnel gegraben, denen allerdings Abzugsschächte für die Rauchschwaden der Lokomotiven fehlten.

"New York Times 9. Januar 1902. Gestern Morgen ereignete sich das schwerste Eisenbahnunglück in der Geschichte Manhattans. 15 Personen wurden getötet und über 40 schwer verletzt, als sich im Park Avenue Tunnel ein schwerer Auffahrunfall ereignete. Der Lokführer, der in einen Vorortszug gerast war, sagte aus, er habe durch den Qualm die Signale nicht sehen können."

Schließlich beschloss die Stadt die Elektrifizierung der New Yorker Eisenbahn und den Bau eines neuen Bahnhofs, der zehn Jahre dauerte.

Der Grand Central Terminal blieb ein Kopfbahnhof. Die Züge fuhren nun aber unterirdisch. Überirdisch ist das pompöse Bahnhofsgebäude im Beaux-Arts-Stil mit Freitreppen, Emporen und gigantischen Rundbogenfenstern größer als das Kirchenschiff von Notre Dame. Das Deckengemälde stellt auf türkisem Grund den Sternenhimmel dar. Den Informationsschalter in der Halle krönt die größte Tiffany-Glasuhr der Welt, die zum beliebten Treffpunkt geworden ist. Der Geograf Richard Deiss, der in mehreren Büchern über 1000 Bahnhöfe beschrieben hat, spricht von einer einzigartigen Kathedrale des Verkehrs:

"Bei der Grand Central Station, da ist die Wandelhalle, die Zugangsbereiche, Wartesaal, Bahnsteige - das ist alles getrennt. Diese Lichtführung gibt allem so einen tempelartigen Charakter. Diese Wandelhalle, die hat ein anderes Flair als früher diese düsteren Bahnhofshallen, wo die Architektur durch diese Dampfloks verrußt wurde."

Auf zwei unterirdischen Ebenen enden 67 Gleise. Ein System von Rampen, Gängen und Treppen sorgt für einen reibungslosen Transfer der Fahrgastmassen. Hochkarätige Geschäfte, ein Kino, eine Gemäldegalerie, zahlreiche Restaurants und ein unterirdischer Markt sollen aber auch Touristen und Anwohner anlocken.

Alfred Hitchcock zum Beispiel drehte hier Szenen für "Ich kämpfe um Dich" und "Der unsichtbare Dritte". Immer wieder wurde der Bahnhof als öffentlicher Raum für politische Inszenierungen genutzt. 1952 hielt Präsident Harry Truman dort eine Rede vor 30.000 Zuhörern. Fünf Jahre später stellte man eine Rakete auf.

Richard Deiss: "Damals litt Amerika unter dem Sputnikschock, dass die Sowjetunion es geschafft hatte, einen Satelliten in die Erdumlaufbahn zu schießen. Und um die eigene technische Leistungsfähigkeit zu unterstreichen, haben die Amerikaner dann in der Wandelhalle eine amerikanische Rakete aufgestellt. Also der Bahnhof ist auch ein Symbol für Amerika, für New York."

Doch Autos und Flugzeuge verdrängten den Zugverkehr in den USA zunehmend. Die in Finanznöte geratenen Eisenbahngesellschaften versuchten, sich durch Grundstücksverkäufe zu retten. So fiel die prachtvolle Pennsylvania Station vorschnell der Abrissbirne zum Opfer. Dem Grand Central Terminal drohte dasselbe Schicksal. Doch die frühere First Lady, Jackie Onassis, kämpfte an der Spitze einer Bürgerbewegung für den Erhalt des Monuments:

"Ist es nicht schrecklich, unsere Stadt Stück für Stück sterben zu lassen, all ihrer stolzen Monumente entledigt, bis nichts mehr von ihrer Geschichte und ihrer Schönheit übrig bleibt, die unsere Kinder begeistern könnte?"

1978 wurde der Grand Central Terminal unter Denkmalschutz gestellt. Doch da war er längst zu einem Treffpunkt für Obdachlose geworden. Es dauerte noch 20 Jahre, bis er nach Originalplänen aufwendig renoviert wurde und heute wieder in jedem Reiseführer als Touristenattraktion zu finden ist.

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