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Eishockey
Protestaufrufe zur WM in Weißrussland

Kurz vor der Eishockey-WM ruft die weißrussische Opposition zu Protesten gegen das Turnier auf, in den Gefängnissen des Landes sitzen rund ein Dutzend politische Häftlinge seit der Präsidentschaftswahl 2012 hinter Gittern.

Von Sabine Adler | 03.05.2014

Europas angeblich letzter Diktator ist ein begeisterter Eishockeyspieler, Lukaschenko auf Glatteis, mit Helm und Schläger - das soll volksnah scheinen.Doch die Bürger wissen, dass der Autokrat der einzige Staatsmann in Europa ist, der die noch Todesstrafe vollstrecken lässt. 2011 wurden zwei Männer hingerichtet wegen eines Terroranschlags in der Minsker Metro, ihre Schuld war nicht bewiesen. Alexander Lukaschenko belässt es nicht dabei, Demonstrationen niederzuknüppeln, in weißrussischen Gefängnissen sitzen rund ein Dutzend politische Häftlinge seit der Präsidentschaftswahl 2012 hinter Gittern.
Die Opposition ruft Regierungsvertreter im Ausland auf, die Weltmeisterschaft nächste Woche zu boykottieren, heißt aber Sportler und deren Helfer willkommen und wünscht sich von ihnen, sich nicht nur für Tore und Punkte, sondern auch für die Lage im Land zu interessieren. Der Vorsitzende der Vereinigten Bürgerpartei Anatoli Lebedko findet, dass eine Weltmeisterschaft nicht ehrlich und anständig verlaufen kann, solange unschuldig Verurteilte eingekerkert sind. Er ruft die Gäste zu einem sichtbaren Zeichen von Solidarität auf:
"Wenn Sie hier ankommen, tragen sie T-Shirts mit den Porträts der politischen Gefangenen Statkjewitsch, Beljatsko und Olinewitsch und anderen. Denn die weißrussischen Aktivisten werden mit Sicherheit in dieser Zeit aus dem Verkehr gezogen und bei weitem nicht jeder Weißrusse traut sich eine solche Demonstration. Aber Gäste können das."
Dass Lukaschenko die politischen Gefangenen freilässt, so wie der russische Präsident Putin vor den olympischen Spielen in Sotschi Michail Chodorkowi begnadigt hat, hält der weißrussische Oppositionspolitiker Roman Jakowlewski für ausgeschlossen. Der Minsker Autokrat lebe schon viel zu lange mit dem Makel des Bösewichts.
"Lukaschenko ist nicht Putin. Der russische Präsident hat ein Auge zugedrückt, als es um die Bitte um die Begnadigung von Chodorkowski ging. Der hat seine Schuld nicht eingestanden. Ich bin nicht sicher, dass Lukaschenko bei einem Gnadengesuch Putins Beispiel folgen würde. Anzunehmen, dass sich Lukaschenko unwohl fühlen könnte, ist sinnlos, er kennt das doch schon fast 20 Jahre lang."
Weißrusslands Oppositionelle beobachten, dass Lukaschenko zwar trotz Ukraine-Krise immer noch gute Mine zur eurasischen Zollunion macht, die Ende Mai in Kasachstan unterschrieben werden soll. In Wirklichkeit aber ist Lukaschenko Angst und Bange, er fürchtet, dass auch sein Weißrussland Putins Föderation einverleibt werden könnte, Moskau meint, auch in Weißrussland Russen schützen zu müssen, die stellen immerhin acht Prozent der Bevölkerung.
"Man jagt uns einen Schrecken ein: Morgen kommt Putin und besetzt alles. Aber egal wer von welcher Seite kommt, wir werden unser Land verteidigen. Wenn Putin kommt, dann ist klar, auf wessen Seite die Russen kämpfen, und auch welcher Seite ich sein werde."
Lukaschenko laviert, zittert. Denn Putin hat den Amtskollegen in Minsk das Fürchten gelehrt, vor allem, wenn sich der Kremlherr auf die Geschichte beruft.
"Wenn jemand sagt, einen Staat wie die Ukraine gab es gar nicht, dann ist das zynisch. Viele Staaten gab es damals nicht. Sie sind neu oder aus den Trümmern des Imperiums entstanden. Aus den Trümmern der Sowjetunion ist Weißrussland entstanden."
Sagt Alexander Lukaschenko. Die Opposition will die Eishockey-Weltmeisterschaft nutzen. Was sie genau vorhat, möchte Juras Gubarewitsch von der Freiheitsbewegung aber lieber nicht sagen:
"Heute über unsere Pläne zu sprechen ist gefährlich, denn die Regierung könnte Gegenmaßnahmen ergreifen. Wir wissen nicht, was sie während der Weltmeisterschaft unternimmt, wie sich die Sicherheitskräfte der Opposition gegenüber aufführen werden. Nicht ausgeschlossen sind präventive Festnahmen."
Die Opposition wird Sportler, Helfer und Journalisten aktiv auf die politische Situation im Land ansprechen, will ihnen zeigen, dass Weißrussland mehr ist als nur ein Regime, sondern ein Land mit demokratisch gesinnten Menschen.