Samstag, 25. Juni 2022

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Ekstasen einer Mystikerin

Unter dem Motto "Das Heilige erobert die Stadt" will die Deutsche Oper Berlin sich mit Fragen von Martyrium und Leiden in dieser Saison beschäftigen. Jetzt startete die Saison mit einer Kammeroper und einer Diskussion zum Thema.

Von Georg-Friedrich Kühn | 14.10.2007

Festlich, mit einer Bläser-Intrada in der Kassenhalle wollte man die Zuhörer auf den schmerzensreichen Weg in die Eingeweide der Hinterbühne einzustimmen.
Als Prozession ohne Monstranz, vorbei an Kitsch-bunt erleuchteten Madonnen und vor sich hin staubenden Kulissen ging es ins hinterste Eck des Bühnen-Magazins der Deutschen Oper Berlin.

Eine "Ekstase in einem Akt", das "unendliche Schwarz", im Original-Titel "Infinito nero", war dort angekündigt, eine Kammeroper von Salvatore Sciarrino.

Mit vielen quälend langen Pausen vertont Sciarrino Visionen der später heilig gesprochenen Nonne Maria Maddalena de' Pazzi aus dem 16. Jahrhundert. Mitschwestern haben ihre Worteruptionen aufgeschrieben.

Die Aufführung ist halbszenisch. Die Sängerin streift zwischen den acht Instrumenten hin und her, steigt mal wie eine Predigerin auf eine quietschende Hebebühne, kritzelt was an die Wand, spielt die Entgeisterte und zugleich der göttlichen Offenbarung Hingegebene.

Das Publikum steht oder sitzt auf kleinen steilen Podesten um den engen Spielraum. Viel zu sehen gibt es nicht. Es ist mehr ein Abtauchen in die Welt des Mystischen.

Etwas anders als gewohnt sollte die Saisoneröffnung an der Deutschen Oper nach renovierungsbedingtem Spätstart werden. Und den Haupt-Programmpunkt, eine so genannte "Pathoskonferenz", leitete diese parareligiöse Séance perfekt ein.

Fünf kluge Köpfe sitzen da auf der Bühne, sinnieren über die Zukunft der Oper und die "Sehnsucht nach dem Grandiosen". Es ist freilich mehr ein Austauschen von Statements denn ein Gespräch. Man hört Kryptisches wie von Christoph Schlingensief. Der erzählt vom verunglückten Abschied-Nehmen von seinem sterbenden Vater.

SCHLINGENSIEF: "Es ist vorbei und ich weiß, dass es vorbei ist, aber ich will, dass es wieder wird. Und das ist der Moment, der mir in der Benutzung und dem Missbrauch des Pathos so nah und wichtig erscheint, dass ich in meiner Existenz hier weiß, dass ich wahrscheinlich mal etwas war und jetzt etwas herstellen möchte. Und manchmal gibt's auch Fragen, ab wann ist es dann wieder echt und wie kann ich das wieder werden, was ich mal war, weil ich ja weiß, dass es vorbei ist."
Oder der Ethnologe Hans-Jürgen Heinrichs kommt bei der Untersuchung der Zusammenhänge von Mythos, Musik und Pathos zu dem Schluss, wir gingen in die Oper, um unsere inneren Klangkörper anzudocken an das Pathos der Musik.

Peter Sloterdijk blickt zurück in die griechische Antike, wo Theater der Ort war, an dem eine Gruppe von Menschen sich testen konnte auf das kathartische Zusammen-Schwingen ihrer Empfindungen.

SLOTERDIJK: "Das Pathos ist ja bestelltes Gefühl und es muss zurückgehen auf einen künstlerischen Willen, dass an dieser Stelle gelitten wird. Es sind gewollte affektive Infektionen, die mit künstlerischen Mitteln in einem Publikum erzeugt werden mit dem Zweck, dass diese Gruppe in einer bestimmten Anschauung des Extremen sich aufeinander einstimmt und ihre Zusammengehörigkeit befestigt."

Der Komponist Wolfgang Rihm erinnert daran, dass der singende Mensch, dass Musik an sich Pathos pur sei. Und er kommentiert unfreiwillig auch die ganze Veranstaltung.

RIEHM: "Je pathetischer vor dem Empfänger etwas aufgeführt wird, umso distanzierter zieht er sich zurück. Je mehr Pathos behauptet und dadurch in sich pathetischer wird, umso mehr nähert es sich der Komik. Umso schneller wird der sagen, dem es gilt, auf den es hinzu berechnet ist: mit mir nicht."

Süffisant merkt Peter Sloterdijk zum Hauptthema, die Zukunft der Oper, noch an, dass es ihm darum nicht bange sei. In der globalisierten Welt habe sich die europäische Kultur zum eigentlichen Exportschlager gemausert. Nun könne die Oper ja ihre kathartische Wirkung in China und Japan verbreiten.