El Niño 2026
Wo Dürren, Überschwemmungen und Ernteausfälle drohen

El Niño 2026 könnte besonders stark ausfallen. Welche Regionen mit Überschwemmungen, Dürren und Ernteausfällen rechnen müssen, warum weltweit Hunderttausende zusätzliche Hitzetote möglich sind – und welche Folgen auch Europa spüren könnte.

    Ein Mann in rotem T-Shirt und heller Kappe trägt zwei Körbe mit Gemüse an einer Stange über der Schulter. Hinter ihm erstreckt sich ein großflächig ausgetrocknetes, braunes Reisfeld.
    El Niño verschärft in vielen Regionen die Trockenheit. In Indonesien bedroht sie Reisfelder – und damit Ernten, Einkommen und Versorgung (picture alliance / NurPhoto / Aditya Irawan)
    In Südamerika wächst die Sorge vor Starkregen und Überschwemmungen, im südlichen Afrika vor noch größerer Hitze und noch weniger Regen. Und in Kalifornien rechnen Küstenorte mit mehr Stürmen, höheren Wellen und weiterer Erosion.
    Auslöser all dieser sehr unterschiedlichen Risiken ist dasselbe Klimaphänomen im Pazifischen Ozean: El Niño. Nach Einschätzung der Weltmeteorologischen Organisation WMO könnte es in diesem Jahr besonders stark ausfallen und bis Februar 2027 andauern. Für Natur und Menschen in den betroffenen Regionen kann ein solcher Super-El-Niño verheerenden Folgen haben. Eine aktuelle Analyse des Climate Impact Lab schätzt, dass dadurch zwischen Juni 2026 und Februar 2027 weltweit rund 451.000 Menschen zusätzlich durch extreme Hitze sterben könnten – verglichen mit einem normalen Jahr.

    Inhalt

    El Niño 2026: Warum das Klimaphänomen so stark wird

    El Niño ist ein natürlich vorkommendes Klimaphänomen im tropischen Pazifik, das unregelmäßig alle zwei bis elf Jahre auftritt. Dabei schwächen sich die Winde ab, warmes Wasser bleibt stärker in den äquatorialen Regionen und der tropische Ostpazifik erwärmt sich. Dadurch verändern sich Temperatur- und Wettermuster deutlich.
    In diesem Jahr könnte El Niño besonders stark ausfallen, warnt die WMO. Auch Klimaforscher Karsten Hausstein vom Institut für Meteorologie der Universität Leipzig spricht von einem „sehr, sehr starken El Niño“. Die Wahrscheinlichkeit für einen Rekord-El-Niño seit 1950 liege bei rund 90 Prozent.
    Warum manche El-Niño-Ereignisse besonders stark werden, ist laut Andreas Becker vom Deutschen Wetterdienst noch nicht abschließend wissenschaftlich begründet. Unklar ist auch, ob die jüngste Häufung von El-Niño-Ereignissen Zufall ist oder mit der Erwärmung der Ozeane zusammenhängt.

    Dürren und Fluten: Südamerika und Afrika im Ausnahmezustand

    Besonders betroffen sind unter anderem Teile Südamerikas und des südlichen Afrikas. In Uruguay wurden bereits alle Institutionen offiziell in Alarmbereitschaft versetzt. In der Hauptstadt Montevideo am Rio de la Plata steigt durch Starkregen die Überschwemmungsgefahr. Für dieses Jahr zeigen Klimamodelle, dass es besonders heftig werden könnte. Die Regierung hat bereits 750.000 Dollar Kredit für Katastrophenhilfe aufgenommen und geht davon aus, dass rund 25.000 Menschen ihre Wohnungen verlassen müssen.
    Auch in Südbrasilien wächst die Sorge vor Rekordniederschlägen und Hochwasser. Die Region um Porto Alegre ist nach der schweren Flutkatastrophe von 2024 bis heute als Risikogebiet eingestuft. Am Amazonas werden hingegen Trockenheit, Hitzewellen und Waldbrände erwartet. Das kann zu Problemen bei der Energieversorgung, Ernteausfällen und steigenden Lebensmittelpreisen führen.
    Im südlichen Afrika bringt El Niño häufig weniger Regen und mehr Hitze. Die Folge können längere Dürreperioden, erhebliche Ernteausfälle und Lebensgefahr für Nutztiere wie Ziegen, Schafe oder Kühe sein. Kleinbauern versuchen deshalb, sich mit Bewässerungsanlagen, Brunnen und Bohrlöchern vorzubereiten. Und mit Biogas, Solarenergie und klimaresistenten Futterpflanzen versuchen die Menschen sich so gut es geht an die neuen klimatischen Verhältnisse anzupassen. Auch in Südostasien und Australien führt El Niño oft zu großer Trockenheit und Dürre.

    Hurrikane und Küstenerosion in den USA

    In Südkalifornien werden mehr Stürme, höhere Wellen und mehr Regen erwartet. In San Clemente überspülten zuletzt mehr als drei Meter hohe Wellen über die Bahnstrecke zwischen Los Angeles und San Diego. Auch Teile der Steilküste sind instabil. Um den Strand zu sichern, müsste neuer Sand aufgeschüttet werden.
    Der besonders starke El Niño sorgt in diesem Jahr außerdem für eine ungewöhnliche Hurrikansaison: Im Pazifik haben sich bereits neun Hurrikane gebildet, drei davon der höchsten Kategorie 5.

    Ernteausfälle und Inflation: Wie El Niño Lebensmittel verteuert

    El Niño kann Ernten gefährden und damit auch die Ernährungssicherheit verschärfen. Besonders deutlich zeigt sich das derzeit in Guatemala. Im sogenannten Trockenkorridor, einer ohnehin niederschlagsarmen Region Mittelamerikas, leben viele Menschen vom kleinbäuerlichen Anbau von Bohnen und Mais. Obwohl dort eigentlich Regenzeit ist, hat es in manchen Gebieten seit Monaten kaum geregnet.
    Etwa drei Millionen Menschen in Guatemala gelten aktuell als von Ernährungsunsicherheit bedroht. Oxfam schätzt, dass 36.000 Haushalte direkt von der Dürre betroffen sind und 75 bis 100 Prozent der diesjährigen Ernten ausgefallen seien. Innerhalb von zwei Wochen habe sich zudem der Preis für einen Sack Mais verdoppelt.
    Auch auf internationalen Agrarmärkten kann El Niño Folgen haben. Laut Milchindustrie-Verband rechnen Experten wegen eines starken El-Niño-Effekts mit einer deutlichen Abschwächung der weltweiten Milchanlieferung, weil in wichtigen Molkereiexportregionen Dürren auftreten können. Das kann auch den deutschen Markt treffen: 49 Prozent der hierzulande hergestellten Milchprodukte werden nach Angaben des Lebensmittelhandels exportiert, Entwicklungen auf dem Weltmarkt schlagen sich daher auch auf die Preise in Deutschland nieder.

    El Niño in Europa: Kein Extremwetter, aber gestörte Lieferketten

    Europa ist vom El Niño dagegen deutlich weniger direkt betroffen. Wie sich das Wetter hier entwickelt, lässt sich daraus nicht zuverlässig ableiten: El Niño erhöhe zwar das Potenzial für zusätzliche Wärme, lege das Wetter aber nicht fest.
    Ganz unabhängig von den unmittelbaren Wetterfolgen können die Auswirkungen aber über die Weltwirtschaft bis nach Europa reichen. Dürren in Indonesien können laut Andreas Becker vom Deutschen Wetterdienst etwa zu Ausfällen beim Anbau von Palmöl führen. Bei extremer Trockenheit kann außerdem der Wasserstand im Panama-Kanal so weit sinken, dass deutlich weniger Handelsschiffe passieren können. Dadurch können internationale Lieferketten beeinträchtigt werden. Laut Becker können Verbraucherinnen und Verbraucher das schließlich bei den Preisen importierter Waren im Supermarkt spüren.

    Onlinetext: Elena Matera; Quellen: Deutschlandfunk, dpa