Klimaphänomen im Pazifik
El Niño steuert auf Rekordstärke zu

Im Pazifik braut sich womöglich einer der stärksten El Niños seit 1950 zusammen. Das Klimaphänomen könnte weltweit Hitzewellen, Dürren und Überschwemmungen verstärken. Und es könnte auch vorm Supermarktregal nicht Halt machen.

    Ein Mann in blauer Jacke und mit Basecap geht durch ein Maisfeld. Die Pflanzen sind vertrocknet, die Blätter braun und eingerollt, der Boden ist mit Ernteresten bedeckt. Über dem Feld hängt bewölkter Himmel.
    Folgen des El Niño 2023/24: Ein Landwirt begutachtet seinen vertrockneten Mais nahe Harare. Die Dürre traf das südliche Afrika schwer – Simbabwe rief den Katastrophenfall aus (IMAGO / Xinhua / Shaun Jusa)
    Das Wetterphänomen El Niño gewinnt zunehmend an Stärke. Die steigenden Meerestemperaturen im zentralen und östlichen Pazifik deuten laut US-Wetterdienst NOAA mit einer Wahrscheinlichkeit von mehr als 80 Prozent auf einen besonders starken, sogenannten Super-El-Niño hin.
    Sein Höhepunkt wird im Herbst erwartet, mit Folgen, die weit über den Pazifik hinausreichen: von Hitzerekorden in Asien bis zu Dürren in Teilen Afrikas und höheren Preisen im heimischen Supermarkt.

    Inhalt

    El Niño: die Wetteranomalie im Ostpazifik 

    El Niño ist ein natürliches Phänomen im Klimageschehen. Den Namen, spanisch für „der Junge”, gaben ihm peruanische Fischer im 17. Jahrhundert. Gemeint war das Christkind, denn das warme Wasser vor ihrer Küste zeigte sich meist um die Weihnachtszeit.
    Alle zwei bis sieben Jahre erwärmt sich das Meerwasser im Ostpazifik ungewöhnlich stark. Fachleute sprechen von einer sogenannten Wärmeanomalie. Sie hält meist neun bis zwölf Monate an. Das letzte El Niño (2023/24) gehörte bereits zu den fünf stärksten seit Beginn der Aufzeichnungen 1950. 
    Nach Angaben der US-Wetterbehörde NOAA hat El Niño dieses Jahr bereits begonnen und wird sich bis zum Jahresende weiter verstärken. Die Meerestemperaturen im Pazifik sind bereits deutlich erhöht. Im wichtigsten Messgebiet lagen sie zuletzt 1,2 Grad über dem langjährigen Durchschnitt, näher an Südamerika sogar bei 2,7 Grad. Für die NOAA ein klares Zeichen, dass sich El Niño weiter verstärkt.

    Kommt ein “Super-El-Niño”? 

    Andreas Fink, Professor für Meteorologie am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), sieht den Begriff „Super-El-Niño” kritisch: „Wir sprechen eher von einem starken beziehungsweise sehr starken Ereignis”, so Fink.
    NOAA rechnet mit einer 81-prozentigen Wahrscheinlichkeit, dass El Niño zwischen Oktober und Dezember besonders stark wird und zu den größten seit zählen könnte. Insgesamt geht die US-Behörde davon aus, dass El Niño mit 97-prozentiger Wahrscheinlichkeit bis mindestens ins Frühjahr 2027 anhält.
    Aus Sicht von Tim Stockdale vom unabhängigen Europäischen Zentrum für mittelfristige Wettervorhersage gab es noch nie einen El Niño, der so stark und stetig in den (Vorhersage-)Modellen war. Es wäre „eine sehr große Überraschung”, wenn dies kein Rekord-El-Niño werde.

    Die möglichen Folgen des El Niños 

    El Niño verschiebt das Wetter rund um den Pazifik. Warmes Wasser und Wolken wandern zur sonst trockenen Küste Südamerikas. Dort drohen dann heftige Überschwemmungen. Am anderen Ende des Pazifiks wird es dagegen trockener. In Südostasien und Ostaustralien häufen sich Dürren und Waldbrände. Auch im südlichen Afrika bleibt der Regen in El-Niño-Jahren oft aus.
    Mehrere Länder warnen bereits vor den Folgen des El Niños. Malaysia rechnet für 2027 mit Rekordtemperaturen. Dort werde der Höhepunkt des El Niño zwischen März und Mai erwartet, mit Höchstwerten über dem bisherigen Landesrekord von 40,1 Grad Celsius aus dem Jahr 1998, so Mohd Hisham Mohd Anip, Generaldirektor der malaysischen Wetterbehörde.
    Auch Chinas Nationales Klimazentrum (NCC) warnt laut Nachrichtenagentur Xinhua vor einem starken bis sehr starken El Niño mit erhöhtem Risiko für Überschwemmungen und Hitzewellen. In Indien liegen die Monsun-Regenfälle bereits 40 Prozent unter dem Durchschnitt, was laut Agrarmeteorologe Donald Keeney die Aussaat von Baumwolle, Soja und Mais verzögern könnte.

    Kaffee, Zucker und Kakao könnten teurer werden

    Europa liegt laut Daniela Domeisen von der ETH Zürich hingegen sehr weit weg vom tropischen Pazifik. Wenn überhaupt ein Effekt spürbar sei, dann eher kälteres und nasseres Wetter als üblich. Es gibt aber auch indirekte Folgen: Wegen schlechter Ernten im Pazifikraum könnten laut Klimaforscher Armin Bunde die Preise für Zucker, Kaffee und Kakao in Europa steigen.
    El Niño kann außerdem die Folgen des Klimawandels weiter verstärken, so die Weltwetterorganisation WMO. Weil der tropische Pazifik und die Atmosphäre bei El Niño wärmer sind, steht mehr Energie und Feuchtigkeit für Extremwetter wie Hitzewellen und Starkregen zur Verfügung.
    Mit 86-prozentiger Wahrscheinlichkeit wird laut WMO eines der Jahre zwischen 2026 und 2030 einen neuen globalen Hitzerekord aufstellen. Wegen El Niño könnte das schon 2027 passieren.

    Anpassung und neue Forschung

    Die WMO rät Regierungen und Hilfsorganisationen, sich frühzeitig auf die Folgen für klimasensible Bereiche wie Landwirtschaft, Gesundheit, Energie- und Wasserversorgung vorzubereiten, zum Beispiel mit Plänen für die Ernährungssicherheit und für den zu erwartenden Druck auf das Gesundheitssystem.
    Den El Niño selbst abzuschwächen, ist deutlich schwieriger. Ein Forschungsteam um Katharine Ricke von der University of Chicago hat in einer Studie untersucht, ob sich Wolken über dem Südostpazifik, einer Region, die eine wichtige Rolle bei der Entwicklung von El-Niño-Ereignissen spielt, künstlich aufhellen lassen, um den Ozean darunter zu kühlen.
    In Simulationen zu zwei historisch starken El-Niño-Ereignissen konnte diese Methode die Stärke deutlich verringern, am wirksamsten bei einem Start bereits im Sommer. Der Atmosphärenphysiker Johannes Quaas von der Universität Leipzig warnt aber, dass man derzeit noch gar nicht in der Lage sei, die weltweiten positiven und negativen Konsequenzen eines solchen Eingriffs zu quantifizieren.

    Onlinetext: Elena Matera