Mittwoch, 07. Dezember 2022

Archiv

Electric Ladyland
Michaela Melián im Lenbachhaus München

Michaela Melián ist Musikerin, Band-Mitglied von F.S.K., Komponistin, Künstlerin, Professorin, Produzentin und Organisatorin aufwendiger Projektrecherchen. Nun hat ihr das Lenbachhaus in München die erste museale Einzelausstellung gewidmet. Zu sehen gibt es neben älteren Hörspielarbeiten als Rauminstallation auch "Electric Ladyland" als eine Art begehbares Hörspiel.

Von Andi Hörmann | 08.03.2016

    Die Künstlerin Michaela Melian 2010 in München
    Michaela Melián verhandelt seit mehr als 30 Jahren popkulturelle Dekonstruktion, Brüche in Gesellschaft und Politik. (Imago /HRSchulz)
    München, U2 Königsplatz, Rolltreppe. Die Aluminium-Lamellen der Stufen schieben sich ineinander. Klang der Monotonie. Das Zwischengeschoss der U-Bahnstation, der Kunstbau der städtischen Galerie Lenbachhaus. Eine etwa 20 Meter lange Rampe, der Weg hinunter in die Kunstausstellung von Michaela Melián, hinein ins "Electric Ladyland".
    "Das ist natürlich so eine Art anderes Land, das Electric Ladyland - auch eine Utopie, vielleicht."
    Eine Utopie aus Tönen und Bildern, eine Verheißung im Zwischenreich von Mensch und Maschine: An den Wänden rechts und links im röhrenförmigen Kunstbau hat Michaela Melián ihr "Electric Ladyland" visualisiert - fünf Meter hoch, 70 Meter lang: Fingerdicke Tusche-Zeichnungen auf weißem Leinentuch.
    "Von Prothesen, bis hin zu Cyborg, Android, Science Fiction. Oder auch natürlich Horror, Frankenstein, Metropolis, bis zum heutigen Genlabor, wo eben eigentlich dann schon die Auflösung in die Molekular-Struktur da ist."
    Ein endloses Wimmel-Bild an ineinandergreifenden, comichaften Forschungsskizzen. Der Mensch, die Maschine - dazwischen das Versprechen von einem besseren Leben.
    "Der Ausgangspunkt für die ganze Arbeit war eigentlich eine Figur aus einem Musikstück, und zwar die Figur der Olympia. Das ist ein weiblicher Automat, der singen kann und nicht sprechen. Der kann nur ´ach, ach` sagen, wie so eine Maschine. Und diese Puppe, die tanzt eben Walzer."
    Die mechanische Puppe Olympia in E.T.A. Hoffmanns Erzählung "Der Sandmann" aus dem Jahr 1816. In Jaques Offenbachs "Hoffmanns Erzählungen" wird sie ein halbes Jahrhundert später zur Arien singenden Opernfigur. Michaela Melián projiziert in ihre "Olympia" nun das ewige Hickhack im Diskurs Mensch und Maschine.
    "Ich habe immer ein Problem damit, wenn alle Technik böse ist - was wir heute in Diskursen auch oft erleben. Ich finde das auch eine unheimliche Möglichkeit. Alleine wenn man von der elektronischen Musik ausgeht: Das sind ja wahnsinnige Versprechen und unglaublich tolle Sachen, die man machen kann."
    Die bildende Künstlerin, Kunstprofessorin und Komponistin Michaela Melián verhandelt ihre Themen seit mehr als 30 Jahren auch in ihrer legendären Band F.S.K.: popkulturelle Dekonstruktion, Brüche in Gesellschaft und Politik. In ihrer Ausstellung "Electric Ladyland" im Münchner Lenbachhaus laufen dabei ihre künstlerischen Forschungsfelder zusammen und werden zu einer Art begehbaren Hörspiel.
    "Jürgen, machst du mal kurz Dings an - Electric Ladyland an? Einfach so laufen lassen. - Das ist jetzt die Musik. Wenn wir hier jetzt durch gehen, dann wirst du hören, dass ... Ich weiß nicht, ob hier gerade was kommt. Doch hier!"
    Zwischen nackten Glühbirnen hängen schwarze Boxen von der Decke: Jedes Instrument der Komposition "Electric Ladyland" hat seinen eigenen Akustik-Kanal.
    "Jetzt, da hört man jetzt zum Beispiel einen Drumcomputer, dann ist ein Klavier dabei, Celli, dann spielt eine Freundin von mir Geige. Wir können ja mal weiter gehen und jedes Mal verändert sich das Stück. Das Stück in sich verändert sich natürlich auch. Wenn wir jetzt hier stehen, da ist zum Beispiel eine Harfe. Hier sind dann diese Stühlchen, die kann man sich mitnehmen und hinsetzen, wo man will und zuhören."
    "Das ist eine Harfe?"
    "Ja, aber natürlich aus dem Synthesizer. Weil ich kann ja nur Klavier spielen. Und dann kommen viele elektronische, verzerrte Flächen dazu, so maschinenartige Geräusche, die sich da so dazwischen legen. Und diese Arie dieser Puppe dann zwei Minuten, die hören wir jetzt hier raus."
    Die Automation im popkulturellen Kontext, der Automat als kulturgeschichtliche Comic-Skizzen, die Mensch-Maschine als Klang-Sinfonie. Michaela Melián hat "Electric Ladyland" auch als Hörspielproduktion umgesetzt. Mit der Ausstellung im Münchner Lenbachhaus können die Besucher dieses Hörspiel Schritt für Schritt, Bild für Bild erfahren. Denn mit ihrer interdisziplinären Kunst verbeugt sich Michaela Melián damit auch vor dem Medium Hörfunk.
    "Das Radio ist für mich nach wie vor so eine Möglichkeit wie man eigentlich noch einen für mich definierten öffentlichen Raum bespielen kann. Das erwischt die Leute vielleicht auch mal zufällig in der Küche oder beim Autofahren. Und dann plötzlich hören sie dann was von mir. Das finde ich toll."
    "Trotzdem kann man die Sachen ja dann nicht sehen."
    "Ja, das macht ja nichts. Dann können sie sich überlegen, ob sie hier her fahren und sich das angucken. So stelle ich mir das vor."