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StartseiteCorsoAvantgarde im Club11.06.2015

Elektronische MusikAvantgarde im Club

Sie gilt als Wunderkind der Electroszene: Holly Herndon. Inspiriert wurde die amerikanische Musikerin auch von der Künstlerin Antye Greie, besser bekannt AGF. Spielen werden beide im Rahmen des CTM-Festivals im Berliner Technoklub Berghain.

Von Oliver Kranz

Der Club Berghain in Berlin (dpa / picture alliance / Xamax)
Der Klub Berghain in Berlin (dpa / picture alliance / Xamax)

Holly Herndon ist ein Wunderkind der Electroszene. Vor ein paar Jahren kam sie als Technotouristin nach Berlin, kellnerte im Cookies und tanzte im Berghain. Inzwischen ist sie in die USA zurückgekehrt, hat in Oakland Elektronische Musik studiert und bringt ein Album nach dem anderen heraus:

"Holly Herndon ist eine der wenigen, die im Moment einen Sound kreiert, der klingt wie jetzt", sagt Jahn Rohlf von CTM, einem Musikveranstalter, der aus dem Klub Transmediale-Festival entstanden ist.

Holly Herndon deutet Melodien an 

Er hat das Konzert im Berghain organisiert. Holly Herndon deutet Melodien an und zerlegt sie dann in ihre Bestandteile. Ihre Stimme klingt weich und verführerisch, doch sie wird von Störgeräuschen überlagert. Synthetisches Rauschen wird zu einem Beat.

Der Klang ist nicht retro, wie so vieles, was man in der Pop- und Klubmusik hört. Er ist wirklich neu - ein hybrides Gebilde, bei dem sich die menschliche Stimme mit digital produzierten Geräuschen verbindet. Und auch in den Texten geht es um die Beziehung des Menschen zur schönen neuen Technikwelt. Jan Rohlf ist begeistert.

"Ich glaube, das Gefühl unserer Zeit ist Ambivalenz. Und das kommt super gut raus in Holly Herndons Album und in ihren Stücken, ihren Videos. Dieses: Einerseits kann ich nicht lassen von diesen digitalen Welten. Die sind so verführerisch und geben mir so viele Möglichkeiten und sie fühlen sich so natürlich an, wie eine Verlängerung meines eigenen Körpers, meiner Identität". Und gleichzeitig weiß ich aber jetzt, spätestens nach Snowden oder nach Chelsea Manning, dass wir uns dadurch extrem verwundbar machen, dass wir uns preisgeben, dass wir beobachtet werden, dass jemand anders vielleicht mehr über uns weiß, als wir selbst. Das ist die Botschaft in diesem Song, in dem sie eben sagt: "I know, you know more about me than I do."

Antye Greie-Ripatti alias AGF

"Ich finde gut, dass sie Politik zurück in den Klub bringt. Das ist mir persönlich selber wichtig. Deshalb traue ich mich auch in den Klub zurück", sagt Antye Greie-Ripatti alias AGF, die heute Abend ebenfalls im Berghain spielen wird.

Sie gehört zu den Musikerinnen, die Holly Herndon inspiriert haben. In ihrem Song "Letterism" machte sie schon im Jahr 2011 das Verhältnis von Mensch und Computer zum Thema.

"Ich bin ja wie Holly ein großer Computerliebhaber. Ich wäre auch gern ein Cyborg und habe kein grundsätzliches Unbehagen gegenüber Maschinen. Ich würde sagen, dass wir am Anfang stehen in der ganzen Geschichte von persönlichem Umgang mit Technologie und dass es ganz wichtig ist, es zu verstehen und sich auseinanderzusetzen."

Geist von Diskussion wiederbeleben

Doch bei aller Computerliebe klingt in dem Song ein Unbehagen mit - und das, obwohl er vor den Enthüllungen von Edward Snowden entstanden ist. Klubmusik kann politisch sein, sagt AGF. Als sie in den 90er-Jahren ihre Musikkarriere begann, fanden in Berlin vor Technopartys oft Diskussionen statt. Diesen Geist will auch Jan Rohlf wiederbeleben.

"In der Musik und in der Klubkultur ist Politik oft implizit. Das hat viel damit zu tun, bestimmte Räume zu schaffen und zu schützen, in denen Dinge erst einmal erlebt und ausprobiert werden können, die man dann aber hoffentlich auch in den Alltag und in die Außenwelt übertragen kann."

Deshalb werden heute Abend beim Konzert auch T-Shirts verkauft, die Freiheit für die Whistleblowerin Chelsea Manning fordern - eine Idee von Holly Herndon, die Antye Greie-Ripatti unterstützt:

"Soweit ich sie verstehe, ist sie auch interessiert, wie ich, eine politische Motivation zu fördern oder durch die Gemeinsamkeit, die man im Klub erfährt, eine Kraft zu gewinnen für so einen täglichen Kampf. Vielleicht ist es jetzt an der Zeit, dass die Schwerter wieder geschmiedet werden."

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