Samstag, 02. Juli 2022

Elektroschrott
Das schwierige Recycling wertvoller Rohstoffe

Smartphones, Fernseher oder Drucker, deren Reparatur nicht lohnt oder die schnell gegen ein neues Modell ausgetauscht werden: Die Menschheit produziert immer größere Berge an Elektroschrott. Doch die E-Abfälle enthalten wertvolle Rohstoffe, die in viel stärkerem Maße wiederverwertet werden könnten.

Von Volker Mrasek | 14.10.2021

Experten der Universität der Vereinten Nationen rechnen mit rund 57 Millionen Tonnen Elektroschrott, die in diesem Jahr weltweit anfallen. Und sie machen diese Menge auch gleich anschaulich: Der ganze Müll wiege inzwischen mehr als die Chinesische Mauer, das schwerste künstliche Bauwerk auf Erden.
Rüdiger Kühn ist Direktor des Programms für Nachhaltige Kreisläufe am Bonner Standort der UN-Universität: "Wir haben eine eklatante Steigerung um 25 Prozent binnen der letzten sechs Jahre. Und die United Nations University prognostiziert, dass wir bereits im Jahre 2030 die 75-Millionen-Marke reißen werden."
Einbettung

Die Hälfte aller Elemente des Periodensystems

In ausgemusterten Elektro- und Elektronikgeräten schlummern diverse Rohstoffe. Für ein Smartphone werde heute gut die Hälfte aller Elemente des Periodensystems benötigt, sagt der niederländische Chemiker Kees Baldé. Auch er forscht an der Universität der Vereinten Nationen.
"Im Elektroschrott stecken Edelmetalle wie Gold, Platin und Silber, die sehr wertvoll sind. Und das in Konzentrationen, die typischerweise höher liegen als in den Erzen, aus denen man sie gewinnt. Elektroschrott enthält außerdem viele Seltenerdmetalle. Ihre Vorkommen auf der Erde sind begrenzt, und sie werden nur in wenigen Regionen abgebaut."
Doch diese Schätze bleiben größtenteils ungehoben. Nur ein Sechstel aller Haushalts-, IT- und Kommunikationsgeräte werde weltweit wiederverwertet, sagt Baldé. Im Jahr 2019 seien nutzbare Rohstoffe im Wert von fast 60 Milliarden US-Dollar verlorengegangen, weil Elektronikschrott auf Müllhalden landete oder verbrannt wurde. Eine Studie aus Frankreich ergab, dass dort bis zu 110 Millionen alte Mobiltelefone nutzlos in Haushalten herumliegen – und mit ihnen die enthaltenen Edelmetalle und Seltenen Erden.
Illustration von einem Haufen Elektroschrott.
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Recycling-Quote in Deutschland bei 52 bis 54 Prozent

In Deutschland liege die Recycling-Quote beim Elektroschrott zwischen 52 und 54 Prozent, sagt Rüdiger Kühr – also deutlich höher als im globalen Durchschnitt: "Das heißt aber ja auch im Umkehrschluss, dass 46 bis 48 Prozent gar nicht recycelt werden. Die schlummern also noch auf unseren Dachböden, in unseren Kellern, in unseren Schubläden. Sie werden zum Teil gemischt mit Metallfraktionen eingesammelt, werden illegal auch noch exportiert oder wandern einfach auch in den Hausmüll hinein."
Andere Länder in Europa seien da viel weiter: "Da gibt es zum Beispiel Staaten wie Bulgarien, die nahezu 80 Prozent ihres Elektroschrott-Aufkommens recyceln. Deutschland wie gesagt nur 52 bis 54 Prozent. Hier gibt es also nach wie vor einen großen Nachholbedarf."
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Elektroschrott und Klimawandel

Der Bonner Experte nennt noch einen anderen wichtigen Grund, warum viel mehr E-Abfälle wiederverwertet werden sollten – den Klimaschutz: "Die Kohlendioxid-Emission beträgt bei der Rückgewinnung von Rohstoffen aus den Müllfraktionen nur ein Viertel im Vergleich zu dem, wenn wir diese Rohstoffe aus der Erdkruste gewinnen."
Wir sammeln Glas, Papier und Plastik routinemäßig – warum nicht auch Elektroschrott, fragt Kees Baldé: "In der EU gibt es eine Direktive, die das alles regelt. Sie schreibt vor, dass bestimmte Mengen Elektroschrott wiederzuverwerten sind. Aber sie sagt nicht: Gewinne 80 Prozent des Goldes zurück oder 50 Prozent der Seltenen Erden! Ich finde, wir sollten solche Quoten für das Einsammeln und das Recycling aller Wertstoffe haben, die wir uns zurück im Wirtschaftskreislauf wünschen."
Es sei allerdings auch noch Entwicklungsarbeit auf dem Gebiet nötig. Denn das Recycling von Seltenen Erden funktioniere bisher nur im Labormaßstab. Dringend nötig sei jetzt der Schritt hin zu großtechnischen Anlagen.