Letzte Nacht, es waren die Stunden nach Anne Will, wie die Sendung von Sabine Christiansen inzwischen heißt, der Wetterbericht hatte gerade wiedermal vor Unwettern über Deutschland gewarnt, vier Herren hatten darüber gesprochen, ob oder warum denn nicht alles auf Rot-Rot, warum eigentlich nicht mit den Linken, ein maliziös lächelnder SPD- und Linke-Vorsitzender - also: Lafontaine - hatte wiedermal den Mangel an Gerechtigkeit und die Reform der Reformen reklamiert, ein Unternehmer warnte wiedermal vor dem wirtschaftlichen Niedergang falls die Linke ihre Gerechtigkeit durchsetze, ein Berliner Bürgermeister beruhigte wiedermal, Rot-Rot funktioniere innenpolitisch durchaus auf Basis von Vernunft und Realität, ein bayrischer Ministerpräsident echauffierte sich wiedermal über die radikale Linke, mit der anständige Menschen nichts zu tun haben wollten oder sollten - wie gesagt, das war gerade vorüber, es war inzwischen die Stunde nach Mitternacht und da kam in der schwülen Frühlingsluft der entsetzliche Alptraum: Was wäre, wenn jemand auf die furchtbare Idee käme, all diese ewig gleichen Talkshows, all dieses endlose, sich im immer gleichen Kreis drehende Palaver aufzuschreiben und auf 624, in Worten: sechshundertvierundzwanzig, Seiten zwischen zwei Buchdeckel zu packen und für 39 Euro 90 feilzubieten?
Ach und weh, das ist kein Alptraum, aus dem man erwachen kann, es ist schon geschehen, das Buch ist gedruckt und es heißt "Mut zum Handeln - wie Deutschland wieder reformfähig wird". Es hat keinen Autor, es ist die größte anzunehmende Talkshow, denn in diesem Werk fragen rund 25 hochmögende Journalisten und Publizisten ebenso viele wichtige Menschen aus Politik und vor allem Wirtschaft nach der "Reform der Reformfähigkeit". Elite unter sich.
Roman Herzog im Gespräch mit Claus Kleber, ZDF
Klaus von Dohnanyi im Gespräch mit Stefan Aust, noch als Chefredakteur "Der Spiegel"
Wolfgang Clement im Gespräch mit Christoph Keese, Chefredakteur "Welt am Sonntag"
Hans-Olaf Henkel im Gespräch mit Klaus Methfessel, Stellvertretender Chefredakteur "WirtschaftsWoche"
Manfred Pohl, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied Konvent für Deutschland, im Gespräch mit Henning Krumrey, Leiter Parlamentsredaktion "FOCUS"
Erwin Teufel im Gespräch mit Günther Nonnenmacher, Herausgeber "F.A.Z."
Rupert Scholz, im Gespräch mit Martin S. Lambeck, Chefkolumnist "Bild am Sonntag"
Oswald Metzger im Gespräch mit Ulrich Deppendorf, Chefredakteur Fernsehen und Leiter ARD-Hauptstadtstudio
Wilhelm Bender, Vorsitzender des Vorstands Fraport AG, im Gespräch mit Holger Steltzner, Herausgeber "F.A.Z."
Michael von Zitzewitz, Vorsitzender der Geschäftsführung Messe Frankfurt GmbH, im Gespräch mit Sergej Lochthofen, Chefredakteur "Thüringer Allgemeine"
Wolfgang Reitzle, Vorsitzender des Vorstands Linde AG, im Gespräch mit Hans Werner Kilz, Chefredakteur "Süddeutsche Zeitung
Auf den ersten Blick sind das keine verfänglichen Paarungen, solche Gespräche führen Journalisten in ihren Medien, und eine Sammlung solcher Interviews quer durch die Presselandschaft wäre keine aufregende, aber eine normale Sache. Hier ist das nicht so, und man fühlt sich doch peinlich berührt, denn die Herren der Presse sprechen unter der Herausgeberschaft von Roman Herzog, Wolfgang Clement, Klaus von Dohnanyi, Jane Uhlig, Hans-Olaf Henkel und Manfred Pohl, und diese Herrschaften vertreten den "Konvent für Deutschland", einen 2003 gegründeten gemeinnützigen Verein, dem auch alle im Buch Interviewten angehören.
Der Band "Mut zum Handeln" ist eine programmatische Publikation einer Interessengemeinschaft, man könnte auch sagen: Eine voluminöse Werbebroschüre, und da kommt man schon ins Grübeln, warum Journalisten aus der ersten Reihe sich zu Stichwortgebern machen lassen - und das sind sie tatsächlich und nachlesbar auch dann, wenn sie sich mit kritischen Fragen und Anmerkungen unabhängig geben wollen. So etwas ist eingeplant, das ist willkommen, das verstärkt mit dem Schein der Objektivität bloß die Werbebotschaft im Konvolut des Konvents. Man erinnert sich an den Kabarettisten Wolfgang Neuss, der einst über den Frühschöppner Werner Höfer spottete, der sei der Erfinder des "Laubsäge-Interviews": Sagen Sie mir, was ich Sie fragen soll, es fällt Ihnen dann leichter zu antworten. Und schön ist ja auch: Man erspart den Vielbeschäftigten die Mühe des Schreibens.
Wer und was ist dieser "Konvent für Deutschland"? Ins Leben gerufen wurde er 2003 vom ehemaligen Industriemanager Hans-Olaf Henkel und von Roland Berger, einem der wichtigsten und umsatzstärksten Unternehmens- und auch Politikberater im Lande. Erstes Ziel des Vereins war die Unterstützung der Initiative für eine neue bundessstaatliche Ordnung, also Reform der Bundesstruktur, Verringerung der Länderzahl, die Modernisierung der Entscheidungsabläufe in der Politik. Alles unter den seit Jahren die einschlägigen Talkshows bestimmenden Schlagwörtern: Blockade, Verkrustungen, Reformstau, Flexibilität, Globalisierung und natürlich "Ruck", weswegen der vor allem wegen der gleichnamigen Rede bekannt gebliebene Bundespräsident Roman Herzog für den Konvent geworben wurde und von seinem Jagsthausener Herrensitz in der Burg des Götz von Berlichingen als Vorsitzender des Konventkreises fungiert - wobei die Eiserne Hand natürlich in der Vitrine bleiben kann. Der Konventkreis, der sich die "Reform der Reformfähigkeit" aufs Panier geschrieben hat, ist bis auf wenige arabeske Ausnahmen ein Wirtschaftskreis, eine Interessenvertretung die das Wohlergehen Deutschlands vor allem an Wachstum und unternehmerischer Freiheit misst, es spricht die Lobby der Agenda 2010, hier einige Schlagzeilen der Überschriften aus "Mut zum Handeln":
Blockade Perfektionismus
Eine Reform für mehr Freiheit
Wer Bildung will, kann sich mühelos Bildung verschaffen
Globalisierung - Verbreitung von Werten und Ideen
Medien sollten den Reformprozess in Gang halten
Ein Plädoyer für mehr Teamspirit
Im Zweifelsfall etwas mehr Thatcher
Bereit sein für Veränderungen
Deutschland ist ein tolles Land
Infrastruktur muss gebaut werden und erhalten bleiben ...
... das übrigens ist der Beitrag des Vorstandsvorsitzenden eines der größten Baukonzerne Deutschlands. Wie gesagt, wir haben es mit einer Werbeschrift eines wirtschaftsnahen Vereins zu tun; das ist nichts Schlimmes, das muss man nur wissen.
Wissen sollte man auch, dass diese Reformer und Modernisierer deutlich an Altersschwäche und Verlust neuer Wirklichkeit leiden. Ihr Reformansatz der entfesselten Unternehmen in einem schlanken Staat, des dauernden Fitmachens für die Globalisierung hinkt den Problemen und den wirklich wichtigen Debatten hinterher. Man ist in Wahrheit so bürokratisch wie die Agenda 2010, man redet von Freiheit, wo man von Freiwild sprechen müsste, man macht gegen staatliche Fesseln mobil und betreibt doch deutlich eine globale Refeudalisierung der Gesellschaft.
Verkrustete Strukturen, Denk-Blockaden, sie kennzeichnen auch die Reform-Vorstellungen des Konvents für Deutschland. Die sind so sehr auf den Staat und politische Strukturen fixiert, sie betreiben so sehr eine ökonomistische Nabelschau, dass sie die Dynamik der Gesellschaft, die rasanten kulturellen Umbrüche und die neuen sozialen Fragen gar nicht mitkriegen. Kein Ruck, kein Zuck. Nils Minkmar hat in der F.A.Z. dazu richtig bemerkt, das Land sei viel weiter und zum Glück auch spannender als diese Reflexion darüber.
Die trägt zur Zukunft des Landes und der Welt nicht viel bei, aber sie ist eine herzige Erinnerung an unsere Agenda-2010-Talkshows, ein längst schon historisches Artefakt für das imaginäre Reform-Museum. Kann man ins Regal stellen, muss man aber nicht.
Roman Herzog u.a.: Mut zum Handeln. Wie Deutschland wieder reformfähig wird, Campus Verlag, Frankfurt am Main 2008, € 39.90.
Ach und weh, das ist kein Alptraum, aus dem man erwachen kann, es ist schon geschehen, das Buch ist gedruckt und es heißt "Mut zum Handeln - wie Deutschland wieder reformfähig wird". Es hat keinen Autor, es ist die größte anzunehmende Talkshow, denn in diesem Werk fragen rund 25 hochmögende Journalisten und Publizisten ebenso viele wichtige Menschen aus Politik und vor allem Wirtschaft nach der "Reform der Reformfähigkeit". Elite unter sich.
Roman Herzog im Gespräch mit Claus Kleber, ZDF
Klaus von Dohnanyi im Gespräch mit Stefan Aust, noch als Chefredakteur "Der Spiegel"
Wolfgang Clement im Gespräch mit Christoph Keese, Chefredakteur "Welt am Sonntag"
Hans-Olaf Henkel im Gespräch mit Klaus Methfessel, Stellvertretender Chefredakteur "WirtschaftsWoche"
Manfred Pohl, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied Konvent für Deutschland, im Gespräch mit Henning Krumrey, Leiter Parlamentsredaktion "FOCUS"
Erwin Teufel im Gespräch mit Günther Nonnenmacher, Herausgeber "F.A.Z."
Rupert Scholz, im Gespräch mit Martin S. Lambeck, Chefkolumnist "Bild am Sonntag"
Oswald Metzger im Gespräch mit Ulrich Deppendorf, Chefredakteur Fernsehen und Leiter ARD-Hauptstadtstudio
Wilhelm Bender, Vorsitzender des Vorstands Fraport AG, im Gespräch mit Holger Steltzner, Herausgeber "F.A.Z."
Michael von Zitzewitz, Vorsitzender der Geschäftsführung Messe Frankfurt GmbH, im Gespräch mit Sergej Lochthofen, Chefredakteur "Thüringer Allgemeine"
Wolfgang Reitzle, Vorsitzender des Vorstands Linde AG, im Gespräch mit Hans Werner Kilz, Chefredakteur "Süddeutsche Zeitung
Auf den ersten Blick sind das keine verfänglichen Paarungen, solche Gespräche führen Journalisten in ihren Medien, und eine Sammlung solcher Interviews quer durch die Presselandschaft wäre keine aufregende, aber eine normale Sache. Hier ist das nicht so, und man fühlt sich doch peinlich berührt, denn die Herren der Presse sprechen unter der Herausgeberschaft von Roman Herzog, Wolfgang Clement, Klaus von Dohnanyi, Jane Uhlig, Hans-Olaf Henkel und Manfred Pohl, und diese Herrschaften vertreten den "Konvent für Deutschland", einen 2003 gegründeten gemeinnützigen Verein, dem auch alle im Buch Interviewten angehören.
Der Band "Mut zum Handeln" ist eine programmatische Publikation einer Interessengemeinschaft, man könnte auch sagen: Eine voluminöse Werbebroschüre, und da kommt man schon ins Grübeln, warum Journalisten aus der ersten Reihe sich zu Stichwortgebern machen lassen - und das sind sie tatsächlich und nachlesbar auch dann, wenn sie sich mit kritischen Fragen und Anmerkungen unabhängig geben wollen. So etwas ist eingeplant, das ist willkommen, das verstärkt mit dem Schein der Objektivität bloß die Werbebotschaft im Konvolut des Konvents. Man erinnert sich an den Kabarettisten Wolfgang Neuss, der einst über den Frühschöppner Werner Höfer spottete, der sei der Erfinder des "Laubsäge-Interviews": Sagen Sie mir, was ich Sie fragen soll, es fällt Ihnen dann leichter zu antworten. Und schön ist ja auch: Man erspart den Vielbeschäftigten die Mühe des Schreibens.
Wer und was ist dieser "Konvent für Deutschland"? Ins Leben gerufen wurde er 2003 vom ehemaligen Industriemanager Hans-Olaf Henkel und von Roland Berger, einem der wichtigsten und umsatzstärksten Unternehmens- und auch Politikberater im Lande. Erstes Ziel des Vereins war die Unterstützung der Initiative für eine neue bundessstaatliche Ordnung, also Reform der Bundesstruktur, Verringerung der Länderzahl, die Modernisierung der Entscheidungsabläufe in der Politik. Alles unter den seit Jahren die einschlägigen Talkshows bestimmenden Schlagwörtern: Blockade, Verkrustungen, Reformstau, Flexibilität, Globalisierung und natürlich "Ruck", weswegen der vor allem wegen der gleichnamigen Rede bekannt gebliebene Bundespräsident Roman Herzog für den Konvent geworben wurde und von seinem Jagsthausener Herrensitz in der Burg des Götz von Berlichingen als Vorsitzender des Konventkreises fungiert - wobei die Eiserne Hand natürlich in der Vitrine bleiben kann. Der Konventkreis, der sich die "Reform der Reformfähigkeit" aufs Panier geschrieben hat, ist bis auf wenige arabeske Ausnahmen ein Wirtschaftskreis, eine Interessenvertretung die das Wohlergehen Deutschlands vor allem an Wachstum und unternehmerischer Freiheit misst, es spricht die Lobby der Agenda 2010, hier einige Schlagzeilen der Überschriften aus "Mut zum Handeln":
Blockade Perfektionismus
Eine Reform für mehr Freiheit
Wer Bildung will, kann sich mühelos Bildung verschaffen
Globalisierung - Verbreitung von Werten und Ideen
Medien sollten den Reformprozess in Gang halten
Ein Plädoyer für mehr Teamspirit
Im Zweifelsfall etwas mehr Thatcher
Bereit sein für Veränderungen
Deutschland ist ein tolles Land
Infrastruktur muss gebaut werden und erhalten bleiben ...
... das übrigens ist der Beitrag des Vorstandsvorsitzenden eines der größten Baukonzerne Deutschlands. Wie gesagt, wir haben es mit einer Werbeschrift eines wirtschaftsnahen Vereins zu tun; das ist nichts Schlimmes, das muss man nur wissen.
Wissen sollte man auch, dass diese Reformer und Modernisierer deutlich an Altersschwäche und Verlust neuer Wirklichkeit leiden. Ihr Reformansatz der entfesselten Unternehmen in einem schlanken Staat, des dauernden Fitmachens für die Globalisierung hinkt den Problemen und den wirklich wichtigen Debatten hinterher. Man ist in Wahrheit so bürokratisch wie die Agenda 2010, man redet von Freiheit, wo man von Freiwild sprechen müsste, man macht gegen staatliche Fesseln mobil und betreibt doch deutlich eine globale Refeudalisierung der Gesellschaft.
Verkrustete Strukturen, Denk-Blockaden, sie kennzeichnen auch die Reform-Vorstellungen des Konvents für Deutschland. Die sind so sehr auf den Staat und politische Strukturen fixiert, sie betreiben so sehr eine ökonomistische Nabelschau, dass sie die Dynamik der Gesellschaft, die rasanten kulturellen Umbrüche und die neuen sozialen Fragen gar nicht mitkriegen. Kein Ruck, kein Zuck. Nils Minkmar hat in der F.A.Z. dazu richtig bemerkt, das Land sei viel weiter und zum Glück auch spannender als diese Reflexion darüber.
Die trägt zur Zukunft des Landes und der Welt nicht viel bei, aber sie ist eine herzige Erinnerung an unsere Agenda-2010-Talkshows, ein längst schon historisches Artefakt für das imaginäre Reform-Museum. Kann man ins Regal stellen, muss man aber nicht.
Roman Herzog u.a.: Mut zum Handeln. Wie Deutschland wieder reformfähig wird, Campus Verlag, Frankfurt am Main 2008, € 39.90.