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StartseiteSport am WochenendeKontingenz und Inkontinenz10.07.2016

EM-GlosseKontingenz und Inkontinenz

Die EM 2016 ist mit dem Endspiel Geschichte. Unser Autor Jürgen Roth nimmt noch einmal einen Streifzug durch das Turnier vor. Er spart nicht mit Kritik an der überdrehten Medienlandschaft, an einem ausgeknockten Bundestrainer und zu viel "Schuttfußball".

Von Jürgen Roth

Mats Hummels bei der Europameisterschaft 2016 in Frankreich im Achtelfinale, Deutschland gegen die Slowakei. (imago sportfotodienst)
Mats Hummels bei der Europameisterschaft 2016 in Frankreich (imago sportfotodienst)
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Tja. "Der Schock ist da", flennte eine seit Wochen zum erstenmal nicht schwarzrotgold verunzierte Moderatorin am Freitag morgen auf Sat.1 und flehte sinnlos, aber ungewollt fast metasprachlich reflektiert: "Habt eure Hände im Griff!"

Tja. Tja. "Das, was man im Fußball am schwersten haben möchte", stammelte Stefan Kuntz, Europameister von 1996, im ZDF, "das, was sich nicht erklären läßt", war eingetreten - nach dem besten Spiel einer deutschen Elf seit zwanzig Jahren. Woraufhin sich Dunja Hayali bemüßigt fühlte, trotzig rauszurotzen: "Jetzt gewinnen wir halt Wimbledon, mein Gott!"

Irgendwie stimmte überhaupt nichts mehr

Mon Dieu, mon Dieu. Im Mittelfeld hätten die Franzosen "eine brutal gute Macht", hatte Joachim Löw dem Gegner vor der Partie bescheinigt. Hinterher würdigte er die "machtvolle Körpersprache" des eigenen Teams. Irgendwie stimmte da überhaupt nichts mehr.

Wieso bringt das Resultatspiel Fußball im Zeitalter der segenbringenden Verwissenschaftlichung kontrafaktische Ergebnisse hervor? Antwort des ausgeknockten Bundestrainers: "Wir haben kein Tor erzielt, das ist im Fußball ja immer irgendwie das Entscheidende." Wir werden diese Erkenntnis in ein Marshmallow meißeln - zusammen mit Schneckerl Prohaskas kürzlich getätigter Äußerung: "Glück gehört halt dazu, das ist viel besser als Können." Sowie jener von Gerhard aus unserer Frankfurter Stammkneipe: "Fußball ist ja nichts Objektives."

"Ronaldo hat nichts getwittert"

Auf dem Platz hob König Kontingenz das Zepter, im Fernsehen Kaiser Inkontinenz, einen Monat lang. Kein, mit dem TV-Supertramp oder -trampel oder -champ Reinhold Beckmann zu säuseln, "kleines, süßes, niedliches Nebenthema" war zu deppert, um nicht lebensverdrießend und -verhunzend von irgendwelchen herbeigezerrten Fußballfiffis breitgequarkt zu werden. N-tv übertrug Trainings live, auf N24 erspähten wir die Einblendung "Physios kämpfen um Schweinsteiger". Ebenda erhaschten wir den Satz "Ronaldo hat nichts getwittert" und lauschten dem Ballwissenschaftler Axel Kruse, der mitteilte: "Özil hatte Wandertag", erklärte: "Manchmal machst du alles falsch und triffst das Tor" - und auf die Frage "Was sagen uns diese Zahlen, diese Paßquoten?" replizierte: "Gute Frage."

"Das wichtigste Medium für den Fußball hat die schlechtesten Journalisten", schrieb Jürgen Kaube in der FAZ. Die ZDF-Moderatorin Annika Zimmermann hatte vor der EM in der Fachzeitschrift Gala erläutert: "Über die Euro berichten viele Medien und noch mehr Journalisten", und zwar derart viele, dass sich allein mit den öffentlich-rechtlichen Fernsehexperten und -deutern der Bauch eines Supertankers füllen ließe. Dort, unterm Deck des Narrenschiffs, dürften sie, abgeschottet von der ermatteten Welt, gern ihre Kreise, Linien und Pfeile pinseln, und sie dürften sich in ihrer scheußlichen Styroporsprache, die nichts anderes als leichtes Umhüll- und Füllmaterial ist, im Sinne Holger Stanislawskis gegenseitig versichern: "Sie spielen miteinander Fußball, das ist sehr wichtig".

Training als "Castingshow" für "Germany’s next Topmannschaft"

Der kregle Jürgen Bergener dürfte über die "Mannschaft aus Stahl" schwadronieren, Mehmet Scholl dürfte seinen "Gehirnschluckauf" durch Luftanhalten bekämpfen, Herr Bierhoff dürfte das als "unmöglich" und "unglaublich" ansehen. Die Regie dürfte stundenlang abfahrende und ankommende Busse ins majestätische Bild setzen, und der Poeta laureatus Gerhard Delling dürfte schließlich, wie Moritz Rinke in der FAZ jubilierte, "frisch und live vor dem geparkten Mannschaftsbus stehen" und später ein Training als "Castingshow" für "Germany’s next Topmannschaft" bezeichnen oder in Erfahrung zu bringen versuchen: "Sie waren gerade in der Kabine. Wie kann man sich das vorstellen?", und wir müßten nicht mehr Reißaus nehmen oder nicht mehr die Reißleine ziehen.

Also, wenn wir, Katrin Müller-Hohenstein zu zitieren, "ein Fazit ziehen wollen unter dieser EM": Die "Vertaktisierung des Fußballs" nervte nicht nur Oliver Kahn, der manch eine "bösartige Fußballfolter" und manch ein "Scheißspiel" zu erdulden hatte. Schuttfußball ruled bei einer wie Zuckerwatte aufgeblasenen Meisterschaft, die Ewald Lienen als "schwachsinnig" titulierte und deren Ausgang hinsichtlich der germanischen Ambitionen Thomas Müller bereits nach dem Viertelfinale gegen Italien benannt hatte: "Unser Ziel war immer, im Halbfinale auszuscheiden."

"Was könnte der Titel für Frankreich bewirken?" - "Nichts."

Und die Gastgeber? "Die EM soll der gebeutelten Nation Auftrieb geben", hieß es am Eröffnungsabend im heute journal. Die taz fragte ein paar Tage danach den Soziologen Albrecht Sonntag: "Was könnte ein EM-Titel von Frankreich bewirken?" Und der: "Nichts."

Daher, Thomas Müller sei unser Denkmundschenk: "in die Mülltonne treten".

Uff. Deckel druff.

 

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