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Emmanuel Todd: Weltmacht USA. Ein Nachruf

Emanuel Todd, französischer Soziologe und Antropologe, ist auch in Deutschland schon lange kein Unbekannter mehr. Auf Deutsch sind von ihm u.a. erschienen "Das Schicksal der Immigranten" und "Die neoliberale Illusion". Bereits 1976 beschäftigte er sich in seinem Buch "La chute finale" mit dem Untergang des Kommunismus. Sein neues Buch mit dem Titel "Weltmacht USA – ein Nachruf" steht in Frankreich seit Monaten auf der Bestsellerliste. Es geht von der These aus, die USA seien schon längst keine Weltmacht mehr und viel abhängiger von der restlichen Welt als diese von ihr.

Richard Kiessler | 07.04.2003
    Das Buch des französischen Historikers Emmanuel Todd ist eine Streitschrift, die sich in den ausufernden strategischen Diskurs über die Rolle der Vereinigten Staaten in einer neuen Weltordnung einreiht. Dieser Diskurs, lange vor dem Irak-Krieg eröffnet, reicht in seiner Spannbreite von der Sorge vor dem Niedergang der einzig verbliebenen Supermacht bis zu den Thesen jener protzigen Selbstüberheblichkeit, die gegenwärtig die transatlantischen Beziehungen auseinander driften lässt. Während sich die USA als triumphale Sieger des Kalten Krieges ganz auf ihre militärische Dominanz verlassen und diese auch ausspielen, ohne sich an völkerrechtlichen Barrieren zu stören, erscheinen Teile Europas, insbesondere Deutschland und Frankreich, in den Augen eines Robert Kagan angekränkelt von pazifistischen Anwandlungen, machtvergessen und ohnmächtig. Dass die europäischen Kriegsgegner, die Amerikaner und Briten im präventiven Wüstenkrieg hängen ließen, sich keineswegs von der Macht abwenden, sondern womöglich das – wie Todd schreibt – "Signal für den Aufbruch Europas in die strategische Autonomie" setzen, wird von den zur Hybris neigenden Apologeten der republikanischen Rechten in Washington gern und geflissentlich übersehen.

    Die Niedergangsprognose hingegen vertrat bereits in seinem 1988 erschienenden Buch "Aufstieg und Fall der großen Mächte" der in Yale lehrende amerikanische Historiker Paul Kennedy. Seine berühmt gewordene These vom "imperial overstretch" besagt, dass große Mächte ihre Macht verlieren, wenn sie sich ökonomisch nicht mehr weiter entwickeln und ihre Streitkräfte in zu viele Konflikte eingreifen. Solche Selbstzweifel erregten die Gemüter derer, die Amerika für "Gottes eigenes Land" halten auf das Heftigste, auch wenn die Zeitläufte den Propheten des Untergangs zunächst zu widerlegen schienen: Mit dem Ende des Ost-West-Konfliktes und dem unerwarteten Zusammenbruch des Sowjet-Imperiums rückte der Diskurs über die Zukunft der Weltpolitik geradezu euphorisch Amerikas Stärke ins Zentrum. Über Francis Fukuyamas Thesen vom "Ende der Geschichte" jedoch hätten sich die Pariser Intellektuellen seinerzeit amüsiert, berichtet Todd, habe der doch eine "in Hollywood-Manier weichgespülte Version Hegels" präsentiert. Dennoch knüpft Todd bei Fukuyama an, da dieser bereits 1989 hellsichtig die universelle Ausbreitung der liberalen Demokratie als ernsthaft zu prüfende Möglichkeit erkannt habe. Hier kommt zweierlei zum Tragen: Der Historiker Todd ist auch Demograph und misst der Bevölkerungsentwicklung neben der Bildung einen erheblichen Anteil an der Stabilisierung von Gesellschaften bei. Zum anderen gefällt Todd Fukuyamas Spekulieren über die Zukunft – kein Wunder, hatte er bereits 1976 in seinem Buch "La chute finale" den Zusammenbruch der Sowjetunion vorhergesagt.

    Dass Todds im September 2002 erschienener "Nachruf" auf die Weltmacht Amerika in Frankreich Furore machte und inzwischen in elf Sprachen übersetzt wurde, hat wohl mit einer abermaligen Prophezeiung des Autors zu tun: Den Niedergang Amerikas als alleinige Supermacht hält Todd für ebenso unausweichlich wie die Emanzipation Europas. Amerika – so die Hauptthese seiner Streitschrift – ist auf dem Weg, vom internationalen Ordnungsfaktor, vom "gütigen Hegemon" der Nachkriegszeit, zum Unruhestifter zu werden. Dessen primäres Ziel ist die politische Kontrolle über die weltweiten Ressourcen. Doch die übrige Welt, vielgestaltig und dynamisch, nimmt die Vorherrschaft einer einzigen Macht nicht mehr hin – längst sind mit Europa, Russland, Japan und künftig auch China konkurrierende Mit-Akteure auf der Weltbühne. Mit einem "theatralischen militärischen Aktionismus", den Todd vor allem – siehe Irak und die "Achse des Bösen" – gegen relativ unbedeutende Staaten gerichtet sieht, sucht Amerika seinen wahren Niedergang in der Absicht zu kaschieren, eine Stärke zu demonstrieren, die de facto längst verloren ist.

    Zugegeben, die provokanten Thesen des Autors sind süffig und vor der Kulisse der aktuellen Ereignisse im Irak eingänglich. Todd schreibt:

    Immer raffiniertere Waffensysteme werden konstruiert und produziert, die genauso präzise sind wie die Waffen in Videospielen, aber in der Praxis setzt man unbewaffnete Zivilisten Bombardierungen aus...

    Der demonstrative Militarismus der Regierung Bush werde die "wahren Mächte" der Erde zur Annäherung veranlassen: Europa, Russland und Japan. Dies stimmt bislang zwar nur bedingt. Aber Todd zeigt sich sogar überzeugt, dass sich die "britische Mätresse" dem Sog Europas nicht verschließen werde. Auch das stimmt nur bedingt, aber erste Anzeichen gibt es in diesen Tagen immerhin.

    Nun heißt es zwar, der französische Präsident Chirac habe die polemischen Thesen seines Landsmannes nachgerade begierig verschlungen und prompt in seine Entscheidungsprozesse vor dem Irak-Krieg einfließen lassen. Doch man täte Todd Unrecht, ihm jene neo-gaullistischen Umtriebe zu unterstellen, die Amerika vom alten Kontinent vertreiben und die Grande Nation zur Führungsmacht Europas zu erheben trachten. Nein, ein platter Anti-Amerikanismus ist diesem eurozentrisch denkenden Autor gewiss nicht anzulasten, eher schon eine etwas holzschnittartige, aber zugleich schonungslose Kritik an der Idiosynkrasie der amerikanischen - vornehmlich christlichen – Rechten in ihrem Schulterschluss mit der "National Rifle Association" und konservativen jüdischen Interessengruppen. Allerdings unterlässt es Todd, die Sprengkraft des israelisch-arabischen Konfliktes und die asymmetrische Bedrohung Europas durch den transnationalen Terrorismus islamistischer Akteure angemessen zu gewichten. Unerwähnt bleibt unverständlicherweise auch das Problem der Proliferation von Massenvernichtungswaffen.

    Im Grunde ist Todd, bei aller Zuspitzung und Fragwürdigkeit einiger seiner methodischen Annahmen, ein Befürworter einer multipolaren Welt. Hier trifft er sich mit den Thesen des Havard-Politologen Joseph S. Nye, dessen neuestes Buch "Das Paradox der Macht Amerikas" den programmatischen Untertitel hat: "Warum die einzige Supermacht der Welt es alleine nicht schafft". Wie Todd kommt auch Nyes Analyse zu dem Ergebnis, dass militärische Überlegenheit allein nicht ausreicht, dass es die USA im ökonomischen Vergleich bereits jetzt mit einer Anzahl erstarkender Konkurrenten zu tun haben und auch kulturell keine Vorherrschaft proklamieren können. Während Nye für eine "soft power" der USA plädiert, sieht Todd eine Welt voraus, in der keine einzelne Macht mehr das Sagen hat. Mögen sie beide auf ihre Art Recht behalten – der nachdenkliche Amerikaner ebenso wie der polemische Franzose in seiner unbedingt lesenswerten Streitschrift.

    Emanuel Todd "Weltmacht USA – ein Nachruf". Es ist im Piper-Verlag erschienen, umfasst 288 Seiten und kostet 13 Euro.