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Empathie als Risiko

Psychologie. - Nimmt ein Arzt einen Eingriff an einem Patienten vor, muss er ihn vorher über die Risiken seines Vorhabens aufklären.Und er braucht die ausdrückliche Einwilligung des Betreffenden. Das gleiche gilt für einen Wissenschaftler, der Versuchspersonen experimentell untersuchen will. Die so genannte "informierte Einwilligung" ist seit Jahrzehnten ein ethischer Grundpfeiler seriöser ärztlicher und wissenschaftlicher Praxis. Nun aber wirft eine Studie die Frage auf, ob dieses Verfahren nicht korrekturbedürftig ist, weil es durch empathische Gefühle beeinflussbar ist.

Von Martin Hubert |
    Was soll man mehr tun können als eine Person genauestens darüber zu informieren, was man mit ihr vorhat? Seit Jahrzehnten gilt der "informed consent" oder die "informierte Einwilligung" in Medizin und Wissenschaft als ethisch einwandfreies Verfahren. Georg Northoff vom Institute of Mental Health Research an der Universität Ottawa kamen dennoch Zweifel:

    "Bislang ist die Einwilligung primär kognitiv betrachtet worden, ist ein rein rationaler Prozess. Ich wäge ab, ob ich das verstehe und die Probanden wurden gefragt: 'Verstehen Sie alles?' Und dann ist alles gut. Und unsere Hypothese ist: Wenn wir uns die Interaktion zwischen Gehirn und Umwelt angucken, dann wird auch die Entscheidungsfindung im informed consent möglicherweise durch Emotions- und Empathiefähigkeit beeinflusst. Es kann ja zum Beispiel sein, das ist eine gängige Erfahrung, wenn der Gegenüber mir sympathisch ist, dann stimme ich eher zu und vielleicht hängt das auch von meiner eigenen Fähigkeit ab, ob ich die Emotion der anderen erkennen kann und ob ich eine gute Empathie habe, ob ich zustimme oder nicht zustimme."

    Georg Northoff überprüfte das an 98 Versuchspersonen, die an einer wissenschaftlichen Aggressionsstudie teilnehmen sollten. An Hand ausgewählter Fragen testete er zum einen, wie gut die Patienten überhaupt in der Lage waren, das Experiment zu verstehen. Zum anderen untersuchte er ihre Empathiefähigkeit. Sie sollten die Gefühle beschreiben, die in Texten, Bildern und Tönen zum Ausdruck kamen. Und sie mussten sich in Situationen mit anderen Menschen einfühlen: was denkt, fühlt und will der andere gerade, wenn er mich auf diese Weise anschaut? Daraufhin informierte der Studienleiter die Versuchspersonen ausführlich über das Ziel und die Methode der Aggressionsstudie und fragte sie, ob sie daran teilnehmen möchten. Anschließend analysierte Northoffs Team, wie die Ergebnisse der Verständnis- und Empathietests mit dem Einwilligungsverhalten der Probanden zusammenhingen.

    "Die 'Ja' gesagt haben, die eingewilligt haben, haben eine sehr gute Empathiefähigkeit und eine gute Emotionsfähigkeit gezeigt. Das heißt: Je besser ich Absichten verstehe, desto wahrscheinlicher ist es, dass ich zustimme. Die sich nicht entscheiden konnten, die hatten sehr schlechte Empathiewerte und auch schlechte Emotionserkennung. Und das macht ja auch Sinn: ich kann das nicht so richtig erkennen, also bleibe ich ambivalent und entscheide mich nicht. Die 'Nein' gesagt haben, die hatten eine schlechte Emotionserkennung, konnten also die Emotion in dem Untersucher nicht erkennen und haben gesagt: 'Nein nein, das ist mir zu ungeheuerlich.'"

    Und das bedeutet: Ein Arzt, der einem Patienten alles Nötige über einen Eingriff erzählt hat, kann sich trotzdem nicht ganz sicher sein, alles richtig gemacht zu haben. Georg Northoffs Studie belegt erstmals wissenschaftlich, was der gesunde Menschenverstand sowieso schon ahnt. Die Art und Weise des Informationsgesprächs ist entscheidend. Das aber weist auf ein Dilemma hin: Wenn sich ein Arzt oder Wissenschaftler möglichst sachlich verhält, könnte das bei einem Gegenüber Widerstände auslösen, wenn er geringe Empathie- oder Emotionsfähigkeiten besitzt. Verhalten sich die Wissenschaftler aber zu emotional und zu empathisch, dann können sie empathiefähige Patienten über das Maß hinaus beeinflussen.Georg Northoff will daher in weiteren Studien untersuchen, wie umgekehrt die Empathie- und Emotionsfähigkeit von Ärzten das Einwilligungsverhalten prägt. Und er plädiert dafür, über genauere Kriterien dafür nachzudenken, wie sich Ärzte und Wissenschaftler in solchen Situationen emotional verhalten sollen.

    "Nicht dass die Wissenschaftler dann immer den empathischsten Wissenschaftler von ihnen senden und die Aufklärung machen lassen."