Montag, 16.07.2018
 
Seit 12:10 Uhr Informationen am Mittag
StartseiteForschung aktuellZuviel Kunstlicht in der Polarnacht11.01.2018

Empfindliches Zooplankton Zuviel Kunstlicht in der Polarnacht

Im Polarmeer haben norwegische Forscher beobachtet, dass Zooplankton wegen des Kunstlichts zum Beispiel von Schiffen während der Polarnacht in tiefere Wasserschichten flieht. Die Nutzung von Kunstlicht in der Schifffahrt könnte der Arktis daher ein nicht zu unterschätzendes Lichtsmogproblem bescheren.

Von Lucian Haas

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Kunstlicht wird für Zooplankton zum störenden Lichtsmog (Alfred-Wegener-Institut, Helmhol)
Kunstlicht wird für Zooplankton zum störenden Lichtsmog (Alfred-Wegener-Institut, Helmhol)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast
Mehr zum Thema

Ureinwohner kämpfen für die Arktis Unter dem Brennglas

Klimawandel in Lappland Wenn die Arktis wärmer wird, sterben Rentiere

Arktis Barentssee - eine Sackgasse für Kunststoffmüll im Meer

"Zooplankton steigt im Schutz der Dunkelheit auf, um nahe der Wasseroberfläche nach Futter zu suchen. Am Tag verstecken sich die Tierchen aber in größerer Tiefe, um nicht selbst gefressen zu werden."

Der Meeresbiologe Jørgen Berge von der Universität Tromsø in Norwegen erforscht, wie sich Zooplankton in der Arktis verhält. Weil es dort während der Polarnacht wochenlang dunkel sein kann, auch tagsüber, galt bisher die Lehrmeinung: Das arktische Zooplankton zeigt keine zyklischen, vom Licht gesteuerten Wanderbewegungen im Tagesrhythmus. Doch dem ist nicht so. Messungen im Polarmeer bei Spitzbergen zeigten, dass das Zooplankton auch mitten in der Polarnacht auf feinste Unterschiede im Dämmerlicht reagiert.

"Diese Organismen können kleinste Veränderungen der Lichtmenge wahrnehmen, die das menschliche Auge gar nicht erkennen kann. Selbst während der dunklen Polarnacht lassen sie sich gegen Mittag immer noch um sechs bis acht Meter absinken."

Jørgen Berge untersuchte die Tauchtiefe des arktischen Zooplanktons mit einem speziellen Sonar auf einer kleinen, ferngesteuerten Untersuchungsplattform. Diese konnte sich kilometerweit vom Mutter-Forschungsschiff entfernen und dort in absoluter Dunkelheit operieren.

Messkampagnen zur Erforschung der Störung der Natur

Der Vergleich von Messergebnissen offenbarte dabei einen weiteren, bisher nicht beachteten Effekt. In der Nähe des beleuchteten Forschungsschiffes war das Zooplankton in viel größere Wassertiefen abgetaucht.

"Wir haben erstmals dokumentiert, dass das Licht eines Forschungsschiffes das Zooplankton bis in mindestens 100 Meter Wassertiefe beeinflusst. Wenn das Schiff also mit normaler Beleuchtung unterwegs ist, verhalten sich die Organismen rund um das Schiff nicht mehr auf natürliche Weise. Sie fliehen vor dem Licht."

Das Kunstlicht wird für das Zooplankton also zum störenden Lichtsmog. Und dieser dürfte nicht nur viele Ergebnisse früherer Messungen zu Vorkommen und Verteilung des arktischen Zooplanktons verfälscht haben, vermutet Jørgen Berge. Das Licht könnte in Zukunft auch zunehmend zu einem allgemeinen Problem in der Region werden.

"Mit dem Rückgang der Eisbedeckung in der Arktis nehmen dort die menschlichen Aktivitäten zu: Schifffahrt, Fischerei, Tourismus, die Öl- und Gasförderung. All das ist mit einem nennenswerten Einsatz von Kunstlicht verbunden. Wir wissen bisher nicht, wie stark der Effekt der Lichtverschmutzung ist, aber wahrscheinlich ist er durchaus bedeutend."

Jørgen Berge ist gerade wieder mit einem Forschungsschiff in der Barent-See unterwegs. Mit weiteren Messkampagnen will er jetzt das Ausmaß der Störungen der Natur durch Lichtsmog im Polarmeer genauer studieren.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk