Freitag, 25.09.2020
 
Seit 16:10 Uhr Büchermarkt
StartseiteHintergrundNeue Wertschätzung für einen alten Mythos09.08.2020

Ende des Osmanischen ReichesNeue Wertschätzung für einen alten Mythos

Vor 100 Jahren sollte das Osmanische Reich im Friedensvertrag von Sèvres ein Ende finden. Die Alliierten wollten den Türken als Kriegsverlierer im Ersten Weltkrieg nur noch ein anatolisches Kernland lassen. Der Plan löste Widerstand aus, führte zur Abdankung des Sultans und zur Gründung der heutigen Türkei.

Von Gunnar Köhne

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Türkei, Istanbul: Menschen stehen in türkische Nationalflaggen gehüllt vor der Hagia Sophia (picture alliance/Yasin Akgul/dpa)
Menschen feiern die Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee. Ein Akt, der hohe Symbolkraft hat (picture alliance/Yasin Akgul/dpa)
Mehr zum Thema

Türkische Geopolitik Wie Erdogan Libyen dominieren will

60 Jahre Türkei-Putsch Erdogan und der Grund für seine Angst vor einem neuen Putsch

Erster Weltkrieg Das Ende des Grauens 1918

Mitte Juli dieses Jahres in Istanbul: In der Hagia Sophia erklingen wieder Koransuren zum Freitagsgebet – erstmals seit 86 Jahren. Unter den Betenden und in der ersten Reihe: der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan. Ursprünglich war die Kathedrale der "Heiligen Weisheit" 1000 Jahre lang Hauptkirche der Christenheit weltweit gewesen. Dann, nach der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen 1453, diente sie 500 Jahre lang als Hauptmoschee von Istanbul. Und nach dem Ende des Osmanischen Reiches und der Gründung der Republik Türkei wurde die Hagia Sophia von Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk in ein Museum umgewandelt – als Zeichen der Säkularisierung.

Die Wiedereröffnung als Moschee ist für viele Menschen in der Türkei und darüber hinaus eine Zäsur: Sie fragen sich, ob die Türkei sich damit wieder zurück orientiert, hin zum religiösen Großmachtstaat der Osmanen.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan beim ersten Gebet in der zur Moschee umgewandelten Hagia Sophia. (imago-images)Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan beim ersten Gebet in der zur Moschee umgewandelten Hagia Sophia (imago-images)

Antworten konnte man aus einer Fernsehansprache von Staatschef Erdogan heraushören, für den die Rückumwandlung der Hagia Sophia offenbar ein Symbol wiedergewonnener Stärke ist:

"Es gibt Kräfte, die unser Land attackieren und wieder beherrschen wollen, weil sie immer noch glauben, dass die Türkei so schwach und zögerlich ist wie in der Vergangenheit. Aber wir sind entschlossen nicht nur unsere selbstgesteckten Ziele in der Zukunft zu erreichen, sondern auch all die Ungerechtigkeiten zu beseitigen, die wir in der Vergangenheit erlitten haben."

Zu den schwersten erlittenen Ungerechtigkeiten der Vergangenheit gibt es für türkische Nationalisten wie Erdogan nur eine Chiffre: Sèvres. In dem beschaulichen Vorort von Paris wurde vor 100 Jahren das Schicksal des Osmanischen Reiches besiegelt.

Ein Vertrag zur Zerschlagung des Reiches

Es war ein so genannter Diktatfrieden, der im August 1920 in einem Saal der berühmten Porzellanmanufaktur von Sèvres geschlossen wurde: Die Siegermächte des Ersten Weltkriegs – darunter Britisches Empire, Frankreich und Italien – zwingen das Osmanische Reich mit diesem Vertrag zu einer Zerschlagung. Mit dem Abkommen soll der Erste Weltkrieg endgültig abgeschlossen werden, den das Osmanische Reich an der Seite Deutschlands und Österreich-Ungarns verloren hatte.

Undatiertes Archivbild des Hafens von Konstantinopel während des 1. Weltkriegs (dpa) (dpa)Der Weg des Osmanischen Reiches in den Ersten Weltkrieg
Am 2. August 1914 wurde der Deutsch-Türkische Bündnisvertrag unterzeichnet. Es gab jedoch Kritiker eines Krieges an der Seite des Kaisers. Die finanzielle Lage der Türkei war hoffnungslos, der Zustand von Heer und Flotte erbärmlich.

Von dem einst mächtigen Imperium der Sultane soll dem Vertrag zufolge nicht viel mehr als ein anatolisches Kernland für die Türken übrigbleiben. Die Ägäisküste und Ost-Thrakien sollen demnach Griechenland zugeschlagen werden. Teile der südlichen Mittelmeerküste sind Frankreich und Italien zugedacht. Der Osten des Landes geht an die neu zu gründenden Staaten Kurdistan und Armenien. Der Bosporus und die Hauptstadt Istanbul sollen bis auf weiteres unter alliierte Verwaltung gestellt werden. – So zumindest steht es im Vertrag.

Eine Karte zeigt den Reststaat des Osmanischen Reiches nach dem Vertrag von Sevres. (akg-images / Peter Palm)Die Grenzverläufe nach dem Vertrag von Sevres 1920. (akg-images / Peter Palm)

Die türkische Fernsehserie "Vatanim sensin" - zu Deutsch: Du bist meine Heimat" –, eine von zahlreichen Produktionen der vergangenen Jahre, die sich in verklärender Weise mit der osmanischen Vergangenheit beschäftigen. Hier wird der Moment der Vertragsunterzeichnung nachgespielt. Die dreiköpfige Delegation der Türken betritt mit Fes auf dem Kopf und gesenkten Blickes den Saal in Sévres. Von den anwesenden Vertretern der Siegermächte werden sie mitleidig belächelt. Dann setzt der türkische Diplomat Riza Tevfik Unterschrift und Siegel unter das Dokument.

"Möge meine Unterschrift dem Land Frieden bringen!"

Doch von Frieden war das Land weit entfernt. Zum Zeitpunkt der Unterschrift hatten die türkischen Nationalisten unter General Mustafa Kemal, dem späteren Atatürk, längst zum Widerstand gegen die, wie sie es nennen, "Schmach" von Sèvres mobilisiert. Der so genannte Befreiungskrieg soll das Land zugleich von den Besatzern und dem siechen Sultansregime befreien. Der Vertrag von Sèvres wird von türkischer Seite nie ratifiziert. Er ist, so Christoph Neumann, Professor für Türkische Studien an der Münchener Maximilians-Universität, von Beginn an eine Totgeburt – und hat dennoch Folgen:

"Sèvres war der Todesstoß, nicht das juristische Ende des Osmanischen Reiches. Denn was vom Osmanischen Reich nach Sèvres übriggeblieben ist, war staatlich nicht lebensfähig. Oder wurde jedenfalls allgemein als eigentlich nicht lebensfähig aufgefasst."

Der Zerfall hatte längst begonnen

Das Osmanische Reich ist bereits vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges ein Staat auf Abruf. Im 17. Jahrhundert, zur Zeit seiner größten Ausdehnung, reichen die Grenzen des Imperiums der Sultane von Nordafrika bis an die Grenzen Österreichs. Konstantinopel ist zugleich Sitz des Kalifen, mithin des geistlichen Führers der gesamten islamischen Welt. Doch spätestens im 19. Jahrhundert beginnt der langsame Niedergang des Reiches.

Zu schaffen macht dem Vielvölkerstaat vor allem das nationale Erwachen in seinen Balkan-Provinzen Mitte des 19 Jahrhunderts. Griechen, Bulgaren, Rumänen und Serben begehren gegen Konstantinopel auf, kräftig unterstützt von Frankreich, Großbritannien und Russland. Anfang des 20. Jahrhunderts ist das Reich geschrumpft.

Süleyman I., (1494 –-1566) regierte das Osmanische Reich von 1520 bis zu seinem Tod 1566. Das Bild (1561) zeigt Süleyman I. mit seiner Armee in Nachitschewan 1554. (imago stock&people/WHA United Archives) (imago stock&people/WHA United Archives)Alltagskultur des Balkans - Erbe des Osmanischen Reiches
Nirgendwo sonst in Europa leben Menschen verschiedener Ethnien und Religionen so eng zusammen wie auf dem Balkan. Trotz aller Konflikte und Unterschiede gibt es eine gemeinsame Alltagskultur. Das Osmanische Reich, das infolge des 1. Weltkriegs zerfiel, hat auf dem Balkan ein Erbe hinterlassen, das bis heute nachwirkt.

Zudem haben die Sultane wirtschaftlich den Anschluss an andere Großstaaten in Europa verloren. Im Westen ist nur noch vom "Kranken Mann am Bosporus" die Rede.

Christoph Neumann: "Weil es unterbevölkert war, gab es eine sehr große Landmasse, die infrastrukturell insgesamt sehr viel schlechter organisiert war als in den meisten anderen zeitgenössischen Staaten. Es hatte anders als alle anderen Großstaaten sehr wenig industrielles Potential. Es hatte weder große Flüsse, die für Industrie sehr notwendig sind, sowohl als Verkehrswege als auch als Wasserversorgung. Es hatte aber vor allem keine, und vor allem keine nah bei einander liegenden, gut abbaubaren Vorkommen von Eisen und Kohle."

Der damalige Sultan Abdülhamid II. versucht noch mit Reformen nach europäischem Vorbild gegenzusteuern. Doch das Reich gerät in die Abhängigkeit europäischer Kredithäuser. Und auch für die zahlreichen politischen Reformen, die Abdülhamid II. in die Wege leitet, ist es letztendlich schon zu spät.

Die Verabschiedung einer Verfassung im Jahre 1876 und Einführung einer konstitutionellen Monarchie soll den "Jungtürken" den Wind aus den Segeln nehmen. Jungtürken – so nennt sich zu dieser Zeit eine wachsende Gruppe muslimischer Offiziere und Intellektueller, die die Idee eines türkischen Nationalstaates unterstützt.

Vergeblich versuchen die Jungtürken den Eintritt ihres Landes in den Ersten Weltkrieg als Verbündete des deutschen Kaiserreiches zu verhindern. Am Vorabend des Krieges wird Abdülhamid gestürzt. Doch fortan ist das Reich in einen Zweifrontenkrieg verwickelt: Im Osten greift der ewige Feind Russland an, im Westen sind es die Alliierten. Mit Hilfe deutscher Militärs gelingen den Türken zwar einige militärische Erfolge. So schlagen sie unter maßgeblichem Befehl von Mustafa Kemal in einer blutigen Schlacht vor und auf der Halbinsel Gallipoli die Truppen des Britischen Empire zurück.[*] Bei der Schlacht finden auf beiden Seiten 100.000 Soldaten den Tod, davon allein 10.000 Australier und Neuseeländer.

Die Jungtürken übernehmen das Ruder

Die amtierenden Sultane sind derweil immer weniger Herr des Geschehens im Land und gleichen einer Staffage. Alle Versuche, die aufbegehrenden Nationalisten zu bändigen, scheitern. Sultan Mehmed V. stirbt im Juli 1918, nur wenige Monate nach seinem Vorgänger Abdülhamid. Thronfolger Yussuf Izzedin begeht unter zweifelhaften Umständen Selbstmord; der 55jährige Vahdettin, der am 9. September 1918 den Thron besteigt, wird der letzte osmanische Sultan sein.

Längst haben die Jungtürken in Militär und Verwaltung das Sagen. Sie sehen im Kriegsgeschehen die Chance, mit der Vertreibung und Ermordung der armenischen Bevölkerung ihren Plan eines rein muslimischen Nationalstaates voran zu treiben. Über eine Million Armenier fallen, unter den Augen deutscher Offiziere, 1915 dem Genozid zum Opfer. Proteste einzelner deutscher Beamter in Konstantinopel schmettert der damalige Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg mit der Bemerkung ab:

"Unser einziges Ziel ist, die Türkei bis zum Ende des Krieges an unserer Seite zu halten, gleichgültig, ob darüber Armenier zu Grunde gehen oder nicht."

Protestmarsch zum Gedenken an die Ermordung des armenischen Journalisten Hrant Dink in Istanbul  (Imago/Zuma Press) (Imago/Zuma Press)Armenier in der Türkei - In Deckung und unter anderen Namen
Die Ermordung des Journalisten Hrant Dink ist den Armeniern in der Türkei ebenso ins Bewusstsein gebrannt wie der Völkermord 1915. Wer öffentlich als Armenier auftritt, lebt dort nach wie vor gefährlich. Einer von ihnen ist Rober Koptaş. Er sagt, die meisten Armenier führten ein Doppelleben.

Als die Abgesandten Konstantinopels am 30. Oktober 1918 den Waffenstillstand unterschreiben, sind die meisten Verantwortlichen des Völkermordes vor den Alliierten ins Ausland geflohen. Was vom Osmanischen Reich noch übrig ist, ist verheert und ausgezehrt. Doch erst fast zwei Jahre später – die Zukunft Deutschlands und Österreich-Ungarns hatten Vorrang – wollen sich die Sieger mit dem Schicksal des Osmanischen Reiches befassen. Doch in der Zwischenzeit hat sich die Situation in Anatolien grundsätzlich geändert.

Dort hat nämlich Mustafa Kemal längst eine schlagkräftige Truppe zusammengestellt, um sein Land zu befreien. Am 19. Mai 1919 – heute ein Nationalfeiertag in der Türkei – landet er mit Gefolgsleuten im Schwarzmeerhafen Samsun und begibt sich von dort, unbehelligt von den Engländern, ins Landesinnere. Ein Nationalkomitee koordiniert fortan die Verteidigung des Landes; Befehle des Sultans werden von den Soldaten nicht mehr befolgt.

Ein Friedensvertrag voller kolonialer Interessen

Als gäbe es den von Mustafa Kemal angeführten nationalen Aufstand nicht, fahren die Alliierten mit ihren Teilungsplänen für das verbliebene Osmanische Reich fort – mit einem willen- und machtlosen Sultan als Gegenüber. Das erste Mal beugen sich die Vertreter Großbritanniens und Frankreichs im April 1920 auf der Konferenz von San Remo über die Landkarte des Osmanischen Reiches – einander immer mehr misstrauend. Denn in San Remo und wenige Monate später dann in Sèvres wird beinhart um koloniale Interessen gefeilscht, so Christoph Neumann:

"Und was heute, wenn man über Sèvres nachdenkt, gerne vergessen wird, ist, dass Sévres ja auch etwas zu sagen hatte über die arabischen Provinzen des Osmanischen Reiches. Das, was heute Syrien, Libanon, Israel, die Palästinensischen Gebiete, der Irak sind. Auch darüber sagte Sèvres ganz viel."

Was das übrige Osmanische Reich betrifft, so hatte der amerikanische Präsident Woodrow Wilson bereits 1918 in einer 14-Punkte-Rede zum Selbstbestimmungsrecht der Völker erklärt, dass den Nichttürkischen Völkern "nationale Autonomie" zugestanden werden müsse. Amerikanische Truppen für den Schutz etwa der Kurden lehnte er aber ab. Überhaupt war das Interesse an der Durchsetzung des Vertrages gegenüber der Türkei bei den Siegermächten am Ende gering, meint der Osmanist Christoph Neumann:

"Die eigenen Wirtschaften lagen nach dem Ende des Ersten Weltkrieges am Boden, es gab kein Interesse daran, wieder zehntausende von Soldaten und Flottenverbände in die Ägäis zu schicken. Überhaupt nicht. Das heißt, man hat diesen Vertrag unterzeichnet, Istanbul war besetzt, das war ein Faustpfand von den Alliierten, und man hat gehofft, dass dann eine Umsetzung dieses Vertrages möglich sei. Und man hat deutlich unterschätzt, dass die Muslime des Osmanischen Reiches, die sich als Nation verstanden, dass die Widerstand organisieren würden – was sie getan haben."

Selbst wollen die Alliierten nicht noch einmal militärisch in der Türkei intervenieren. Doch den Erzfeinden der Türken lässt man freie Hand. So landen griechische Truppen im Mai 1919 – etwa zu der Zeit als Mustafa Kemal in Samsun seinen Unabhängigkeitsfeldzug startet – in Smyrna, dem heutigen Izmir. Alliierte Kriegsschiffe begleiten die Invasion. Die Griechen wollen sich schon einmal vom osmanischen Kuchen nehmen, was ihnen später im Vertrag von Sèvres ohnehin zugesprochen werden soll: Einen Teil des antiken Kleinasiens.

Doch die Griechen halten sich nicht an die Vorgaben der Briten, sich nur auf die Küste und das Hinterland zu beschränken. Ohne auf nennenswerten Widerstand zu treffen, rücken sie immer weiter nach Anatolien vor. Erst im August 1921 wird der griechische Vorstoß 50 Kilometer vor Ankara von Mustafa Kemal gestoppt.

1922 flieht der Sultan

Am 19. Oktober 1922 ziehen Mustafa Kemals Truppen in Istanbul ein; die Türken haben wieder die Kontrolle über weite Teile des Landes. Kemal hat es geschafft, aus einem Land am Rand der totalen Niederlage einen respektierten Gegenspieler in Europa zu machen. Der als schmachvoll empfundene Vertrag von Sèvres ist Makulatur. Doch dem neuen Helden der Türken geht es nicht um die Wiedererrichtung alter Herrlichkeit, sondern um die Gründung eines neuen Staates. Kemal ruft seinen Landsleuten entgegen, sie sollten mit ihren alten Feinden ihren Frieden machen:

"Es gibt verschiedene Kulturen, aber nur eine Zivilisation, die europäische."

Am 15. November 1922 verlässt Mehmed VI., der letzte Sultan der Osmanen, gemeinsam mit seiner Familie durch einen Hinterausgang seinen Palast in Istanbul. Er lässt sich zu einem der abziehenden britischen Schlachtschiffe bringen und segelt ins italienische Exil. Das Osmanische Reich ist endgültig Geschichte.

Vier Tage nach der Flucht des Sultans beginnen im Schweizerischen Lausanne die endgültigen Friedensverhandlungen. Die selbstbewusste Türkei erhält dabei fast alle Gebiete in Kleinasien zurück und es werden die bis heute gültigen Landesgrenzen festgelegt. Nur in einem Punkt setzen sich die westlichen Alliierten durch: Die Meerengen Bosporus und Dardanellen werden dem Völkerbund unterstellt. Später werden sie zu internationalen Gewässern erklärt, die sie bis heute geblieben sind. Doch das Abkommen von Lausanne revidiert den Friedensschluss von Sèvres. Ein Erfolg, der in der Türkei bis heute hochgehalten wird.

Mustafa Kemal Atatürk (dpa / TURKPIX)Mustafa Kemal Atatürk, der Begründer der Republik Türkei (dpa / TURKPIX)

Mit der Proklamation der Republik Türkei durch eine neu berufene Nationalversammlung und mit Mustafa Kemal als erstem gewählten Präsidenten 1923 beginnt eine neue Zeitrechnung für das Land. Kemal, der fortan den Ehrennamen "Atatürk", Vater der Türken, trägt, verordnet seinem Land eine strikte Abkehr von der osmanischen Vergangenheit: An die Stelle des Kalifats tritt eine laizistische Verfassung; die Religion wird mehr oder weniger zur Privatsache erklärt. Das lateinische Alphabet wird eingeführt und eine Gesetzgebung nach europäischen Vorbildern.

Doch trotz des Bruchs mit dem osmanischen Erbe: der traumatische Untergang des Osmanischen Reiches und der Verlust der Vormachtstellung befeuert bis heute den türkischen Nationalismus. Man sieht sich von Feinden bedroht, im Innern wie im Äußeren. Ganz so wie Staatspräsident Erdogan:

"Diejenigen, die die Realität nicht anerkennen wollen, greifen mit aller Macht die Einheit unserer Nation, die Integrität unseres Landes und die souveränen Rechte unseres Landes an."

Die Forderung etwa der Kurden im Land nach kulturellen Rechten oder gar nach Autonomie wird als Versuch gewertet, das Land auseinander zu reißen. Wenn das Aufbegehren der Kurden zudem offene Sympathie bei westlichen Regierungen findet, dann ist für türkische Nationalisten klar: Europa hat sich wieder einmal gegen sie verschworen. So wie vor 100 Jahren im Pariser Vorort Sèvres.

Heute, 97 Jahre nach Gründung der modernen Türkei, erfährt das Osmanische Reich eine neue Wertschätzung. Galt diese Zeit unter den Kemalisten als rückständig, empfängt Staatspräsident Erdogan heute die Nachkommen der osmanischen Herrscherfamilie im Istanbuler Yildiz-Palast, der früheren Residenz des Sultans.

Die Hagia Sophia in Istanbul, Wahrzeichen der Stadt, ist heute ein Museum.  (picture alliance / dpa / Kyodo) (picture alliance / dpa / Kyodo)Islamwissenschaftler Khorchide - Umwandlung der Hagia Sophia typisch für politischen Islam
Die Umwandlung der Hagia Sophia in Istanbul von einem Museum in eine Moschee ruft international heftige Kritik hervor. Der österreichische Soziologe und Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide sprach im Dlf von einer "zugespitzten Form der Instrumentalisierung des Islam".

Seit der Wiederumwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee gibt es sogar eine Unterschriftenaktion radikaler Islamisten für die Wiedereinführung des Kalifats. Abgesehen davon, dass sich die übrige islamische Welt einem solchen Ansinnen widersetzen würde: Christoph Neumann glaubt nicht an eine Wiedererrichtung eines religiösen Staates nach dem Vorbild des Osmanischen Reiches in der heutigen Türkei:

"Gewisse islamische Netzwerke sind heute in der Türkei wieder sehr mächtig, sind Teil des gesellschaftlichen und politischen und öffentlichen Lebens. Und der Rang der Religion als nationales Symbol ist etwas, was es bei Mustafa Kemal Atatürk tatsächlich nach 1924 nicht gegeben hätte. Aber man darf nicht vergessen: Es ist ein rein nationaler Islam. Das heißt dominant ist in meinen Augen nach wie vor nicht der Islam, sondern der Nationalismus in der Türkei."

Nationalismus heißt für Erdogan sogar eine Revision des Vertrages von Lausanne einzufordern. So verschreckt er seit Jahren die griechischen Nachbarn mit Andeutungen, es sei nicht gerecht, dass im Lausanner Vertrag nahezu alle Ägäis-Inseln Griechenland zugesprochen wurden.

Erdogan lässt im Mittelmeer in Seerechtszonen Griechenlands und Zyperns nach Öl suchen – Proteste dagegen beeindrucken ihn nicht. Auch die Entsendung türkischer Truppen nach Nord-Syrien und Libyen wird von Erdogan immer wieder mit historisch legitimierten Interessen seines Landes begründet. 100 Jahre nach dem so genannten Diktat von Sèvres sieht Erdogan sein Land wieder zur regionalen Großmacht aufsteigen.


[*] Anmerkung der Redaktion: An der Stelle war vom britischen Commonwealth die Rede, das erst später entstand. Wir haben den Fehler korrigiert.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk