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StartseiteKultur heuteWarum sind Theaterleute abergläubisch?29.03.2020

Endlich mal erklärtWarum sind Theaterleute abergläubisch?

Trage auf der Bühne niemals deinen eigenen Mantel oder Hut. Iss niemals auf der Bühne, es sei denn es gehört zur Szene. Nenne niemals in Bühnennähe den Namen „Macbeth“. Der durchaus weit verbreitete Aberglaube in Theaterhäusern findet in solchen Regeln Ausdruck, doch woher stammt er eigentlich?

Von Eberhard Spreng

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Eine Schauspielerin isst im Theaterstück "Fettes Schwein" in der Komoedie am Kurfuerstendamm Berlin ein Gericht mit Stäbchen (picture alliance / EventpressHoensch)
Iss niemals auf der Bühne, es sei denn es gehört zur Szene - so ein weit verbreiteter Aberglaube unter Theaterleuten (picture alliance / EventpressHoensch)
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Sie möchten einem Schauspieler vor einer Premiere alles Gute wünschen und sagen: "Viel Glück!" Das ist schon falsch. Es heißt "Toi toi toi". Sich am Theater für diesen Glückwunsch zu bedanken, ist aber auch falsch, eher heißt es: "Wird schon schief gehen". In französischen Schminkzimmern und Hinterbühnen wünscht man sich "Merde!" also:"Scheiße!" oder sogar "Grosse Merde"! Alle anderen Premierewünsche sind verpönt oder kommen von Ignoranten. Eine Erklärung dafür ist, dass das Publikum vor den Theatern des 19. Jahrhunderts von Kutschen abgesetzt wurde, und dass die Menge der Pferdeäpfel, die sich so vor der Aufführung bildete, ein Hinweis auf die zahlenmäßige Größe des Publikums darstellte.

Wenn spät Abend die Bühne verlassen ist, bleibt doch immer ein Licht an, zur Verhinderung von Unfällen und zum Vertreiben der Geister. 'Ghost light' nennen es die Engländer. Böse Geister und das Pech drohen am Theater immerfort. Dreimal über die linke Schulter spucken, auf Generalproben den letzten Satz auslassen, auf Bühnen nicht privat essen oder trinken, kein Liedchen pfeifen. Der Regeln gibt es viele und ihre Nichtbeachtung bringt Unglück und wird auch heute noch vielerorts geahndet.

Auf einem aufgeschlagenen Kunstlexikon liegt eine Brille (picture-alliance / chromorange / Angelika Maroch) (picture-alliance / chromorange / Angelika Maroch)Endlich mal erklärt: Ein Blick hinter die Profisprache der Kunst
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Die Schiffglocke am Seil

Eine der strengsten in Frankreich geltenden Regeln betrifft das Theater-Unwort "Corde", zu deutsch: "Seil". Und das, obwohl es im Bühnenbereich, nicht nur im Schnürboden, geradezu von Seilen wimmelt. Das, so sagt man, liegt daran, dass die ersten Bühnenarbeiter des in der Barockzeit allmählich aufkommenden Maschinentheaters mit seinen Dekors, Soffitten, und Prospekten ehemaligen Seeleute waren, vertraut mit allen erdenkliche Knoten, schwindelfrei auch auf der höchsten Beleuchtungsbrücke und stressresistent in der wildesten Chaosaufführung. Sie haben ihren Aberglauben vom Schiff auf die Bühne gebracht. Denn nicht ein Teil im vielfältigen Tauwerk eines Segelschiffes heißt "Corde". Außer dem kurzen Seilendende unter der Glocke, die geläutet wird, wenn man der verstorbenen Seeleute gedenkt. Todesfürchtige Seeleute wissen so gut wie Theatermenschen: Das Scheitern kann immer drohen, auf hoher See und vor Publikum. Heute ist der Aberglaube im Theater oft nur noch eine alte Folklore, aber eine, mit der sich das Theater gegen den Einbruch der profanen Alltäglichkeit wehrt. Und eine, die für die Bühne Ritual und Magie beschwört und für die Beteiligten den Zusammenhalt.

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