Samstag, 15.12.2018
 
Seit 13:10 Uhr Themen der Woche
StartseiteEine WeltEndzeitstimmung in Simbabwe31.03.2007

Endzeitstimmung in Simbabwe

Mitte März verhaftete das Mugabe-Regime Zimbabwes wichtigsten Oppositionsführer, und seitdem ist Lage im Land angespannter denn je. Das setzt die Nachbarstaaten im südlichen Afrika unter Druck, in ihrer Zimbabwe-Politik aktiver als bisher zu werden. Die Einmischung von Europäern und Amerikanern empfinden sie allerdings als erhobenen Zeigefinger, und setzten statt dessen lieber auf stille Diplomatie, allen voran Südafrikas Präsident Thabo Mbeki. Über seine Motive berichtet aus Johannesburg Corinna Arndt. Und sie schildert das Schicksal der geschätzten ein bis drei Millionen Flüchtlinge, die aus Simbabwe nach Südafrika geflüchtet sind.

Simbabwes Präsident Robert Mugabe (AP)
Simbabwes Präsident Robert Mugabe (AP)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast

Das Fenster im fünften Stock ist leicht geöffnet. Aus der Straßenschlucht tief unten dringt grollend der Verkehrslärm herauf. Es regnet seit den frühen Morgenstunden. Der Himmel ist so grau wie der Asphalt.

Solomon, ein 31-jähriger Familienvater aus der Stadt Bulawayo rutscht immer tiefer in seinen Stuhl. Er erzählt von seiner Heimat Simbabwe, die er im Dezember verlassen hat. Davon, wie er jahrelang im Auftrag des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen Lebensmittel an die arme Landbevölkerung verteilt hat. Bis Mugabes Schergen ihn zwingen wollten, all jene hungern zu lassen, die angeblich die politische Opposition unterstützten. Solomon weigerte sich, wurde bedroht, kündigte. Und machte sich auf die Flucht ins Nachbarland Südafrika. Allein, mit umgerechnet 40 Euro in der Tasche. Seine Familie musste er zurücklassen.

"Ich hatte nie mit dem Gedanken gespielt, mein Land zu verlassen. Ich wollte es zu retten. Aber dann habe ich einfach keine neue Arbeit gefunden. Und ohne ein Einkommen kann ich meine Familie nicht über Wasser halten, keine Miete bezahlen, kein Essen. Die Idee war, nach Südafrika zu gehen, hier einen Job zu finden und dann regelmäßig Geld nach Hause zu schicken. Aber bis heute habe ich nichts gefunden. Ich glaube nicht, dass ich es schaffen werde. Es ist schwierig hier. Wirklich schwierig."

Solomon sitzt im Büro einer Hilfsorganisation für simbabwische Flüchtlinge in der Johannesburger Innenstadt. Bis zum berüchtigten Stadtteil Hillbrow sind es nur wenige Minuten zu Fuß. Hillbrow gilt in Südafrika wegen seiner hohen Kriminalitätsrate als so genannte "No-Go-Area”. Viele Gebäude stehen leer, und dienen nun als Auffangbecken für Immigranten aus ganz Afrika. Auch Solomon wohnt in Hillbrow, in einem Zimmer mit acht weiteren Männern. Mit einem teilt er sich das Bett. Alle sind sie illegal im Land, ohne Aussicht auf staatliche Unterstützung und in ständiger Angst davor, von der Polizei aufgegriffen und abgeschoben zu werden.

Solomon steht die Unruhe ins Gesicht geschrieben. Fragt man ihn nach seiner Flucht, schweigt er. Seine Hände streichen rastlos über den Tisch, die Finger verkeilen sich ineinander, er beißt sich auf die Unterlippe.

"Ich habe mich über Botswana durchgeschlagen, statt durch den Limpopo nach Südafrika zu schwimmen. Wir hören immer, wie Leute dort ertrinken oder von Krokodilen gefressen werden. Ich wollte nicht mein Leben riskieren und dachte, Botswana sei einfacher. Aber da lag ich so was von falsch. Ich möchte ehrlich gesagt nicht darüber reden, ich will nicht mehr daran denken. Es war keine schöne Erfahrung."

Seit Solomon in Johannesburg angekommen ist, erreichen ihn vereinzelt Nachrichten aus der Heimat: Seine Tochter werde am 9. Februar ein Jahr alt, erinnert seine Frau in einem Brief. Robert Mugabes Sicherheitskräfte gingen immer brutaler gegen Demonstranten vor, sagt der Nachrichtensprecher im südafrikanischen Fernsehen. Die Wirtschaft befinde sich im freien Fall, die Inflation sei außer Kontrolle. Und seit ein paar Tagen kosten vier Stück Seife so viel wie Solomons monatliche Miete für das Dreizimmerhaus seiner Familie.

Auf der Straße und selbst in den eigenen Reihen der simbabwischen Regierungspartei Zanu-PF wächst der Druck auf den mittlerweile 83-jährigen Robert Mugabe, endlich abzutreten. Doch der klammert sich verbissen an die Macht, sagt Nicholas Mkaronda von der Simbabwischen Krisenkoalition:

"Wir wissen alle, dass Mugabe die Wahlen in das Jahr 2008 vorziehen will, um bis 2014 an der Macht zu bleiben. Er will offensichtlich im Amt sterben. Was wir jetzt brauchen ist ziviler Ungehorsam. Wir müssen uns versammeln, obwohl die Regierung es verbietet. Wir müssen demonstrieren, obwohl Demonstrationen illegal sind. Wir müssen das Land unregierbar machen für ein Regime, dass das Vertrauen seines eigenen Volkes verloren hat."

Ziviler Ungehorsam sei in Simbabwe bereits an der Tagesordnung, sagt der Aktivist Mkaronda, selbst wenn darüber meist nichts in den lokalen Medien zu lesen sei. Die Gewerkschaften in Simbabwe planen einen Generalstreik; und die politische Opposition scheint entschlossen, sich diesmal nicht einschüchtern zu lassen.

Eine ähnliche Einstellung will Mkaronda auch bei der breiten Masse ausgemacht haben. Erst kürzlich war er in Simbabwe unterwegs:

"Die Menschen sagen: Wenn wir demonstrieren sind wir tot, und wenn wir zu Hause bleiben sind wir auch tot. Wenn man an diesem Punkt ist und nichts mehr zu verlieren hat, ist man bereit aufzubegehren."

Einer der schärfsten Kritiker Mugabes ist der katholische Erzbischof von Bulawayo, Pius Ncube. Auch ihm steht die Erschöpfung ins Gesicht geschrieben. In der Hand hält er einen Zettel mit Notizen. Unzählige Male auseinander und wieder zusammen gefaltet. Unzählige Male die Botschaft an Journalisten weiter gegeben in der Hoffnung, das Schicksal der Menschen in Simbabwe in die Welt zu tragen:

"Die Lage ist sehr, sehr schmerzlich. Die Menschen wissen nicht mehr, was sie tun sollen. Deshalb haben bereits 3,5 Millionen das Land verlassen. Mugabe muss verschwinden. Und zwar sofort. Wir haben seinen verdammten Nonsens satt. Wir brauchen jetzt Leute, die bereit sind, sich den Gewehren zu stellen."

Wie viele andere wünscht sich auch Ncube ein deutlicheres Signal der Unterstützung von den Regierungen Afrikas. Besonders der südafrikanische Präsident Thabo Mbeki steht für seine Strategie der "Stillen Diplomatie" seit langem unter Beschuss. Seine Kritiker halten diese Strategie ohnehin für gescheitert. Doch selbst bei den Mitgliedgliedsstaaten der Entwicklungsgemeinschaft Südliches Afrika wächst die Ungeduld. Beauftragt von den Nachbarländern soll Thabo Mbeki nun zwischen Regierung und Oppositionskräften in Simbabwe vermitteln. Mit welchem Erfolg, das wird auch davon abhängen, wie viel Druck die afrikanischen Staaten auf Mugabe auszuüben bereit sind. Südafrika jedenfalls habe großes Interesse an einer friedlichen Lösung des Konflikts, sagt Chris Maroleng, Simbabwe-Experte am Institut für Sicherheitsstudien in Pretoria - allein schon im Hinblick auf die Fußballweltmeisterschaft 2010:

"Falls Simbabwe völlig zusammenbricht, dann würde Südafrika von Flüchtlingen überschwemmt werden. Eine unserer größten Sorgen ist, dass ein kollabierendes Simbabwe die gesamte Region destabilisieren könnte."

Während die Diplomaten noch ihre Worte abwägen, macht sich der nach Südafrika geflüchtete Solomon auf den abendlichen Heimweg nach Hillbrow. Und hofft, unterwegs nicht von der Polizei verhaftet zu werden.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk