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StartseiteSport AktuellBlamable Auftritte der "Nationalmannschaft"20.03.2018

Englandreise 1896Blamable Auftritte der "Nationalmannschaft"

Die erste Englandreise einer angeblichen deutschen Auswahl wurde zum Skandal. In England wurden die krachenden Niederlagen belächelt, in Deutschland gab es anschließend einen Sturm der Entrüstung. Denn die angebliche Auswahl war gar keine.

Von Klaas Reese

Exponat im Deutschen Fußball-Museum in Dortmund: zeitgenössische Reisebroschüre (firo Sportphoto)
Exponat im Deutschen Fußball-Museum in Dortmund: zeitgenössische Reisebroschüre (firo Sportphoto)
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1896, nur wenige Jahre nachdem die ersten Fußballvereine in Deutschland gegründet wurden, erlebte der deutsche Fußball seinen ersten großen Skandal, der vor allem in den Sportzeitungen der Zeit für große Aufregung sorgte:

"Mit welchem Rechte sich diese Spieler aber Vertreter der Fußballspieler Deutschlands nennen, das ist freilich ein Rätsel…"

"46 Goals in 4 Spielen ist sicher eine Schmach für eine Mannschaft."

"wobei wie bekannt die "deutsche Mannschaft" eine so klägliche Rolle spielte"

"Wenn das wahr sein sollte, scheint es so, als ob sich jemand einen ziemlich schlechten Scherz erlaubt hätte und damit dem Kaiser eine ernste Ungerechtigkeit widerfahren sei."

Was war geschehen? Grund für die Aufregung war die erste Englandreise einer deutschen Fußballmannschaft.

"krachende Niederlagen"

Am 31.August 1896 reisten Fußballer des Duisburger Turnvereins auf Einladung mit dem Zug nach Flushing in den Niederlanden, um dann mit dem Dampfschiff über Nacht zum Queenborough Pier westlich von London zu fahren. Nach der Reise mit dem luxuriösen und nagelneuen Nachtdampfer "Konigin Regentes" der "Zeeland Steamboat Company" hatten die Fußballer vier Spiele verabredet.

Gegen zwei Teams der 1.Division der Southern League, also der dritten englischen Liga, setzt es zwei deutliche Niederlagen. Der London Evening Standard notiert am 3. September 1896:

"Die Mannschaft des Deutschen Fußballverbandes, die am Dienstag böse in Sheerness geschlagen wurde, hat gestern das zweite Match seiner Tour in Chatham gespielt, wo sie wiederum eine krachende Niederlage hinnehmen mussten. Dieses Mal mit nicht weniger als 15 zu 0 Toren."

"Aufklärung in der englischen Presse"

Auch die zwei weiteren Spiele gingen deutlich verloren, weshalb in Deutschland die Aufregung groß war, weil deutsche Fußballfunktionäre den Ruf des deutschen Fußballs in Gefahr sahen. "Spiel und Sport", die Verbandszeitschrift des "Deutschen Fußball- und Cricket Bundes", schreibt unter der Überschrift "Eine dunkle Geschichte":

"Für die schmählichen Niederlagen […] wird unter diesen Umständen kein rechtdenkender Sportsman auch nur einen Funken von Mitleid verspüren. Das schlimme aber ist, dass es unsere deutschen Clubs misscreditieren wird, jedoch wird von uns für eine genügende Aufklärung in der englischen Presse gesorgt werden."

An 50 englische Sportzeitschriften werden Gegendarstellungen geschickt. In der Zeitschrift "The Sportsman" wird der Brief des bekannte Fußballfunktionärs Fred Manning abgedruckt, der klarstellt:

"Die Deutsche Fußballmannschaft, die durch England getourt ist, stellt unter keinen Umständen eine starke deutsche Auswahlmannschaft dar."

Englische Ingenieure in der deutschen "Nationalmannschaft"

Die Mannschaft, die in England 46 Tore in vier Spielen kassierte kehrt wieder mit dem Luxusdampfer, der auf einer zeitgenössischen Reisebroschüre zu sehen ist, in die Heimat zurück. Das zeigt, dass nicht, wie viele denken, Arbeiter sondern wohlhabende Bürger den Fußball im Ruhrgebiet etablieren. Der spätere Malocherfußball entstand also als bürgerliches Spiel auf dem Rasen.

Die Reise des Duisburger Turnvereins kam höchstwahrscheinlich auf Initiative von englischen Ingenieuren zustande, die für das Siemens Kabelwerk in Woolwich in London arbeiten und zeitweilig im Duisburger Kabelwerk angestellt sind.

So kommt es, dass sogar zwei englische Ingenieure Teil der deutschen Mannschaft sind, die als vermeintliche deutsche Nationalmannschaft nach England reist und dank ihrer hohen Niederlagen gegen Amateurteams für den ersten Skandal des deutschen Fußballs sorgt.

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