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StartseiteDie neue PlatteMozart unter Starkstrom23.02.2020

Ensemble ResonanzMozart unter Starkstrom

Riccardo Minasi und das Ensemble Resonanz widmen sich auf ihrer neuen CD den letzten drei Sinfonien von Wolfgang Amadeus Mozart. Sie offenbaren dabei die Kontraste und das dramatische Potenzial der Musik. Für unseren Kritiker einer der "aufregendsten Mozart-Beiträge unseres noch jungen Jahrtausends".

Am Mikrofon: Marcus Stäbler

Schwarz gekleidete Musiker in Abendgarderobe stehen und sitzen mit ihren Instrumenten vor einem Fabrikgebäude (Tobias Schult)
Das Ensemble Resonanz ist "Ensemble in Residence" der Elbphilharmonie Hamburg (Tobias Schult)

Musik: Wolfgang Amadeus Mozart, Sinfonie Es-Dur Nr. 39, 1. Satz

Kantig und spannungsvoll beginnt die neue Mozart-Aufnahme. So packend wie hier hat man die Einleitung zur Es-Dur-Sinfonie Nr. 39 vielleicht noch nie gehört. Die Musik bekommt bei Riccardo Minasi und dem Ensemble Resonanz eine dramatische Intensität, als wäre sie nicht für den Konzertsaal, sondern für die Opernbühne komponiert.

Musik: Wolfgang Amadeus Mozart, Sinfonie Es-Dur Nr. 39, 1. Satz

Das Orchester spielt mit schlankem, vibratoarmem Klang und gibt manchen Passagen so eine grelle Leuchtkraft. Doch schon wenige Takte später wandelt sich das Bild. Mit dem Beginn des Allegro und einem sanglichen Thema der Geigen. Es strömt mild und duftig wie eine Frühlingsmelodie, beantwortet vom weichen Ruf der Hörner.

Musik: Wolfgang Amadeus Mozart, Sinfonie Es-Dur Nr. 39, 1. Satz

Präzision und Lust am Kontrast

Der galopphafte Rhythmus des Tutti, das Wispern der Streicher oder die zärtliche Geste der Holzbläser: jedes neue Motiv, jeder Farbwechsel bekommt einen dramaturgischen Sinn und macht die Interpretation lebendig. Diese Lust am Kontrast prägt die ganze Aufnahme, ebenso wie ihre große Sorgfalt und Präzision.

Musik: Wolfgang Amadeus Mozart, Sinfonie Es-Dur Nr. 39, 1. Satz

Riccardo Minasi, Gründer des Barockorchesters Il pomo d’oro und seit 2017 Chefdirigent des Mozarteumorchesters in Salzburg, wirkt auf der Bühne wie ein menschgewordenes Energiebündel. Aber dieses Feuer und die Spontaneität sind nur eine Facette seiner Handschrift. Sie erwachsen aus einer tiefen Kenntnis der Partituren und ihres ästhetischen Umfelds. Minasi hat lange Zeit selbst als Geiger und Konzertmeister in Ensembles wie Il Giardino Armonico oder Concerto Italiano gespielt, er kennt die Quellen und das instrumentale Handwerk der historischen Aufführungspraxis aus dem Effeff. Diese reiche Erfahrung und seine skrupulöse Auseinandersetzung mit dem Notentext sind auch den Mozart-Aufnahmen anzumerken, etwa in der feingliedrigen Artikulation aller Stimmen und in der Transparenz des Klangbilds.

Musik: Wolfgang Amadeus Mozart, Sinfonie Es-Dur Nr. 39, 2. Satz

Eine Musik von sanfter Heiterkeit. Doch dann färbt Mozart die sonnige Melodie im zweiten Satz der Sinfonie Nr. 39 einmal unerwartet nach Moll, und dieser Moment wird bei Riccardo Minasi und dem Ensemble Resonanz zu einer subtilen Sensation.

Musik: Wolfgang Amadeus Mozart, Sinfonie Es-Dur Nr. 39, 2. Satz

Drive und Körperlichkeit einer Rockband

In kleinen Überraschungen wie diesem geflüsterten Pianissimo offenbart sich die Liebe zum Detail, die die Aufnahme auszeichnet. Sie vereint die Sorgfalt mit einer mitreißenden Musizierlust. Temperament und Leidenschaft gehören seit der Gründung vor über 25 Jahren zur DNA des Ensemble Resonanz. In der Mozart-Aufnahme treten diese Eigenheiten besonders deutlich zu Tage, weil Riccardo Minasi die Orchestermitglieder noch zusätzlich anspornt und ermutigt, an Grenzen zu gehen. Im Finale aus der späten Es-Dur-Sinfonie von Mozart entfachen die Interpreten einen rhythmischen Drive und eine Körperlichkeit im Klang, wie man sie eher bei Rockbands als bei einem klassischen Ensemble erwarten würde.

Musik: Wolfgang Amadeus Mozart, Sinfonie Es-Dur Nr. 39, 4. Satz

Mozart wie unter Starkstrom gespielt. Riccardo Minasi und das Ensemble Resonanz bewegen sich auf einem Energielevel, das neue Maßstäbe setzt. Daran reicht kaum eine andere Einspielung heran. Vom Mozart-Bild eines Karl Böhm oder Herbert von Karajan ist die Aufnahme Lichtjahre entfernt. Und selbst die Lesart des von Minasi sehr geschätzten Nikolaus Harnoncourt wirkt dagegen heute fast etwas brav. Dazu ein kurzer Vergleich vom Beginn der großen g-Moll-Sinfonie Nr. 40. Hier zunächst ein Ausschnitt aus Harnoncourts Aufnahme mit dem Concentus Musicus aus dem Jahr 2013.

Musik: Wolfgang Amadeus Mozart, Sinfonie g-Moll Nr. 40, 1. Satz

Das Ensemble Resonanz spielt den Satz nicht nur in höherer Stimmung, sondern auch mit einem ganz anderen Pulsschlag, als würde die Musik von einer inneren Unruhe voran gedrängt.

Musik: Wolfgang Amadeus Mozart, Sinfonie g-Moll Nr. 40, 1. Satz

Die Hornisten und Trompeter blasen auf historischen Instrumenten, sie haben im Forte einen rauen und leicht geräuschhaften Klang. Dadurch bekommen ihre Einsätze eine ganz andere Wucht und Präsenz, sie unterstreichen den aufgewühlten Charakter der Musik in der düsteren Tonart g-Moll, bei Mozart oft mit dem Ausdruck von Schmerz und Leidenschaft verbunden.

Musik: Wolfgang Amadeus Mozart, Sinfonie g-Moll Nr. 40, 1. Satz

Riccardo Minasi und das Ensemble Resonanz treiben den fiebrigen Ausdruck auf die Spitze. Und trotzdem wirkt ihre Interpretation nicht aufgesetzt oder manieriert. Weil sie immer aus der Musik selbst erwächst, und weil Minasi im Gesamtbild des Werks eine ausgewogene Balance findet. Als Gegengewicht zum Vorandrängen und zur Zerrissenheit im Kopfsatz bringt das anschließende Andante eine Atmosphäre der Ruhe und der friedlichen Melancholie, ohne auf der Stelle zu treten.

Musik: Wolfgang Amadeus Mozart, Sinfonie g-Moll Nr. 40, 2. Satz

Kosmischer Klangraum und angetrunkene Straßenmusiker

Mit dieser Musik dringt Mozart, dringt auch die Aufnahme in emotionale Schichten vor, die es so vorher in der Wiener Klassik kaum gab. Mit seinem oft wie schwerelos schwebenden Gesang eröffnet der Satz eine neue Dimension des Ausdrucks. Wenn Minasi die punktierten Motive der Holzbläser in ein traumzartes Pianissimo abdämpft und auf sanft gestreichelte Klänge der Streicher bettet, scheint kurz die Zeit still zu stehen. Hier geht der Dirigent im Tempo noch eine Spur zurück und findet einen geradezu kosmischen Klangraum, als würde er zugleich in die Weiten des Weltalls und in die inneren Regungen der Seele blicken.

Musik: Wolfgang Amadeus Mozart, Sinfonie g-Moll Nr. 40, 2. Satz

Riccardo Minasi ergründet mit dem Ensemble Resonanz die anrührenden und die zärtlichen Momente der Musik, ihren Schmerz und ihre Verletzlichkeit, aber auch die unbändige Kraft und ihren Humor. Der tritt vor allem im Menuett aus Mozarts "Jupiter"-Sinfonie deutlich zu Tage. Dort lässt Minasi den Dreiertakt teilweise ziemlich derbe stampfen und manche Töne ein bisschen angleiten. Der höfische Tanz wirkt wie von leicht angetrunkenen Straßenmusikern gespielt.

Musik: Wolfgang Amadeus Mozart, Sinfonie C-Dur Nr. 41, 3. Satz

Wolfgang Amadeus Mozart verbindet die verschiedenen Stilebenen, verbindet volkstümliche Einschläge und die Raffinesse der komponierten Kunstmusik so virtuos wie kaum ein anderer. Dieses Miteinander von Bauch und Kopf, von Geist und Witz bildet die neue Aufnahme plastisch ab. Auch im Finale aus der "Jupiter"-Sinfonie, das verschiedene Themen kunstvoll überlagert und die Fugentechnik des Barock mit dem Esprit der Klassik vereint. Minasi und seine Kollegen lassen uns staunen: über den Reichtum dieser Musik, die trotz ihrer kontrapunktischen Komplexität nie akademisch wirkt, sondern immer frisch und farbig bleibt. In einer Einspielung, die für meine Ohren zu den aufregendsten Mozart-Beiträgen unseres noch jungen Jahrtausends gehört.

Musik: Wolfgang Amadeus Mozart, Sinfonie C-Dur Nr. 41, 4. Satz

Das Finale der "Jupiter"-Sinfonie von Mozart in einer Aufnahme mit dem Ensemble Resonanz unter Leitung von Riccardo Minasi. Sie erscheint am 28. Februar als Doppel-CD bei Harmonia Mundi mit den letzten drei Mozart-Sinfonien Nummer 39-41.

Wolfgang Amadeus Mozart
Sinfonien Nr. 39, 40 & 41 "Jupiter"
Ensemble Resonanz
Leitung: Riccardo Minasi
Harmonia Mundi HMM 902629.30 (2CD)

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