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StartseiteCampus & KarriereTauschbörse für pflegende Angehörige11.04.2019

Entlastung durch OnlineplattformTauschbörse für pflegende Angehörige

Die Pflege älterer Angehöriger kann belastend sein – besonders, wenn diese weit weg wohnen. Abhilfe soll eine Tauschbörse schaffen, die Kontakte vor Ort vermittelt. Bei bestehendem Vertrauen kann die Betreuung übertragen werden. Allerdings gibt es noch Startschwierigkeiten.

Von Thomas Samboll

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Altenpflege zuhause (imago/Jochen Tack)
Das Projekt "Angehörige im Tausch" bietet pendelnden pflegenden Angehörigen eine Chance (imago/Jochen Tack)
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Von Wentorf bei Hamburg bis nach Magdeburg sind es auf dem schnellsten Weg fast 300 Kilometer. Katrin Blanck-Köster ist diese Strecke zweimal pro Woche gefahren, hin und zurück, drei Jahre lang. Aus Sorge um ihre über 80-jährige Mutter, die im fernen Sachsen-Anhalt zunehmend Hilfe brauchte. Für Katrin Blanck-Köster war das Stress pur:

"Ich bin voll berufstätig, habe zwei Kinder. Das ist für die Familie belastend. Für mich körperlich. Man wird krank wirklich. Man ist immer in Sorge eigentlich. Nicht zu wissen: Isst meine Mutter, trinkt meine Mutter, ist meine Mutter gestürzt? Ich hätte mir in den letzten Jahren sehr gewünscht, dass jemand in der Nähe gewesen wäre, dem ich vertrauen kann, der oder die zu Mutter einmal geschaut hätte, mit ihr kleine Aktivitäten unternommen hätte."

In so einer Situation soll nun "AniTa" helfen. "AniTa" ist das Kürzel für das Projekt "Angehörige im Tausch" der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg. Dahinter verbirgt sich eine Idee, die verblüffend einfach erscheint und jede Menge Erleichterung verspricht: Über eine Plattform der Hochschule können entfernt lebende Angehörige kostenlos miteinander Kontakt aufnehmen und quasi die Betreuungen tauschen - Katrin Blanck-Köster zum Beispiel mit einem Menschen in Sachsen-Anhalt, der regelmäßig zum Besuch seines Vaters oder seiner Mutter nach Hamburg pendeln muss. Projektleiterin ist die Professorin und Demenzforscherin Susanne Busch:

"Das ist nicht so, dass jemand klingelt, ich rufe an, so Mutti, morgen kommt Herr Huber vorbei und mach mal auf, der kümmert sich um Dich. Sondern wir sagen: Da ist ein junger Mensch oder relativ junger Mensch, und in dem anderen Ort ist ein Mensch. Und dann klären wir ab, ob die sich telefonisch treffen wollen oder ob man tatsächlich einen Treffpunkt in einem Cafe vor Ort vereinbart. Und das ist dann erst das Kennenlernen. Und dann entscheiden die beiden sich: Was ist denn überhaupt möglich? Was lässt meine Mutter, mein Vater zu? Derjenige, der für seinen älteren Menschen sowas sucht, entscheidet: Wann gebe ich die Adresse preis, und wann stelle ich den Angehörigen vor?"

Persönliche Daten erst nach Einwilligung

Wer "AniTa" nutzen will, gibt auf der Startseite nur seine Postleitzahl, Email-Adresse und/oder Telefonnummer an. Mehr nicht, aus Datenschutzgründen. Also auch keinerlei Infos zu dem Angehörigen, um den es geht. Das alles besprechen die Suchenden nur persönlich miteinander – und mit den zu betreuenden Senioren. Denn, so die Gesundheitsexpertin Joanna Batista von der Verbraucherzentrale Kiel:

"Letztlich müssen wir uns vergegenwärtigen, dass die Angehörigen diejenigen sind, die natürlich auch für das Ganze bereit sein müssen. Die werden ja jemand ins Haus lassen müssen, der fremd ist. Und das ist natürlich auch erst mal ein Schritt, den muss man zulassen. Aber wenn das alles vorhanden ist, dann sollte man einen Versuch starten und dem ganzen eine Chance geben!"

Unterstützung durch professionelle Beratung

Vertrauen schaffen, Ängste abbauen – das sind die Hauptaufgaben für die Wissenschaftler, wenn es mit "AniTa" klappen soll. Deshalb stünden sie den potenziellen Tauschpartnern auch mit Rat und Tat zur Seite, betont Susanne Busch:

"In dieser Erprobungsphase versuchen wir, immer dabei zu sein, wenn einer das wünscht. Sie können uns anrufen, wir können über Email in Kontakt sein, wir schicken Ihnen jemand vorbei. Dazu haben wir Kooperationspartner in ganz Deutschland von der Alzheimer-Gesellschaft, von der Kirche, von der Caritas, von der Diakonie, dass die das erste Treffen mit begleiten, dass sie dabei sind. Dass wir sagen: Wir kommen auch beim zweiten und dritten Treffen noch dazu."

Wenn es gut läuft, will die Hochschule die Plattform auch über das Projektende hinaus weiterführen. "AniTa" soll dabei keinesfalls den professionellen Pflegedienst ersetzen, betont Susanne Busch. Es gehe vielmehr darum, den betreffenden Senioren hin und wieder ein bisschen Gesellschaft zu leisten und dabei im Blick zu behalten, ob sie im Alltag noch alleine klarkommen. Noch gäbe es aber nicht genug Anmeldungen, als dass sich schon Tauschpartner gefunden hätten. Trotzdem ist Katrin Blanck-Köster dabei:

"Ich glaube, dass die Tauschbörse ein solcher Schatz sein kann für alle Beteiligten und für meine geschundene Seele und meinen Körper, der wirklich stark belastet ist!"

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