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StartseiteForschung aktuellSoziale Evolution als Auslöser für Götterglaube21.03.2019

Entstehung der ReligionSoziale Evolution als Auslöser für Götterglaube

Forscher haben interdisziplinär untersucht, ob Menschen aufgrund ihres Glaubens begannen, sozial zu handeln. Doch erst ab einer Million Mitglieder entwickelte sich in einer Gesellschaft überhaupt ein moralisches Glaubenssystem. Allerdings spielte Religiosität auch schon bei kleineren Gruppen eine Rolle.

Von Volkart Wildermuth

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Eine Reihe von Dämonen-Statuen entlang der Balustrade vor dem Südtor von Angkor Thom in Kambodscha (imago/imagebroker)
Moralische Glaubenssysteme seien keine Voraussetzung für komplexe Gesellschaften, scheinen sie aber weiter zu stabilisieren (imago/imagebroker)
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Die breite menschliche Kooperationsbereitschaft ist für Evolutionsbiologen ein Rätsel, schließlich sollten Egoisten die meisten Nachkommen hinterlassen. Eine Lösung hat der kanadische Psychologe Ara Norezayan in seinem Buch "Big Gods", "Große Götter" vorgeschlagen:

"Wäre es nicht möglich, dass der Glaube an mächtige, strafende Götter dafür sorgt, dass die Menschen sozialer handeln und selbst mit Fremden zusammenarbeiten, die an die selben Götter glauben?"

Erst dieses vom Glauben unterfütterte Sozialverhalten sollte dann den Aufbau komplexer Zivilisationen ermöglichen. Es gibt viele Einzelbefunde aus der Psychologie und der Archäologie, die diese These stützen. Aber handelt es sich hier wirklich um eine Art Gesetz der Geschichte? Ein Team aus Historikern, Soziologen und Informatikern ist dieser Frage mit Hilfe von Seshat angegangen. Seshat ist nicht nur die ägyptische Göttin der Buchhaltung und Bibliotheken, der Name steht auch für eine Datenbank, in der Wissen zu vergangenen Gesellschaften auf der ganze Welt nach einheitlichen Maßstäben abgespeichert ist:

"Dinge wie die Zahl der Menschen, die Größe des Landes. Gab es Schrift, Geld, ein Postsystem, Straßen, Bewässerung? Alles, was schon mal als Maßstab für die Komplexität einer Gesellschaft vorgeschlagen wurde. Und das kombinieren wir zu einem einzigen Messwert."

Erklärt Patrick Savage von der japanischen Keio Universität.

Entwicklung von Glaubenssystemen ab einer Million Gesellschaftsmitglieder

Für jede Gesellschaft konnte das internationale Team den Anstieg der sozialen Komplexität über die Jahrhunderte nachvollziehen. Und sie dann mit der Entwicklung der Glaubenssysteme abgleichen, die ebenfalls in den Seshat Daten verzeichnet sind. Dabei zeigte sich: der Anstieg der gesellschaftlichen Komplexität beginnt lange vor dem Glauben an strafende Götter. Die etablieren sich erst später:

"Überraschenderweise gab es ein klares Muster an ganz verschiedenen Orten zu ganz verschiedenen Zeiten: Sobald Gesellschaften eine Größe von etwa einer Million Mitgliedern erreicht hatten, entwickelte sich ein moralisches Glaubenssystem. Diese Form des Glaubens ist also keine Voraussetzung für komplexe Gesellschaften, aber sie scheint sie dann weiter zu stabilisieren"

In dieser Phase ihrer Entwicklung umfassen Großreiche viele Völker mit unterschiedlichen Traditionen. Alttestamentarische Religionen oder der Glaube an die Rache des Karmas dienten offenbar als eine verbindende Brücke über diese Unterschiede hinweg.

Regelmäßige Rituale als Identitätsstifter

In der Frühphase der Entwicklung einer Gesellschaft spielen dagegen andere Formen der Religiosität eine Rolle:

"Kleine Gesellschaften finden sich einmal im Jahr oder alle paar Jahre zu sehr intensiven Ritualen zusammen. Wenn die Gruppen größer werden, entwickeln sich einfachere Rituale, etwa ein wöchentliches Gebet. Das Regelmäßige scheint dabei zu helfen, größeren Gruppen eine gemeinsame Identität zu verschaffen. Der Akt des gemeinsamen Rituals hilft den Menschen bei der Zusammenarbeit. Es geht weniger um den spirituellen Inhalt als um das praktische Tun."

Das klingt nach einer überzeugenden Theorie. Allerdings darf man nicht vergessen, dass sich die Seshat Datenbank noch im Aufbau befindet. Jäger-Sammler- oder Viehzüchter-Gesellschaften sind kaum vertreten, betont Benjamin Purzycki. Der Ethnologe vom Leipziger Max Planck Institut für Evolutionäre Anthropologie hat gerade einen Artikel über die Glaubenssysteme dieser kleinen Gruppen veröffentlicht. Nach der Theorie von Patrick Savage sollten sie nur selten an moralische, strafende Götter glauben:

"Tatsächlich zeigen die ethnologischen Befunde genau das Gegenteil. Ihre Götter oder Geister bestrafen unmoralisches Verhalten, Dinge wie Mord, Diebstahl oder Betrug. Diese Datenbank ist ein großartiger Beginn, aber sie ist sicher nicht das letzte Wort in dieser Sache."

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