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Entstehung der Videokunst

Tragbare Kameras in den 60er-Jahren ermöglichten das Experimentieren mit Bewegtbildern und damit die Entwicklung der Videokunst. Das ZKM zeigt Arbeiten von Nam June Paik, der als Begründer der Videokunst gilt, Lawrence Weiner, Paul McCarthy, Jean-Luc Godard und Gerry Schum in der Ausstellung "Vidéo Vintage 1963–1983".

Von Helga Spannhake | 21.09.2012
    "Leben ist Kunst – Kunst ist Leben."

    Ob einfach Störgeräusche oder Künstler Paul McCarthy, der wieder und wieder auf die Kameralinse spuckt: Erste erschwingliche und tragbare Kameras in den 60er-Jahren machten das Experimentieren und damit die Entwicklung der Videokunst überhaupt erst möglich, so die Kuratorin der Ausstellung Christine van Assche:

    "So konnten die Künstler mit ihrer Kamera überall hingehen, sich in ihrem eigenen Studio zum Beispiel auch nackt filmen. Sie konnten in die Stadtzentren gehen und Passanten in ihre Videoarbeit einbeziehen. Niemand machte ihnen Vorschriften, was sie tun sollten und vor allem gab es keine Verbote."

    Nam June Paiks "Global Groove" aus dem Jahr 1972 ist legendär. Es propagiert die Vision eines weltweit zu empfangenden Künstlerfernsehens, nimmt außerdem die Ästhetik von Musikvideos vorweg. Überhaupt gilt Nam June Paik als Begründer der Videokunst und in der Ausstellung befinden sich seine Videos in illustrer Gesellschaft: Lawrence Weiner, Paul McCarthy, Jean-Luc Godard und Gerry Schum:

    "Das sind die bekannten Namen der Videokunstgeschichte der ersten 20 Jahre. Daher 'Video Vintage'. Vintage - le vin de lage, das heißt, der Wein, der gealtert ist, der schon gereift ist und von dem noch ein paar gute Flaschen übrig sind."

    So ZKM-Chefkurator Bernhard Serexhe. Allerdings mussten die Labore des ZKM den Werken erst zu neuem Glanz verhelfen, indem sie frisch digitalisiert wurden:

    "Das war absolut notwendig als wir den Zustand der Filme in der Pariser Ausstellung gesehen haben. Die wurden von Paris aus 2001 digitalisiert. Das liegt für uns schon Lichtjahre zurück."

    Abgespielt werden die Videos der 60er-, 70er- und 80er-Jahre wiederum akustisch stilecht auf rauschig-klingenden Fernsehgeräten der jeweiligen Zeit.

    "I am Bill Wegman and pretty match known for my work with weimeraners over the years.”"

    William Wegman - auch eine bekannte und originelle Figur der Videokunstszene: In "Spelling Lession" gibt er seinem Weimaraner Hund Man-Ray eine Rechtschreibstunde. Durchaus parodistisch orientiert, gehören Wegmans Arbeiten in der Ausstellung zum Themenbereich eins der dreiteiligen Schau: "Performance und filmisches Selbstportrait". Für den ZKM-Chef Peter Weibel ist vor allem der zweite Themenbereich, der sich mit der sozialen Erforschung von Videosprache beschäftigt, wichtig:

    ""Sei es durch Video, sei es durch Fernsehen – von Jean-Luc Godard bis hin zu Gerry Schum. Der Versuch sozusagen, das Massenmedium zu individualisieren durch den individuellen Gebrauch des Künstlers, was dann vorweggenommen hat auch die Massenbewegung, die wir heute haben, YouTube. Das heißt, heute kann jeder im Netz seine Kreativität unter Beweis stellen."

    "Jeder Mensch ist Künstler. Jeder Mensch ist ein Kreativer."

    Joseph Beuys sitzt im Video von Gerry Schum vor einem Fernseher und boxt auf den Bildschirm ein.

    "Haltungen, Formen, Konzepte" ist der dritte Raum der Ausstellung betitelt und auch hier wird klar, dass die Grenzen der Videokunst fließend sind. Die beim Experimentieren eingesetzten Spezialeffekte führten zu einer neuen Bildsprache – die beeinflusste wiederum die moderne Malerei, so Peter Weibel:

    "Also, diese Sachen, die man heute in der Malerei sieht, diese Unschärfeeffekte, diese Überlagerungen, das kommt nicht aus der Malerei selber. Überblende und Unschärfe, das waren alles gängige Mittel der Videokunst und das hat neue Sehgewohnheiten etabliert und diese Sehgewohnheiten haben dann auch die Maler übernommen."

    Im ZKM wartet man nun auf zahlreiche interessierte Besucher und Peter Weibel hofft:

    "Dass die Jugend, so wie in Paris, das wiederentdeckt, einen Archipel, eine gewissermaßen versunkene Kultur, weil ja diese Werke nicht laufend zu sehen sind. Sie gehören nicht zum Standardprogramm von Museen."