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StartseiteKultur heuteEr ist Intendant, sie Souffleuse18.03.2019

Equal Pay Day am TheaterEr ist Intendant, sie Souffleuse

Aus Anlass des Equal Pay Days hat der Geschäftsführer des Deutschen Bühnenvereins, Marc Grandmontagne, eine ungleiche Bezahlung an deutschen Theatern eingeräumt. Führungsrollen würden immer noch meist von Männern übernommen, schlechter bezahlte Aufgaben von Frauen, sagte Grandmontagne im Dlf.

Marc Grandmontagne im Gespräch mit Michael Köhler

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Marc Grandmontagne steht vor einer Wand im Deutschlandfunk (Deutschlandradio/Jochen Hubmacher)
Es scheine ein ganzes Bündel von Gründen und von Rahmenbedingungen zu geben, die das Problem der ungleichen Bezahlung verursachten, sagte Marc Grandmontagne im Dlf (Deutschlandradio/Jochen Hubmacher)
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Michael Köhler: Justizministerin Katarina Barley hat gerechtere Einkommen für Frauen gefordert, um die Benachteiligung bei gleicher Arbeit abzuschaffen. Während der Lohnunterschied zwischen Frauen und Männern in Europa 16 Prozent beträgt, sind es in Deutschland 21 Prozent. Der "Equal Pay Day" ist der internationale Aktionstag für Entgelt-Gleichheit und markiert den Tag, bis zu dem Frauen über den Jahreswechsel hinaus arbeiten müssten, um rein rechnerisch auf das durchschnittliche Jahresgehalt ihrer männlichen Kollegen zu kommen. Wir haben Marc Grandmontagne, den Geschäftsführer des Deutschen Bühnenvereins gefragt:

Wie und wo schlägt sich ungerechte Bezahlung von weiblichen Theatermitarbeitern nieder?

Marc Grandmontagne: Also da müssen wir zunächst differenzieren. Was man erst mal positiv sagen kann ist, dass für die kollektive Orchester-, Chor- und Tanzgruppe durch den Tarifvertrag eine gleiche Bezahlung gewährleistet ist. Das heißt, da gibt es also bestimmte Einkommensstufen. Die gelten unabhängig vom Geschlecht. Und dann haben wir natürlich die Mindestgage. Die gilt mit 2.000 Euro auch ohne Unterschied zwischen Mann und Frau. – Das sind erst mal die festen Zahlen.

Der Bereich, der dann verbleibt, ist dem NV Bühne zuzurechnen, also für die solistischen künstlerischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Da haben wir keine wirklich aussagekräftigen Zahlen. Allerdings sind wir auch nicht so arrogant zu glauben, dass die Probleme, die für den Rest der Gesellschaft gelten, da nicht zu finden seien. Ich glaube, in dem Bereich haben wir einen Gender Pay Gap.

Für Solisten wird frei verhandelt

Köhler: Sie sagen, es muss differenziert werden. Das leuchtet ein. Es gibt Chor, es gibt Orchester, es gibt Technik, es gibt Maske, Requisite, Verwaltung, Ensemble, Werkstätten und so weiter. Wird da nach Bühnenpersonal und Künstlerkollektiven unterschieden?

Grandmontagne: Ja, und zwar aufgrund des Tarifvertrages. Also der Tarifvertrag für die Kulturorchester bezieht sich auf die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Orchester, und dann gibt es eben auch noch die Kollektivverträge für den Chor und für die Tanzgruppe. Da ist eben wie gesagt das Einkommen festgeschrieben. Und im Bereich des NV Bühne wird es frei verhandelt für den Solist. Das heißt, da haben wir keine Kategorien, an denen man sich orientiert, sondern da geht es dann am Ende um Erfahrungen, um Ausbildung und um die Verhandelbarkeit, und da ist auch anzumerken beziehungsweise zu vermuten, dass hier ungleiche Bedingungen herrschen.

Köhler: NV heißt Normalvertrag?

Grandmontagne: So ist es.

Köhler: Wo werden denn Frauen benachteiligt durch Teilzeit, Erziehungszeiten, Karriereknick und Ähnliches?

Grandmontagne: Das ist keine einfache Frage. Es scheint ein ganzes Bündel von Gründen und von Rahmenbedingungen zu geben, die dieses Problem verursachen. Also wenn man sich die Statistik nackt anguckt, muss man erst mal konstatieren, dass im Schnitt die Führungsaufgaben immer noch eher männlich dominiert sind, und viele Berufe, die eher, sagen wir mal, schlechter bezahlt sind, von Frauen bekleidet werden.

Ein aktuelles Beispiel aus der Kulturratsstudie vom Jahr 2013/14 – ist schon ein bisschen her, weil neuere Zahlen gibt es im Moment da nicht: Die Bühnenleitungen bestehen immer noch zu 80 Prozent aus Männern. Die Souffleusen hingegen bestehen zu 80 Prozent aus Frauen. Also da hat man schon mal einen kleinen Vergleich.

Frauen stecken wegen Familie zurück

Der zweite Punkt ist, dass nach all dem, was auch ich gelesen habe, Frauen eher dazu neigen, Jobs anzunehmen, die Teilzeit ermöglichen. Das hat auch viel damit zu tun, dass sie diejenigen sind, die beim Thema Familie öfter beruflich zurückstecken, um beides miteinander in Einklang zu bringen. Heute gibt es auch einen sehr interessanten Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung, der anführt, dass in vielen europäischen Ländern die "Mutterschaftsstrafe", also der langfristige Unterschied zwischen dem Gehalt vor der Geburt des Kindes und danach, sehr, sehr groß ist. Das sind in Deutschland, glaube ich, im ersten Jahr 78 Prozent Minus und das wird zwar wieder ein bisschen aufgeholt, aber es baut sich ein Abstand zwischen dem Gehalt auf, und natürlich trägt diese Zeit auch nicht bei zum Beruf. Es gibt weniger Berufserfahrung und so weiter. Also da kumulieren sich die Bedingungen, die dann am Ende zu schlechterer Vergütung führen.

Köhler: Höre ich da heraus, Herr Grandmontagne, die Bühnenprobleme von darstellenden Künstlern bei Oper, Schauspiel, Tanz und so weiter sind keine anderen als die auch in der übrigen Gesamtgesellschaft?

Grandmontagne: Zumindest ist es zu vermuten, dass ein Großteil der Probleme oder Rahmenbedingungen, die für den Rest der Gesellschaft gelten, auch bei uns am Theater gelten, und wir sind auch aufgerufen, uns damit zu beschäftigen. Ich glaube, entscheidend sind vor allen Dingen auch soziokulturelle Normen und Rollenbilder. Die sind nun in der Tat in der Gesellschaft so, und da müssen wir auch am Theater heran. Wir beschäftigen uns übrigens auch im Bühnenverein nicht nur in der Vergangenheit. Wir haben in der letzten Jahreshauptversammlung schon sehr ausgiebig dazu getagt. Auch in der Jahreshauptversammlung im Juni diesen Jahres werden wir uns sehr ausführlich mit dem Thema beschäftigen.

Wir werden unter anderem auch einen Workshop zum Thema Geschlechtergerechtigkeit machen, wo es ja auch um Best-Practice-Beispiele geht, wo es um die Frage geht, wie bekommt man mehr weibliche Regisseurinnen, wie kann man auch dem Problem, dass zu wenig von Autorinnen und auch von Komponistinnen gespielt wird, zu Leibe rücken. Es wird an allen Ecken und Enden das Thema problematisiert, thematisiert, und ich glaube, dass das ein ganz wichtiger Schritt ist, um dann auch sich noch mal klar zu machen, woran es hängt und wie Lösungen aussehen können.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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