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StartseiteSport am WochenendeEr boxt sich einfach durch21.08.2010

Er boxt sich einfach durch

Integration mit Ex-Boxer Ibraimo Alberto, dem letzten verbliebenen Schwarzafrikaner in Schwedt

Die brandenburgische Kleinstadt Schwedt hat seit dem Mauerfall ein Drittel ihrer Bevölkerung verloren. Der Anteil an Migranten liegt bei 2,1 Prozent - in Berlin ist er sechs Mal so hoch. Nur ein Schwarzafrikaner lebt noch unter den 35000 Schwedtern: Ibraimo Alberto. Immer wieder wird er Opfer von Gewalt und Rassismus. Was ihn stark gemacht hat, war vor allem der Sport. Nun nutzt er den Sport, um andere stark zu machen.

Von Ronny Blaschke

Boxer-Trainer Alberto sieht sich in Schwedt immer wieder rassistischen Übergriffen ausgesetzt. (Ronny Blaschke)
Boxer-Trainer Alberto sieht sich in Schwedt immer wieder rassistischen Übergriffen ausgesetzt. (Ronny Blaschke)

Eine kleine Sporthalle am Stadtrand, umgeben von Plattenbauten. An den Wänden hängen vergilbte Fotos und Wimpel. Zehn junge Männer bearbeiten mit Wucht schwere Sandsäcke. Einer von ihnen ist Ibraimo Alberto. Er blickt konzentriert, Schweiß tropft von seiner Stirn, sein roter Pulli ist verziert einem Schriftzug: "Sport gegen Gewalt". Ibraimo Alberto ist vor dreißig Jahren aus Mozambique gekommen. Er suchte Arbeit, er suchte das Glück. Er hat es immer schwer gehabt - doch er boxte sich durch:

"Boxen hat mir auch bei der Integration geholfen. Ich versuche immer noch, weiter drin zu bleiben. Gott sei dank bin ich sehr gut integriert und sehr gut aufgenommen worden. Bis jetzt bin ich wirklich ein Herzenskind im Verein."

Ibraimo Alberto ist 47 Jahre alt, doch er sieht zehn Jahre jünger aus. Er hat Medaillen und Pokale erkämpft. Boxen hatte ihn in Schwedt beliebt gemacht, Boxen war sein Schutzschild. Inzwischen bestreitet er keine Kämpfe mehr, aus Altersgründen. Alberto hält sich fit, zum Beispiel mit Seilspringen. Sein Bekanntheitsgrad ist gesunken, auf den Straßen von Schwedt spürt er das fast jeden Tag:

"Es tut mir weh einfach, wenn ich von Kindern beschimpft werde. Manchmal sogar von einem Zehnjährigen, das war erst vor einem Monat. Ich war einkaufen mit meiner Frau. Hey Papa, guck mal, ein Neger, iiiih. Mein Frau selbst wurde auch als Hure beschimpft und meine Kinder als Hurensohn. Das sind ganz schreckliche Sachen. Deswegen spaziere ich nicht mit meinen Kindern, das ist eine Gefahr."

Ibraimo Alberto wohnt in einem Hochhaus, zehnte Etage. Tiefer gehe es kaum, sagt er, sonst würden Neonazis wieder Flaschen und Steine auf seinen Balkon schmeißen, oder gegen seine Scheiben. Alberto wurde schon geschlagen, bespuckt, beleidigt.

Das Wohnzimmer von Ibraimo Alberto ist mit Erinnerungen gefüllt. Urkunden, Fotoalben, Aktenordner. Am Fenster klemmt die Flagge Mozambiques. Doch der prominenteste Platz in seiner Schrankwand gehört den Bildern seiner Kinder. Alberto hat eine Tochter und einen Sohn, beide gehen zur Schule. Würde es sie nicht geben, er hätte Schwedt längst verlassen. Doch es gibt sie, und so geht Alberto in die Offensive: Seit zwanzig Jahren hilft er Migranten. Er ist der Begleiter ihres Alltags. Alberto ist Sozialpädagoge und seit fünf Jahren Ausländerbeauftragter in Schwedt. Ehrenamtlich.

Wenn Ibraimo Alberto seiner Aufgabe nachgeht, nimmt er die Trommel aus seiner Heimat mit. Er spricht auf Integrationsfesten, leitet Diskussionen in Schulen, hilft bei Ausstellungen. Oder er organisiert Wettbewerbe. Als Botschafter für kulturelle Vielfalt:

"Also hier bei den Jugendlichen in Schwedt versuche ich das gemischt mit mehreren Nationen, versuche ich an Fußballturnieren teilzunehmen, einladen zu lassen. Dann spielen wir auch gegen Rassismus, natürlich. Damit die auch merken, wie gut das ist, wie schön das ist, wenn wir gemeinsam spielen."

Seine Arbeit ist mühselig, immer wieder schreitet Ibraimo Alberto durch die Flure der Behörden. Er stellt Förderanträge für seine Sportprojekte und sucht nach Partnern. Oft mit Gegenwind. Für die SPD sitzt er in der Stadtverordnetenversammlung. Mehrfach hat er protestiert gegen das Verhalten eines Parteikollegen. Albertos Vorwurf: Latenter Rassismus. Er fühle sich nicht ernst genommen. Doch so gehe es ihm nicht nur in der Lokalpolitik. Auch im Alltag, zum Beispiel beim Einkaufen:

"Auch das Geld, das sie geben, wie die das nehmen, die Art, wie sie das nehmen: ziehen. Und gleich mit Gewalt wechseln, die Kasse zu machen. Einfach den Kassenbon hinschmeißen. Und dann merke ich schon, das ist latenter Rassismus. Und dann auch nicht mit mir reden wollen. Das passiert sehr oft, jeden zweiten oder dritten Tag, man erlebt das."

Am Nachmittag ist Ibraimo Alberto wieder in der Boxhalle. Sein Trainer sagt, er könne keiner Fliege etwas zu Leide tun. Regelmäßig hilft Alberto Jugendlichen, mit ihren Aggressionen umzugehen. Er hat sich Gelassenheit angeeignet, er schaut den Menschen direkt in die Augen und sucht ein Gespräch.

Später auf dem Platz der Befreiung, im Zentrum von Schwedt. Ibraimo Alberto trifft drei Freunde aus Indien, Migranten wie er. Die Atmosphäre ist entspannt, das ist selten. Alberto ist seit dreißig Jahren in Deutschland. Er ist kein Fremder, doch er wird als Fremder behandelt. Viele seiner afrikanischen Bekannten haben Schwedt verlassen, Richtung Berlin, Paris oder London. Er wird ihnen folgen, so bald seine Kinder aus der Schule sind. Boxen kann er überall auf der Welt.

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