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Erdbebengeschützter Saatgut-Speicher
Überlebensversicherung für Kulturpflanzen

In einem eisigen Berg auf Spitzbergen wird Saatgut von Nutzpflanzen aus der ganzen Welt gekühlt gelagert - ein Back-up für den Fall, dass Kriege, Katastrophen oder der Klimawandel unsere Kulturpflanzen vernichten könnten. Damit das nicht geschieht, gibt es den "Svalbard Global Seed Vault".

Von Michael Marek | 10.09.2015
    Eingang zur Saatgutdatenbank auf Spitzbergen
    Eingang zur Saatgutdatenbank auf Spitzbergen (picture alliance / dpa / Photopqr / La Provence / Launette Florian)
    Stille. Plötzlich beginnen die Ventilatoren der Kühlanlage zu toben. Von außen ist nur das betonierte, schmale Eingangsportal sichtbar, das aus dem schneebedeckten Berg zu wachsen scheint. Auf die Nutzung des Platåberget weist ein improvisiertes, an Holzpfählen angebrachtes Schild auf der Zufahrtsstraße hin: "Svalbard Global Seed Vault - Weltweiter Saatgut-Tresor Spitzbergen". So lautet die offizielle Bezeichnung für diese moderne Arche Noah.
    Brian Lainoff öffnet die zweiflügelige Stahltür am Eingang. Der großgewachsene US-Amerikaner arbeitet für den "Global Crop Diversity Trust". Der Welttreuhandfond für Kulturpflanzenvielfalt ist eine unabhängige internationale Organisation mit Sitz in Bonn und zuständig für den Global Seed Vault auf Spitzbergen. Ziel des Crop Trust: die Vielfalt an Saatgut zu bewahren.
    Longyearbyen im norwegischen Spitzbergen ist gut 1.200 Kilometer vom Nordpol entfernt: Wo früher Braun- und Steinkohle abgebaut wurde, lagern heute in einem eisigen Berg knapp 865.000 Samenproben von Mais, Reis, Weizen und anderen Nutzpflanzen. In Plastikboxen verpackt, geschützt vor Erdbeben, saurem Regen und radioaktiver Strahlung. Sie sollen nach einem Katastrophenfall helfen, die Erde wieder zu kultivieren - wenn bewaffnete Konflikte wie in Syrien, Epidemien, Schlammlawinen, Hochwasser, Dürre, Seuchen oder Vulkanausbrüche Ackerland vernichtet haben.
    "Der Klimawandel schreitet voran. Deshalb ist es wichtig, ein Back-up-System hier auf Spitzbergen zu haben."
    Norwegens Klima- und Umweltministerin Tine Sundtoft:
    "Mit unserem Engagement übernehmen wir Verantwortung, um die Artenvielfalt zu gewährleisten."
    Durchschnittlich dreimal im Jahr herrscht im Global Seed Vault geschäftiges Treiben. Dann werden die Samen angeliefert und verschwinden im Stollen.
    "Das hier sind die Boxen mit den Samen. Schwarze Plastikbehälter, das ist alles. Die Boxen sind nicht dafür gedacht, geöffnet oder verschickt zu werden. Dafür sind sie extrem widerstandsfähig und hart. Sie dürfen nur dem Eigentümer ausgehändigt werden. Niemandem sonst. Braucht ein Land seine Samen, vielleicht weil es ein Problem mit der eigenen Samenbank gibt, dann können die Samen von hier zurückgeholt werden."
    Gleichwohl gibt es Einwände gegen die Saatgut-Bank auf Spitzbergen: Wäre es nicht sinnvoller, Energie, finanzielle und politische Ressourcen dafür einzusetzen, Ökosysteme durch Schutzgebiete für Nutzpflanzen zu sichern? Muss man nicht die globalen Umweltprobleme bekämpfen und dafür sorgen, dass Nutzpflanzen gar nicht erst aussterben, bevor man ihre Samen im Permafrost Spitzbergens einlagert? Für Matthias Meißner vom World Wide Fund For Nature Deutschland (WWF) ist Spitzbergens Saatguttresor zwar eine Möglichkeit, Samen aufzuheben ...
    "Viel wichtiger ist es, die Pflanzen und das Saatgut in-situ, also direkt bei den Landwirten oder auch in Schulen zu bewahren. Damit geben wir dem Saatgut und der Nutzpflanze die Möglichkeit, sich den Veränderungen im Klima anzupassen".
    Diese Methode sei zwar arbeitsintensiver, aber: Die Widerstandsfähigkeit einer Pflanze oder eines ganzen Ökosystems sei im Wesentlichen von der genetischen Vielfalt abhängig – von der Fähigkeit, mit Einschränkungen umzugehen, die Folgen von Umweltveränderungen wie Hitze, Trockenheit und Versalzung zu bewältigen. Anpassung sei ein Prozess, der eben nicht in einem "Kühlfach" wie auf Spitzbergen gelingen könne:
    Zu den Unterstützern des Crop Trust gehören Ägypten, Australien, Brasilien, Deutschland, Kolumbien und die USA. Aber auch Firmen wie DuPont/Pioneer und Syngenta. Kritiker werfen Syngenta unter anderem sein Engagement auf dem Gebiet der Gentechnik vor. Und Pioneer Hi-Bred war das erste Unternehmen, das transgenen Mais entwickelt hat. Der WWF hält die Verstrickung von Wirtschaft und Crop Trust für problematisch:
    ""Ich glaube, in solchen Projekten muss es eine blitzsaubere Beteiligung von den Geldgebern da sein muss! Ich würde es für nicht förderlich sehen, wenn solche Unternehmen wie Pioneer oder Syngenta das fördern. Ich glaube, dass das im Gegensatz zu der Idee steht, das für die gesamte Menschheit und nicht im Zweifelsfall für industrielle Interessen zu bewahren."