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StartseiteForschung aktuellMeldungen aus der Wissenschaft20.09.2019

Erforscht, entdeckt, entwickeltMeldungen aus der Wissenschaft

Seit 1970 hat Nordamerika etwa drei Milliarden Vögel verloren +++ Neue Forschung gibt den Denisova-Menschen ein Gesicht +++ Hinter dem Havanna-Syndrom könnten Nervengifte aus Pestiziden stecken +++ Wie Menschen Töne wahrnehmen, hängt vom kulturellen Hintergrund ab +++ Das Gehirn könnte im Schlaf aktiv vergessen

Von Lennart Pyritz

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Neues aus der Wissenschaft - Die Wissenschaftsmeldungen aus "Forschung aktuell" (Deutschlandradio)
Neues aus der Wissenschaft – die Wissenschaftsmeldungen aus "Forschung aktuell" (Deutschlandradio)

Seit 1970 hat Nordamerika etwa drei Milliarden Vögel verloren

Anders ausgedrückt: Die Vogelpopulationen in Kanada und den USA haben in den vergangenen 50 Jahren um etwa ein Drittel abgenommen. Vom Rückgang betroffen sind Hunderte Spezies, darunter Gartenvögel wie Spatzen aber auch Zugvögel wie Schwalben. Die Zahlen wiesen auf eine umfassende ökologische Krise hin, warnt das Forschungsteam im Fachmagazin Science – vermutlich ausgelöst durch die menschenverursachte Zerstörung der natürlichen Lebensräume. Damit drohten auch große wirtschaftliche Folgen, da Vögel eine wichtige Rolle bei Samenausbreitung und Schädlingsbekämpfung spielen.

Die Wissenschaftler hatten mehrere standardisierte Datensätze zu Vogelbeobachtungen analysiert, um die Populationsentwicklung von 529 nordamerikanischen Arten in den vergangenen Jahrzehnten zu rekonstruieren. Als besonders vom Rückgang betroffen erwiesen sich dabei Arten aus zwölf Vogelfamilien, darunter Grasmücken und Sperlinge.

Allerdings beobachteten die Forscher für einige Spezies von Greif- und Wasservögeln auch eine Zunahme der Populationen. Sie vermuten, dass dafür gezielte Naturschutzmaßnahmen verantwortlich sind. Vergleichbare Initiativen könnten auch den potenziellen Kollaps anderer Vogelpopulationen abwenden, argumentieren die Autoren.

Quelle: Science


Neue Forschung gibt den Denisova-Menschen ein Gesicht

Ein internationales Team hat die Anatomie der ausgestorbenen Menschenform rekonstruiert. Darüber war wenig bekannt, denn bislang wurden nur einzelne Knochen von Denisova-Menschen gefunden – darunter ein Fingerknochen und ein Unterkiefer. Für eine Studie im Fachblatt Cell haben die Wissenschaftler nun die alte DNA aus Knochenproben untersucht, um anatomische Merkmale abzuleiten.

Dazu analysierten sie die Methylierungsmuster des Erbguts – chemische Veränderungen, die die Aktivität der Gene beeinflussen. Diese verglichen sie mit den Mustern von Neandertaler und Homo sapiens und zogen daraus Rückschlüsse auf die damit verbundenen Ausprägungen des Skeletts.

Das Fazit: Wie die zeitgleich lebenden Neandertaler hatten die Denisova-Menschen ein langgezogenes Gesicht und ein breites Becken. Sie zeigten aber auch Ähnlichkeiten mit dem Homo sapiens sowie eine Reihe einzigartiger Merkmale. Vermutlich war zum Beispiel ihr Schädel breiter als bei den anderen beiden Menschenformen.

Neuen Schätzungen zufolge lebten Denisova-Menschen noch bis vor etwa 50.000 bis 70.000 Jahren im heutigen Sibirien.

Quelle: Cell


Hinter dem Havanna-Syndrom könnten Nervengifte aus Pestiziden stecken

Benommenheit, Kopfschmerzen, verschwommenes Sehen: Seit 2016 hatten etwa 40 Diplomaten aus Kanada und den USA sowie deren Angehörige in Kuba gesundheitliche Probleme entwickelt. Nach dem Dienstort wurden die Beschwerden als Havanna-Syndrom bezeichnet. Über die Ursachen war lange gerätselt worden, sogar mysteriöse Akustik-Attacken wurden vermutet. Eine wissenschaftliche Untersuchung der Universität Dalhousie und der Gesundheitsbehörde von Nova Scotia, die gestern von Radio Canada veröffentlicht wurde, legt jetzt dagegen nahe, dass die Beschwerden durch Nervengifte aus Mückenbekämpfungsmitteln hervorgerufen wurden.

Für die Studie wurden Blutproben und MRT-Aufnahmen von etwa 30 Personen untersucht, darunter Betroffene aber auch Menschen, die nie auf Kuba waren. Dabei entdeckten sie Schäden in einer Hirnregion, die das Havanna-Syndrom erklären könnten und die anfällig für Neurotoxine aus Pestiziden ist.

Ein mögliches Erklärungsmodell: Nach dem Ausbruch des Zika-Virus in Südamerika 2016 waren vermehrt Botschaftseinrichtungen und Wohnungen von Mitarbeitern mit Mückenbekämpfungsmitteln ausgesprüht worden.

Quelle: AFPD, Reuters, Untersuchungsreport


Wie Menschen Töne wahrnehmen, hängt vom kulturellen Hintergrund ab

Westliche Musik ist in Oktaven gegliedert, und zwei Töne im Abstand einer Oktave klingen sehr ähnlich – zum Beispiel ein zwei- und ein dreigestrichenes c. Das gilt allerdings nur für Menschen, die mit dieser Art von Musik vertraut sind. Eine Studie im Fachmagazin Current Biology zeigt jetzt, dass Mitglieder der Tsimane – eine abgeschieden im Regenwald Boliviens lebende Volksgruppe –keine Ähnlichkeiten zwischen zwei Musiknoten im Oktavabstand wahrnehmen. Es gebe zwar eine mathematische Beziehung zwischen den entsprechenden Tonfrequenzen. Das Gehirn müsse aber offenbar erst durch das Hören entsprechender Musik darauf eingestellt zu werden, so die Autoren.

Die Wissenschaftler hatten Mitglieder der Tsimane sowie Musiker und Nicht-Musiker aus den USA gebeten, einfache Melodien nachzusingen. Dabei zeigte sich: Die US-Amerikaner reproduzierten die Töne exakt einige Oktaven höher oder tiefer als das Original – bei den Tsimane war das nicht der Fall.

Die Studie zeigte auch Gemeinsamkeiten: Die Obergrenze, an der Tonfrequenzen noch zuverlässig unterschieden werden konnten, lag bei allen Versuchsteilnehmern ungefähr bei 4000 Hertz.

Quelle: Current Biology 


Das Gehirn könnte im Schlaf aktiv vergessen

Darauf weist eine Studie im Fachblatt Science hin. Deren Autoren beschreiben bei Mäusen eine Gruppe von Nervenzellen, die offenbar in der REM-Phase durch ihre Aktivität beeinflussen, ob neu aufgenommene Informationen gespeichert oder gelöscht werden. Die Gruppe von Zellen im Gehirn war bereits für ihre Aktivität in der REM-Phase bekannt. Die Wissenschaftler haben jetzt Gedächtnistests mit Mäusen gemacht und die Nervenzellen anschließend künstlich an- und ausgeschaltet. Dabei zeigte sich: Wurden die Zellen in der REM-Phase deaktiviert, erinnerten sich die Nager besser.

Die Nervenzellen könnten dem Gehirn helfen, aktiv neue, unwichtige Informationen im Schlaf zu löschen. Da Menschen in der REM-Phase auch am meisten träumen, könnte der Mechanismus außerdem erklären, warum wir uns meist schlecht an Träume erinnern.

Zu ergründen, wie sich Schlaf auf das Vergessen auswirkt, könnte auch helfen, Beschwerdebilder wie posttraumatische Belastungsstörungen oder Alzheimer besser zu verstehen, so die Autoren.

Quelle: Science 

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