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Erinnerung an einen großen Nachkriegsautor

Vor zehn Jahren ist der polnische Hörspielautor, Dichter, Dramatiker und Essayist Zbigniew Herbert gestorben. Seine Werke, darunter der Gedichtband "Bericht aus einer belagerten Stadt", wurden mit einer Reihe internationaler Literaturpreise ausgezeichnet und machten ihn auch in Deutschland bekannt.

Von Martin Sander |
    Zu der Aura, die den Dichter zu Lebzeiten umgab, passte der Eröffnungsabend im Warschauer Nationaltheater eigentlich nicht. Denn Zbigniew Herbert, einer der Großen der polnischen Nachkriegsliteratur, der 1924 als Sohn eines Bankdirektors im galizischen Lemberg zur Welt kam und 1998 in Warschau starb, hatte stets sein Unbehagen am Fortschritt kundgetan - Konsum nebst Technik eingeschlossen. Die feierliche Inauguration des Zbigniew-Herbert-Jahrs 2008 dominierte hingegen eine multimediale Installation: Auf mehreren Etagen des Warschauer Nationaltheaters Herbert-Texte auf MP3-Playern und zum Herunterladen auf das eigene Handy, Bildschirme und Lautsprecher allenthalben. Zum Glück blieb es nicht dabei. Zu betrachten war zum Beispiel auch eine Sammlung von Zeichnungen des Autors, eher fantastische denn realistische Reiseskizzen mit einem Hang zur feinsinnigen Groteske - wie bei jenem Motiv vom Angler, der mit der Rute in der Hand auf einem Fisch reitet.

    Auf Bühne des Nationaltheaters sprach der Schauspieler Zbigniew Zapasiewicz ohne multimediale Ablenkung Herbert-Texte, die mal lapidar, zornig, die Lage des Menschen im Zeitalter totalitärer beschworen oder - sich dabei aller Vergeblichkeit bewusst - Rat bei den Autoritäten von einst suchten.

    Mit Zbigniew Herbert feiert das polnische Kulturministerium einen Autor, der beim polnischen Publikum beliebter ist als die Literaturnobelpreisträger Wislawa Szymborska und Czeslaw Milosz. Jan Kasprzyk, mitverantwortlich für das Veranstaltungsprogramm:

    "Herbert wird gelesen, und er wurde natürlich zu seinen Lebzeiten gelesen. Allerdings ist seine Dichtung außerordentlich schwierig. Sie hat eine Botschaft, eine Botschaft, die von der Würde des Individuums und von humanistischen Werten handelt. Die Inspiration dafür ist bei Herbert die Antike. Das macht ihn universal."

    Mit seinem eigenen ebenso bewundernden wie respektlosen Blick war Zbigniew Herbert immer wieder der abendländischen Tradition auf der Spur und versuchte dabei die Konflikte seiner Zeit zu erfassen. Herbert war, kurz gesagt, ein unangepasster Konservativer. Im Zweiten Weltkrieg hatte er im polnischen Untergrund konspiriert, nach dem Zweiten Weltkrieg einzelne Gedichte in Zeitschriften untergebracht, sich dem stalinistischen Kulturbetrieb mit seiner Doktrin vom Sozialistischen Realismus konsequent verweigert. Das eigentliche Debüt fand erst 1956 im so genannten Tauwetter statt. Der Lyrik-Band "Lichtsaite" machte ihn auch bald international bekannt, in Deutschland vor allem durch die frühen Übersetzungen von Karl Dedecius. Über drei Jahrzehnte führte der vielfach ausgezeichnete Lyriker, der zugleich Hörspiele schrieb und tiefgründige Essays über das antike und mediterrane Europa verfasste, ein ruheloses Reiseleben durch den Westen und Süden Europas, kehrte aber immer wieder in das kommunistische Polen hinter den Eisernen Vorhang zurück.

    Herbert litt an seiner Umgebung so wie an sich selbst, und er verlieh diesem Leiden in seinen Texten Ausdruck. Jan Kasprzyk:

    "Er war ungewöhnlich heißblütig in seinem Werk, er reagierte sehr emotional auf die Wirklichkeit, die ihn umgab. Man kann das besonders deutlich in seinen Texten aus den siebziger und achtziger Jahren erkennen."

    "In mir ist eine Flamme, die denkt", heißt es bei Herbert. So lautet auch das Motto des Zbigniew-Herbert-Jahrs. Die Idee stammte von der inzwischen abgewählten Regierung Jaroslaw Kaczynski, wurde aber von deren Nachfolgern gern aufgegriffen. Politisch einordnen ließ sich der gefeierte Dichter zwar nie. Doch verstörte er die polnische Öffentlichkeit kurz vor seinem Tod mit pauschalen Angriffen auf liberale Persönlichkeiten der Nachwendezeit, warf ihnen Verrat der alten Ideale und Kumpanei mit den Postkommunisten vor. Selbst seinen alten Freund Czeslaw Milosz verschonte er dabei nicht. Das macht ihn bis heute zum Liebling der Nationalkonservativen. Deren Handschrift trägt das reiche Programm des Zbigniew-Herbert-Jahrs mit seinen Lesungen, Ausstellungen und internationalen Symposien aber keineswegs.