Freitag, 19. August 2022

Archiv


Erinnerungen eines Gorillas

Biologie. - Große Menschenaffen verfügen über erstaunliche kognitive Leistungen: Intelligenz, Sprachvermögen, Sozialverhalten und elementare Bewusstseinsfähigkeiten. Sie scheinen auch über ein gutes Gedächtnis zu verfügen, denn sie erkennen andere Affen, Pfleger, Orte und Plätze auch nach längerer Zeit wieder. Ob sie aber auch jene spezielle Art der Erinnerung, die Menschen auszeichnet - das so genannte episodische Gedächtnis zu einzelnen Ereignissen einer Lebensgeschichte - besitzen, daran rätseln Experten noch. Eine neue Studie bringt Licht in diese Frage.

Von Martin Hubert | 21.09.2004

    King, der 200-Kilo-Gorilla mit drei Jahrzehnten Lebenserfahrung auf dem Buckel, wird sich gewundert haben. Plötzlich tauchten im Zoo von Miami Menschen vor seinem Käfig auf, die er nicht kannte. Und sie machten Dinge, die er vorher noch nie gesehen hatte. Einer sprang mit merkwürdigen Verrenkungen in die Luft, ein anderer schlug auf einen drahtüberzogenen Holzkasten ein, sodass die Luft zu schwirren begann. Offenbar wollten sie um jeden Preis seine Aufmerksamkeit erregen. Worüber King wahrscheinlich ziemlich staunte, war Teil der weltweit ersten Versuchsreihe über das episodische Gedächtnis von Gorillas. Versuchsleiter Bennett Schwartz, Professor für Kognitionspsychologie an der Florida International University in Miami.

    Das Episodische Gedächtnis beinhaltet die Fähigkeit, Zeitreisen in die eigene Vergangenheit zu machen und sich an einzelne Ereignisse zu erinnern. Man erinnert sich nicht an einzelne Fakten, sondern an ganze Episoden, an Handlungssequenzen der eigenen Lebensgeschichte und weiß auch, dass sie vergangen sind. Unser Experiment mit King sah so aus, dass wir einfach solche Ereignisse für ihn inszenierten. Manchmal gaben wir ihm einfach nur etwas Bestimmtes zu essen, ein anderes Mal hüpften Menschen, die er nicht kannte, mit einem Seil vor seinem Käfig herum. Oder jemand spielte ihm etwas auf der Gitarre vor. Ein paar Minuten später oder am nächsten Tag gaben wir King dann verschiedene Karten, auf denen solche Ereignisse abgebildet waren. Um eine Belohnung zu bekommen, musste King die richtige Karte für das letzte Ereignis auswählen, das wir für ihn inszeniert hatten.

    King kann sich schon seit Jahren mit Hilfe solcher Karten mit seinen Pflegern verständigen. Hat er zum Beispiel Lust auf Orangen, gibt er ihnen einfach die Orangenkarte. Bei diesem Experiment ging es aber erstmals um vergangene Ereignisse, für die King zwei verschiedene Karten einander zuordnen musste. Wenn zum Beispiel am Tag zuvor Pflegerin Tina King eine Banane gegeben hatte, musste King die Karte für Tina und die für Banane ziehen. Tatsächlich gelang ihm das manchmal sogar dann, wenn Tina selber nicht mehr wusste, ob sie ihn tags zuvor mit einer Banane oder einer Orange verwöhnt hatte.

    Bei der Erinnerung an die Person, die ihm etwas zu essen gegeben hatte, lag King noch 24 Stunden später in fast 90 Prozent der Fälle richtig. Und wenn er zusätzlich noch die Frucht identifizieren sollte, war er immerhin zu 70 Prozent erfolgreich. Wenn es nicht um Nahrungsmittel, sondern um andere Objekte ging, oder wenn ihm die Personen vorher nicht bekannt waren, ging sein Erinnerungsvermögen etwas zurück, jedoch nicht gravierend.

    Aber 24 Stunden lang konnte sich King offenbar recht gut an vergangene Ereignisse erinnern. Heißt das bereits, dass Gorillas ein episodisches Gedächtnis wie der Mensch besitzen? Bennett Schwartz schränkt ein: Menschen können sich an Ereignisse aus ihrer Kindheit erinnern, Kings episodischer Gedächtnishorizont dagegen reicht wohl wirklich nicht über den letzten Tag hinaus. Bennett Schwartz zeigte King zum Beispiel Karten, die ihn an seinen ersten Tag in einem großartigen neuen Freigehege erinnern sollten, der einige Monate zurück lag. Der Gorilla aber reagierte nicht darauf .Außerdem gibt es keinerlei Hinweise dafür, dass King weiss, was Vergangenheit ist. Auch scheint er kein autobiographisches Gedächtnis in dem Sinn zu besitzen, dass er bestimmte Lebensereignisse auf bedeutungsvolle Art und Weise aufeinander bezieht. Offenbar trifft also auch in Bezug auf das episodische Gedächtnis zu, was für viele andere kognitive Fähigkeiten bei Menschenaffen gilt. Die Tiere besitzen zwar die Anlage dazu, aber sie ist im Vergleich zum Menschen nur rudimentär entwickelt.