Montag, 04. Juli 2022

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Erinnerungen eines Hirnchirurgen
Einblick in ein krankes Gesundheitssystem

In seinem Werk "Um Leben und Tod" verrät der mittlerweile pensionierte Neurochirurg Henry Marsh Unfassbares aus seinem Berufsalltag. Zornig beschreibt der Brite den tagtäglichen Kampf mit dem staatlichen Gesundheitssystems seines Landes und der überbordenden Bürokratie, in der der Patient fast nichts zählt.

Von Dagmar Röhrlich | 05.07.2015

Ein Mediziner bekommt am 18.02.2014 in einer Klinik in Baden-Württemberg vor einer Operation ein Paar Handschuhe angezogen.
Der Neurochirurg - ein Halbgott im OP-Kittel? Wer diesem Glauben anhängen möchte, sollte Henry Marshs Lebensbeichte besser nicht lesen. (picture-alliance / dpa / Felix Kästle)
Kurz vor seiner Pensionierung veröffentlichte der bekannte britische Hirnchirurg Henry Marsh seinen Bestseller "Um Leben und Tod". Darin erzählt er vom Alltag in seinem Beruf, vom Heilen, Hoffen und Scheitern - und er bietet einen Einblick in ein krankes Gesundheitssystem.
Der Neurochirurg - ein Halbgott in OP-Kittel-Blau: Wer diesem Glauben anhängen möchte, sollte Henry Marshs Lebensbeichte besser nicht lesen. Der Autor baut dieses Bild in seiner Autobiografie zwar nach allen Regel der Kunst auf, mit Berichten über höchst gefährliche Eingriffe, die er erfolgreich durchführte und von Angehörigen, die ihm dankbar die Hand drückten. Eitel und überheblich baut er einen Popanz auf - um dann ein Nädelchen zu zücken und die Blase genüsslich platzen zu lassen.
Denn Henry Marsh erzählt auch, wie er einen Mann zum Wrack operierte, weil er sich selbst überschätzte und auf einem Chirurgenkongress glänzen wollte. Er berichtet von seinem Lampenfieber und von dem Jagdinstinkt, den ein schwer zu operierender Tumor in ihm weckt. Er schreibt, wie er als junger Arzt ein EKG falsch beurteilte und einen angsterfüllten, sterbenden Patienten allein ließ, um möglichst schnell wieder schlafen zu können. Er berichtet über den Spott, den Zynismus und die Herzlosigkeit, mit denen Ärzte auf ihren morgendlichen Besprechungen über ihre Patienten herziehen können. Und er beschreibt, wie sehr es ihn einmal aufgeregt hat, dass er wie alle anderen an der Supermarktkasse warten musste, obwohl er doch ständig Leben rette. Kurz: Fans von Arztserien werden entsetzt sein über dieses Buch, mit dem einer der renommiertesten Neurochirurgen kurz vor seiner Pensionierung seinen Arbeitsalltag beschreibt.
OP-Erfolg? Viel hängt schlicht vom Glück ab
Gehirnchirurgie ist höchst riskant, Bruchteile von Millimetern können darüber entscheiden, ob eine OP ein Erfolg wird oder fatal endet. Und so vergleicht Marsh seine Arbeit mit dem "Entschärfen einer Bombe". Vor allem aber betont er, dass - so modern die Verfahren inzwischen sind und wie geschickt der Chirurg auch sein mag - viel schlicht vom Glück abhängt. Das alles ist sehr gut geschrieben und so mühelos und angenehm zu lesen, dass man sich nur nebenbei fragt, warum man sich eigentlich mit diesem Buch beschäftigt: Ob man jetzt etwas über die Tumor-OP Tanjas erfährt oder nicht, die "der zweiten Patientin auf der Liste" oder die des Augenarztes mit dem Rezidiv: Das alles ist im Grunde unerheblich.
Und doch ist dieses Buch lesenswert. Denn zornig beschreibt Marsh den tagtäglichen Kampf mit dem staatlichen Gesundheitssystems Großbritanniens, der überbordenden Bürokratie, in der der Patient nichts zählt, mit der ewigen Bettenknappheit, durch die selbst lebenswichtige Operationen verschoben werden müssen. Verzweifelt ist er über die Zustände in der Ärzteausbildung. Wer liest, wie ein junger Assistenzarzt einen Patienten lähmt, wird künftig keinem Operateur unter 40 mehr trauen - und vielleicht sind 50 Jahre noch besser. Der Leser kann die Wut und Hilflosigkeit Marshs nachvollziehen, der diesen Arzt die einfache OP alleine hatte durchführen lassen, weil er selbst an einer Schulung über Krankenhausbürokratie teilnehmen musste.
Henry Marsh ist angesichts dieser Zustände im öffentlichen Gesundheitssystem sehr dankbar, sich die private Krankenhausversorgung leisten zu können. Nun ist Großbritannien nicht Deutschland, könnte der Leser einwenden. Die Frage ist nur, wann diese Zustände auch hier herrschen. Wer einen Blick in die wahrscheinliche Zukunft unseres Gesundheitssystems werfen will, sollte zu "Um Leben und Tod - Ein Hirnchirurg erzählt vom Heilen, Hoffen und Scheitern" greifen - und, falls er in die Lage kommt, dem Rat des Autors folgen und jeden Operateur fragen, wie viele Eingriffe dieser Art er denn schon durchgeführt habe.
Henry Marsh: "Um Leben und Tod: Ein Hirnchirurg erzählt vom Heilen, Hoffen und Scheitern"
Aus dem Englischen übersetzt von Katrin Behringer
Deutsche Verlags-Anstalt München, 352 Seiten, 19.99 Euro
ISBN-13: 978-3-42104-678-9